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Zwei parallele Karrierewelten

Von Christiane Junk

Die Durchlässigkeit zwischen Akademia und Industrie ist gering. Was sind die Ursachen?

Zwei parallele Karrierewelten© Stephan Zabel - iStockphoto.comIm späteren Berufsleben gelingt nur wenigen der Übergang zwischen Akademia und Industrie
Die meisten Chemiker wechseln direkt nach ihrer Promotion von der Hochschule in die Industrie. Wer da nicht geht, bleibt meist für viele Jahre an der Universität. Denn diese Entscheidung legt oft den restlichen Karriereweg fest: Im späteren Berufsleben gelingt nur wenigen der Übergang zwischen Akademia und Industrie. Was sind die Gründe für die geringe Durchlässigkeit zwischen den beiden Karrierewelten? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Karriereforum der Bunsentagung: "Karrierewege zwischen Industrie und Hochschule". An der zugehörigen Podiumsdiskussion nahmen vier Forscher teil, die in ihrem Karriereweg Akademia und Industrie verbinden (siehe Kasten).

Unterschiedliche Aufgaben

Die Arbeitsumgebung in der Industrie unterscheidet sich stark von der an Hochschulen: Die Industrie forscht produktorientiert. "Man muss mit gegebenen Mitteln in kürzester Zeit Produkte und Patente schaffen", sagt Peter Broekmann, Professor an der Universität Bern und Berater der BASF, im Interview. Dafür stellt das Unternehmen festgelegte Geldsummen und Mitarbeiter zur Verfügung. Die Mitarbeiter sind in der Regel langfristig angestellt, so dass der Laborleiter ihre Arbeitskraft fest einplanen kann. Zusätzliche Kenntnisse benötigt der industrieforschende Wissenschaftler in Betriebswirtschaft, Patentrecht oder Produktmarketing. In der Industrie "mutiert der Forscher zum Forschungsmanager", fasst Harry Hoster, Mitglied der Bunsen- Gesellschaft und Verantwortlicher fürs Karriereforum, die Ergebnisse der Podiumsdiskussion zusammen.1) Im Gegensatz dazu ist die Forschung an der Universität auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Publikationen ausgerichtet: Der Professor kann relativ frei entscheiden, was er erforscht. Zusätzliche Aufgaben sind Lehre, Drittmitteleinwerbung und Mitarbeiterbetreuung.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion

  • Peter Broekmann: Dozent für Elektrochemie und Gruppen - leiter an der Universität Bern. Berater des BASF-Verkupferungsteams.
  • Michael Dröscher: Präsident der GDCh. Außerplanmäßiger Professor an der Universität Münster. Corporate Senior Vice President Innovation Management bei Evonik.
  • Hubert Gasteiger: Professor für technische Elektrochemie an der TU-München. Vormals Technical Manager für Brennstoffzellenmaterialentwicklung bei General Motors.
  • Yvonne Joseph: Gastdozentin für Physikalische Chemie an der Universität Stuttgart. Wissenschaftlerin bei Sony Deutschland.

Von der Uni in die Industrie

Der Übergang von der Hochschule in die Industrie sei leichter als umgekehrt, berichten die Diskussionsteilnehmer. Personalmanager in der Industrie haben kaum Probleme mit Bewerbern, die von einer Hochschule stammen. Die Industrie sucht Forscher, die interdisziplinäre Teams aufbauen und leiten, Projekte systematisch planen und dokumentieren sowie interdisziplinär kommunizieren. Diese Fähigkeiten beherrscht ein Hochschulprofessor in der Regel, so dass der Übergang nicht schwerfällt.

Nach Ansicht der Diskussionsrunde kann bei einem späten Eintritt in die industrielle Laufbahn allenfalls die persönliche Einstellung Probleme bereiten, beispielsweise wenn der Wissenschaftler in seiner Arbeitsweise festgefahren und nicht bereit ist, sich dem Betrieb anzupassen. Harry Hoster erläutert: "Akademisch erfahrene und entsprechend spezialisierte Kandidaten sollten darauf achten, sich in der Industrie möglichst nach dem Schlüssel- Schloss-Prinzip zu bewerben." Der Wissenschaftler sollte also Stellen suchen, die perfekt auf sein Können ausgerichtet sind. Das vermeidet unzufriedene, weil überqualifizierte Arbeitnehmer und ein schlechtes Arbeitsklima.

Und andersrum?

Berufungskommissionen von Hochschulen haben ein gespaltenes Verhältnis zu Bewerbern aus der Industrie. Unkomplizierter sei in jedem Fall der Wechsel an technische Universitäten als an naturwissenschaftliche, sagen die Podiumsteilnehmer. Technische Universitäten sehen die Firmenkontakte oft als Vorteil. Peter Broekmann sagt dazu: "Am hilfreichsten sind wohl Einblicke in die Dinge, die aktuell in der Industrie erforscht oder entwickelt werden. Greift man dort kennengelernte Probleme auf, kann man an der Hochschule industrienahe Grundlagenforschung betreiben."

So ist auch das Einwerben von Drittmitteln leichter, da der Hochschulprofessor die Unternehmen kennt, welche sich mit der entsprechenden anwendungsorientierten Forschung beschäftigen. Der Wechsel an naturwissenschaftliche Universitäten erweist sich als sehr viel schwieriger. Dort bemängeln die Berufungskommissionen häufig zu kurze oder unterbrochene Publikationslisten, fehlende akademische Netzwerke und mangelnde Erfahrung im Einwerben von Drittmitteln. Dass Industrieforscher keine Erfahrung in der Lehre haben, ist an allen Universitäten ein geringeres Problem. Industriespezifische Erfahrungen sind auch in der akademischen Forschung wertvoll. Darin sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. So planen die Akademiker nach ihrem Ausflug in die Industrie ihre Projekte häufig besser.

Persönliche Erfahrungen

"Den Schritt in die Industrie, ob für immer oder auf Zeit", schreibt Hoster, "würden die Podiumsteilnehmer jederzeit wieder gehen". Die dort gewonnenen Erfahrungen brächten viele Vorteile. Peter Broekmann berichtet im Interview: "Ich könnte mir durchaus auch vorstellen irgendwann wieder in der Industrie zu arbeiten. Wenn man seine Kontakte pflegt und aktiv mit der Industrie kooperiert, fällt ein solcher Wechsel leicht." Ähnliches erzählen die übrigen Teilnehmer der Podiumsdiskussion. So bieten sich Kooperationen mit Hochschulen und Forschungsinstituten an, um akademische Netzwerke aufzubauen. Auch Mentoringprogramme, in denen Industriemitarbeiter Doktorarbeiten an Hochschulen begleiten, seien hilfreich, berichtet Yvonne Joseph, Wissenschaftlerin bei Sony Deutschland.

Broekmann bezeichnet die schlechte Durchlässigkeit von Industrie und Hochschulen als "das große Dilemma in Europa. Die beiden Bereiche seien wie Parallelwelten." Die Erfahrungen im jeweils anderen Gebiet würden nur selten anerkannt. Dabei sind sich die Diskussionsteilnehmer einig, dass eine bessere Vernetzung von Industrie und Hochschulen beiden Bereichen Vorteile bietet. Dass sich Industrie und Hochschulen einander nähern, ist auch der GDCh wichtig. Daher hat sie Anfang des Jahres gemeinsam mit dem Fonds der chemischen Industrie die Akademia-Industrie-Austauschinitiative gestartet.2) Diese ermöglicht es Wissenschaftlern aus Akademia und Industrie, zwei- bis achtwöchige Praktika im jeweils anderen Gebiet zu absolvieren. Dadurch tauschen sie Erfahrungen über Forschung und Methoden aus, und es entstehen neue Kontakte und Kooperationen.

Literatur
1) H. Hoster, Bunsenmagazin 2010, 12, 158.
2) K. Müllen, A. Kreimeyer, Nachr. Chem. 2010, 58, 215.


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Dezember 2010

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