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Zwischen Heimweh und Hoffnung

VON LEONIE SEIFERT

Die Krise hat sie hierher geführt: Wie junge Südeuropäer auf Arbeitssuche Deutschland erleben.

Zwischen Heimweh und Hoffnung© Kristian Sekulic - iStockphoto.comDeutschland bietet Einwanderern gute Chancen für die Jobsuche
Asterios Tzalavras, 25 Jahre alt, Assistenzarzt aus Ioannina, Griechenland: »Ich habe mich Anfang vergangenen Jahres bei acht deutschen Krankenhäusern beworben. Alle haben mich zum Vorstellungsgespräch eingeladen und mir danach die Stelle angeboten. Bei dem ärztlichen Direktor des Diakonie-Krankenhauses in Schwäbisch Hall hatte ich das beste Gefühl. Im Februar bin ich mit einem Koffer Klamotten hierhergekommen. Jetzt habe ich hier eine Stelle als Assistenzarzt.

Für mich war schon lange klar: Nach meinem Medizinstudium muss ich nach Deutschland. In Griechenland hätte ich jahrelang auf eine Stelle als Assistenzarzt warten müssen. Das ist so üblich, weil viel mehr Ärzte ausgebildet als gebraucht werden. Gute Noten helfen da nicht weiter. Und öffentliche Hilfe bei der Stellensuche gibt es auch nicht. Viele meiner Freunde sind arbeitslos. Das wollte ich auf keinen Fall.

Außerdem: Die Gehälter für Mediziner wurden gekürzt. 1000 Euro netto erhalten griechische Assistenzärzte. Dazu kommen 500 Euro für Nachtdienste, allerdings haben mehrere Krankenhäuser das Geld seit Monaten nicht mehr gezahlt. Wie soll man damit über die Runden kommen? Ich hätte bei meinen Eltern wohnen bleiben müssen, sie hätten mich weiter finanziert. Dabei haben sie selbst weniger Geld auf dem Konto, seitdem der Staat die Sparmaßnahmen umsetzen muss. Meine Mutter ist Kindergärtnerin, sie verdient jetzt weniger. Die Rente von meinem Vater ist gesenkt worden. Lebensmittel werden immer teurer, und der Sprit kostet natürlich auch mehr.

Die neuen Einwanderer

Früher waren Einwanderer Taxifahrer, Fabrikarbeiter und Zimmermädchen. Doch im Zuge der Euro-Krise kommen heute auch junge Ingenieure, Chemiker und Ärzte nach Deutschland. Trotz bester Ausbildung finden sie in ihren Heimatländern keine Arbeit. In Spanien sind fünf Millionen Menschen arbeitslos, die Hälfte von ihnen ist unter 25 Jahre alt; in Griechenland findet fast jeder dritte Hochschulabsolvent keinen Job. Überwiegend kommen die neuen Immigranten aus Osteuropa, aber auch viele junge Griechen, Spanier und Portugiesen suchen wegen der schlechten Lage zu Hause in Deutschland nach einer Stelle. Umgekehrt fahnden Headhunter von Firmen und von der Bundesagentur für Arbeit in den Krisenländern nach Fachkräften. Die ZEIT hat drei der neuen Einwanderer getroffen, die über ihre ersten Erfahrungen in Deutschland berichten.
Ich lebe nun in einem Wohnheim des Diakonie-Krankenhauses. Ich arbeite und lerne viel und gerne. Abends gehe ich oft in ein griechisches Restaurant. Das habe ich gleich in meiner ersten Woche gefunden. Die Besitzer und Kellner sind mittlerweile gute Freunde. Manchmal laden sie mich zu sich nach Hause ein, oder wir unternehmen etwas zusammen. Wenn Menschen dieselbe Sprache sprechen, fühlt man sich wohler. Dabei ist mein Deutsch ganz gut, ich habe als Kind schon einmal sieben Jahre hier gelebt. Damals gingen meine Eltern mit mir und meinen beiden Geschwistern hierher, weil sie uns in Deutschland mehr bieten konnten. Heute mache ich es genauso. Ich verdiene mehr als ein Assistenzarzt in Griechenland. Und ich weiß: Wenn ich gut bin, kann ich hier dauerhaft arbeiten. In Griechenland ist das nicht so, da muss man schon der Sohn eines Politikers sein, um eine richtige Arbeit zu finden. Selbst für eine Promotionsstelle muss man jemanden kennen!

Das Leben in Deutschland ist gerechter, und hier klappt einfach alles. Ein Beispiel: Wenn ich zur Arbeit gehe, ist kein Chaos auf der Straße. Die Autofahrer benehmen sich. Und so wie der Verkehr ist auch das Leben. In Griechenland fährt und macht jeder, was er will. Das Land steht für Euro-Krise, Korruption und Vetternwirtschaft - und nicht mehr für Mythologie und Demokratie oder Urlaub. Es gibt Leute, die zu mir sagen: »Ah, Sie sind Grieche! Wissen Sie auch, dass ich für Ihre Schulden zahle?« Ja, ich weiß!
Zwischen Heimweh und Hoffnung
Aber was soll ich dazu sagen? Danke? Oder dass es mir leidtut? Mittlerweile mache ich einfach selbst sarkastische Witze über die wirtschaftliche Lage meines Heimatlandes. Dann sehen die Deutschen, dass ich weiß, was sie denken, und sagen nichts mehr.«
Sara Benita Bernès, 28 Jahre, Wirtschaftsingenieurin aus Vilanova i la Geltrú, Spanien: »Seit elf Wochen lebe ich in einem kleinen Zimmer im Wohnheim des Goethe-Instituts in Schwäbisch Hall. Hier sind viele Ausländer, alle sind nach Deutschland gekommen, weil sie glauben, dass sie hier besser Karriere machen können als in ihren Heimatländern. Die meisten treffen sich schon nachmittags in der Küche und trinken Bier, abends machen sie Party. Aber dafür bin ich nicht hier. Ich bin gekommen, um Deutsch zu lernen. 45 Unterrichtsstunden habe ich pro Woche. Am Wochenende mache ich in meinem Zimmer Hausaufgaben. Das ist manchmal sehr einsam. Das Zimmer ist unpersönlich, nichts gehört mir außer meinen Klamotten, ich habe ein paar Blumen gekauft, aber schön ist es hier nicht. Mit einigen anderen teile ich mir das Badezimmer. Wir haben abwechselnd Putzdienst, aber niemand putzt. Auf den Fluren riecht es wie in einer Jugendherberge. Ich ignoriere das. Ich will so schnell wie möglich so gut Deutsch sprechen, dass ich mich für einen Job bewerben kann. Über meinem Schreibtisch hängen Merkzettel mit Vokabeln und Grammatikregeln. Als Spanierin rolle ich zum Beispiel das r, das muss ich mir abtrainieren. Dabei hilft mir Ilse. Ilse ist eine 84-jährige Frau aus Schwäbisch Hall, die ich zufällig kennengelernt habe. Wir treffen uns oft nachmittags und sprechen deutsch. Dafür helfe ich ihr beim Einkaufen, Backen und bei der Gartenarbeit. Sie ist dankbar, jemanden um sich zu haben. Und ich bin auch froh, nicht allein zu sein. Sie ist wie eine Oma für mich. Ich kann ihr erzählen, wenn ich Heimweh habe, und sie nimmt mich in den Arm.

Momentan lebe ich von der Abfindung, die mir mein früherer Arbeitgeber gezahlt hat, damit ich kündige. 30 000 Euro. Ich war Ingenieurin bei dem Beton- und Zementunternehmen Hormigones Uniland, und eigentlich kam mir die Abfindung ganz gelegen. Die Arbeit langweilte mich, ich war überqualifiziert und unterbezahlt mit 1500 Euro netto. Meine Miete betrug 1000 Euro warm. Ich konnte nichts sparen, um mal Urlaub zu machen. Und abends bin ich nicht in Bars gegangen oder mit Freunden tanzen.

Ich habe an einer Eliteuniversität in Barcelona studiert, der Universitat Politècnica de Catalunya, und zwei Abschlüsse gemacht: in Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen. Gerade schreibe ich meine Doktorarbeit. Ich muss mich nicht mit einem schlecht bezahlten Job zufriedengeben. In der Zeitung hatte ich gelesen, dass Angela Merkel bei einem Besuch in Spanien sagte, in Deutschland gebe es eine Million offene Stellen für Ingenieure. Also habe ich im September am Goethe-Institut in Barcelona meinen ersten Deutschkurs gemacht. Das dortige Institut kooperiert mit dem in Schwäbisch Hall, deshalb bin ich jetzt hier. Ich vermisse meine Familie. Vor allem an Samstagen. Da hat meine Mutter immer für alle gekocht, und wir haben zusammen gegessen und von unserer Woche erzählt. Jetzt bin ich so oft wie möglich bei Skype online, um noch ein bisschen dabei zu sein. Kürzlich habe ich meine Bewerbung in dem EU-Internetportal Eures online gestellt. Einfach um zu schauen, was passiert. Heute habe ich Post bekommen von der Agentur für Arbeit: Vier Firmen wollen mich auf einer Karrieremesse in Stuttgart treffen. Vielleicht ist das schon eine Chance. Richtige Bewerbungen schicke ich aber erst an deutsche Unternehmen, wenn ich etwas besser Deutsch kann, obwohl ich von Spaniern gehört habe, die ohne Deutschkenntnisse einen Job bekommen haben. Viele von ihnen sprechen noch nicht einmal Englisch. Ich finde, das geht nicht.«

Davide Spoladore, 35 Jahre, Maschinenbau-Ingenieur aus Rovigo, Italien: »Seit April arbeite ich bei einer Firma in Frankfurt am Main, die Motoren entwickelt. Als ich umgezogen bin, haben meine Freundin und ich uns getrennt. Die Beziehung hätte keine Perspektive, wenn ich in Frankfurt leben würde und sie in Mailand, hat sie gesagt. Ich glaube, die Beziehung hätte in Italien auch keine Perspektive gehabt. Mit welchem Geld hätten wir denn eine Familie gründen sollen?

Dabei fing alles ganz gut an. Nach meinem Studium an der Universität von Padua bekam ich eine Stelle bei einem Autohersteller in Mailand. Zu Beginn habe ich 1200 Euro netto verdient, das ist in Italien schon ganz gut. Ich war sofort für ein kleines Team verantwortlich. Wir haben neue Autos getestet. Meine Freundin und ich sind zusammen in ein kleines Haus am Stadtrand gezogen, sie war zu der Zeit auch bei der Autofirma beschäftigt. Ich habe viel gearbeitet, manchmal bis nachts und auch am Wochenende.
Zwischen Heimweh und Hoffnung
50 Überstunden im Monat waren normal, aber sie wurden nicht bezahlt, und ich blieb sechs Jahre auf derselben Gehaltsstufe. Ich mochte die Arbeit, aber für sie gab es zu wenig Geld.

Dann kam die Finanzkrise, und die Produktionsstätte in Mailand musste schließen. Mir wurde als Einzigem ein Job angeboten, in einem Werk in Neapel, also in Süditalien. Besser als nichts, dachte ich. Meine Freundin begann eine Ausbildung zur Krankenschwester, und ich pendelte zwischen Mailand und Neapel. Doch die Arbeit im Süden war nicht so gut, die Leute arbeiten dort anders, sind weniger ehrgeizig, denken oft nicht an den nächsten Tag. Das Leben dort ist ärmlich, die Häuser sind in einem schlechten Zustand, die Straßen dreckig. Ich habe mich nicht wohlgefühlt, und das Gehalt stimmte auch nicht.

Ich begann, mich bei Autoherstellern und ihren Zulieferern in England, Österreich und Deutschland zu bewerben. Und seit April bin ich jetzt in Frankfurt. Ich entwickle die Elektronik für Autos. In meinem Team sind 25 Mitarbeiter, die meisten in meinem Alter. Die Hälfte der Kollegen stammt aus Deutschland, die anderen kommen aus der Türkei, aus den Niederlanden, aus Spanien und aus China. Ich habe das Gefühl, dass sich mein Arbeitgeber sehr gut um uns Einwanderer kümmert. Er hat den Umzug bezahlt und das Hotel, in dem ich gewohnt habe, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Die Wohnungssuche war nicht leicht, viele Vermieter konnten kein Englisch, und ich konnte ja noch kein Deutsch.

Meine Firma finanziert auch den Deutschkurs, den ich dreimal in der Woche am Goethe-Institut besuche. Und obwohl ich noch nicht lange hier bin, wurde mein Gehalt schon einmal erhöht. Ich verdiene viel mehr als in Italien und habe mehr Freizeit. Ich arbeite 40 Stunden in der Woche. Abends kann ich früher gehen, wenn ich zum Deutschkurs muss. Danach treffe ich mich mit ein paar Kollegen, und wir trinken was oder schauen einen Film. An den Wochenenden besichtigen wir manchmal eine Stadt, wir kennen uns ja alle nicht aus in Deutschland. Vor Kurzem waren wir in Speyer, davor in Stuttgart. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Glück habe. Ich bin nicht einsam, ich fühle mich wohl. Mein Leben ist besser als in Italien. Ob mit oder ohne Freundin.«

Aus DIE ZEIT :: 19.01.2012

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