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Zwischen kontrolliertem und forschendem Lernen

Die Pädagogik hat es traditionell mit der Theorie und Praxis der Erziehung und Bildung zu tun. Dabei hat sie immer wieder versucht, auch Erkenntnisse anderer Wissenschaften zu integrieren. Was hat sie heute über das Lernen des Menschen zu sagen? Was unterscheidet das Lernen von dem überkommenen Bildungsbegriff?

Zwischen kontrolliertem und forschendem Lernen© DPhVDr. Susanne Lin-Klitzing ist Professorin für Schulpädagogik an der Philipps-Universität Marburg
Forschung & Lehre: Gegenüber dem Lernbegriff scheint der Begriff Bildung einen anthropologischen Überschuss zu haben. Worin besteht dieser?

Susanne Lin-Klitzing: Es gibt verschiedene Lernbegriffe in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, und es existieren vielfältige Bildungsverständnisse in der Erziehungswissenschaft. Allein in der Psychologie können beispielsweise das klassische und das operante Konditionieren, kognitive als auch konstruktivistische Lerntheorien voneinander unterschieden werden. In der Erziehungswissenschaft gibt es eher material, formal oder kategorial orientierte Bildungsverständnisse. Übereinstimmend kann jedoch festgehalten werden, dass Lernen als Grundvoraussetzung jeglichen Bildens bzw. Sich-Bildens zunächst wertneutraler verstanden wird als der häufig mit utopischen Zielvorstellungen aufgeladene Bildungsbegriff.

Die Erziehungswissenschaftler Michael Göhlich und Jörg Zirfas unterscheiden den Lernbegriff graduell vom Bildungsbegriff in dreierlei Hinsicht: Da der Begriff der Bildung in der Regel an das Konzept der Kultur, und hier an das Verständnis einer qualitativ hochwertigen Kultur geknüpft ist, handelt es sich um einen enger gefassten Begriff als den des Lernens, der sich auf alle Bereiche des menschlichen Lebens bezieht. In seinen Zielstellungen weist der Bildungsbegriff darüber hinaus einen emphatischen Horizont auf gegenüber einer Lernprozessorientierung an eher kleinen Veränderungsschritten. Und schließlich ist insbesondere der Humboldtsche Bildungsbegriff orientiert an einem Menschenbild, das sich durch ein Höchstmaß an möglicher kognitiver, moralischer, sprachlicher und ästhetischer Autonomie auszeichnet gegenüber einem eher allgemeinen Interesse an den subjektiven Erfahrungen von Menschen und ihrem Lernen durch andere Menschen.

F&L: Wird die deutsche Universität, die von ihrer Idee her eine Bildungsuniversität ist, durch das Modell einer Lernuniversität, ja Lernfabrik ersetzt?

Susanne Lin-Klitzing: Das kommt auf das jeweilige Verständnis von Lernen an. Wenn man eine Lernuniversität als eine Institution versteht, in der die Studierenden zunehmend selbst gesteuert und selbst reguliert an wissenschaftlichen Fragestellungen orientiert lernen, dann wäre eine "Lernuniversität" etwas Positives, das der "Bildungsuniversität", in der forschendes Lehren und Lernen seinen Platz hat, sehr nahe käme. Ich habe eher den Eindruck, dass die heutige Universität eine "Qualifikationsanstalt" wird, in der es um das Erfüllen jeweils aktueller, gesellschaftlich relevanter Anforderungen geht, wie z.B. der einer generalisierten, "polyvalenten" Berufsfähigkeit, für die diese Institution "ausbilden" soll.


F&L: Ist der Lernbegriff heute vor allem deshalb so populär, weil er naturwissenschaftlich anschlussfähig ist?

Susanne Lin-Klitzing: Er ist aus verschiedenen und zum Teil widersprüchlichen Gründen populär. Zum einen ersetzt er in gewisser Weise den Bildungsbegriff, von dem er sich zwar graduell - wie oben beschrieben - unterscheidet, aber zugleich trotzdem die Bildungsvorstellung des mündigen, autonomen Bürgers nährt: Wir sollen zunehmend selbst verantwortlich lernen und mit unseren Lernerfahrungen selbst reflexiv umgehen, um dadurch Orientierung und Maß für das eigene Leben zu gewinnen. Der schillernde Begriff des "lebenslangen Lernens" umfasst zudem eben jenes selbständige Lernen, das einerseits das "Selbstgestaltungscredo" des modernen Menschen bedient, andererseits aber auch orientiert ist und sein muss an den sich ständig verändernden gesellschaftlich-beruflichen Anforderungen. Er kann in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht funktionalisiert werden, indem mit ihm die permanente Anschlussfähigkeit des "Humankapitals" an politisch-wirtschaftliche Erfordernisse moralisch gesichert wird.

Naturwissenschaftlich anschlussfähig ist nicht jeder Lernbegriff, wohl aber natürlich die behavioristisch ausgerichteten Lerntheorien sowie die aktuell relevanten neurobiologischen Ansätze, die uns viel über positiv unterstützende Begleitfaktoren gelingenden Lernens sagen können, gleichzeitig aber möglicherweise die Illusion nähren, man könne durch den Blick auf bzw. in das arbeitende Gehirn, uns in schnellerer Weise immer früher und ggf. anstrengungsloser durch von außen unterstützte Prozesse lern- und damit zukunftsfähiger machen.

F&L: Was unterscheidet das Lernen an einer Schule von dem Lernen an einer Universität?

Susanne Lin-Klitzing: Das stärker durch Lehrpersonen angeleitete, regulierte und kontrollierte, inhaltlich möglichst "breite" Lernen gegenüber einem - idealtypisch - an der wissenschaftlichen Spezialisierung und Vertiefung orientierten, von den Studierenden zunehmend selbständiger wahrgenommenen, auch forschenden Lernen! Diese, meine eigene Aussage kann ich jedoch selbst nicht widerspruchsfrei stehen lassen. Sie enthält nämlich einerseits immer noch in gewisser Weise das Humboldtsche Verständnis, nach dem es im Schulunterricht primär um die "Vermittlung fertiger und abgeschlossener Sachen" gegenüber einem "universitären", selbständigen, unter der eigenen Leitung des Lernenden stehenden Studium und dem Forschen an noch nicht vollständig geklärten Fragestellungen geht. Andererseits nehme ich in der schulischen Realität wahr, dass Schulen immer freier werden in der Bestimmung ihrer Lehrinhalte, ihrer Methoden und z.T. in der Oberstufe des Gymnasiums auch mit Ansätzen forschenden Lernens arbeiten - und demgegenüber die Universitäten verschulter, modularisierter und lernkontrollorientierter werden.

F&L: Haben Sie einige grundlegende praktische Tipps, die das Lernen erleichtern?

Susanne Lin-Klitzing: Mit "grundlegenden praktischen Tipps" bin ich sehr zurückhaltend - es lassen sich viele Hinweise in diverser wissenschaftlicher und Ratgeberliteratur finden. Ich persönlich arbeite mit dem sehr abstrakten Zugang, mein Lernen im Sinne des "kritischen Psychologen" Klaus Holzkamp zu verstehen, nämlich als "expansives Lernen", das auf die "Erweiterung meiner Weltverfügung" zielt und für die ich Lernanstrengungen auf mich nehme, um mir mehr Bedeutungszusammenhänge zu erschließen und meine Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Ein Lernverständnis, das graduell dem Begriff der Bildung sehr nahe kommt.


Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2009

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