Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit

Von Simone Dietz

Soziale (digitale) Netzwerke aus philosophischer Sicht.

Zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit. Soziale (digitale Netzwerke aus philosophischer Sicht© FrankDeMeyer - iStockphoto.comDie Grenze zwischen privat und öffentlich verschwimmt zusehends
Was ist privat, was öffentlich? Die Grenzlinie verschwimmt zusehends. Mehrdeutigkeit hat das Sagen, in der analogen Welt ebenso wie in der digitalen. Problematisch wird dies aber dann, wenn sie von den Beteiligten nicht durchschaut wird. Ein Beitrag zur besseren Unterscheidung.

Ist eine Kneipe ein öffentlicher Ort? Wer sie aufsucht, muss damit rechnen, dort beliebigen Personen zu begegnen, während Gespräche durch einen akustischen Paravent aus Hintergrundmusik meist so verdeckt werden, dass privat bleiben kann, was man seinem Gegenüber mitteilt. Die Wirtin, die dem betrunkenen Gast den Zutritt verweigert, macht ihr privates Hausrecht geltend, der Journalist, der über prominente Besucher berichtet, beruft sich auf öffentliches Interesse. Eine Kneipe ist ein Ort zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit: für die Gäste ein öffentlicher Raum des Sehens und Gesehenwerdens, in dem sie gleichwohl private Gespräche führen möchten; für die Wirtin privates Eigentum, das sich für sie dann richtig bezahlt macht, wenn es zu einer 'öffentlichen Institution' geworden ist. Eine ähnlich mehrdeutige Stellung nehmen soziale Netzwerke ein. Mit der Eingrenzung auf Mitglieder handelt es sich um private Gemeinschaften, intern können Netzwerke die Funktion einer Gruppenöffentlichkeit haben, in der die Mitglieder sich vor anderen darstellen und Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren oder sich über gemeinsame Ziele verständigen. Problematisch wird die Mehrdimensionalität privater und öffentlicher Bezüge erst dann, wenn sie von den Beteiligten nicht durchschaut wird oder dazu führt, dass ihre Handlungen gegenläufige Effekte erzeugen.

Eindruck wirksamer Kontrolle

Wer würde eine Kneipe aufsuchen, von der bekannt wäre, dass ihr Besitzer alle Gespräche, die dort geführt werden, aufzeichnen lässt, um die Informationen nach eigenem Gutdünken an andere weiterzugeben? Tatsächlich geht Facebook, der Plattform-Betreiber des derzeit größten sozialen Netzwerks im Internet, genau so vor. Doch das hält Millionen Nutzer nicht davon ab, auf Facebook private Informationen preiszugeben. Teilweise geschieht dies aus Unkenntnis darüber, dass sie mit ihrer Mitgliedschaft dem Betreiber ein Nutzungsrecht an allen dort 'geposteten' Inhalten eingeräumt haben, zum großen Teil aber auch trotz des Wissens darum. Hohe Teilnehmerzahlen und die erfolgreiche Verankerung der sozialen Netzwerke im Alltag vieler (vor allem jugendlicher) Mitglieder machen die Plattform als Kommunikationsforum, als Ort der Selbstdarstellung und der sozialen Kontakte so attraktiv, dass die vom Betreiber verlangte Gegenleistung des uneingeschränkten Nutzungsrechts auf ihre Daten in Kauf genommen wird. Die Möglichkeit, für das eigene Profil, für die kommunizierten Inhalte und Bilder Zugangssperren gegen andere Mitglieder einzurichten, erzeugt den Eindruck einer wirksamen Kontrolle über die eigene Privatsphäre und lässt in den Hintergrund treten, dass für den Betreiber keine dieser Sperren gilt.

Nicht die Geringschätzung der Privatsphäre ist es, die solches Nutzerverhalten motiviert, sondern die Geringschätzung des Risikos und nicht zuletzt der unmittelbar erfahrene Wert des sozialen Netzwerks für das private Leben. Die Tatsache, dass die eigene Kommunikation mit Freunden und Fremden als Datensammlung gespeichert und analysiert, in beliebiger Weise neu verknüpft, als ökonomisches Gut von anderen verwertet und auf dem Markt hoch taxiert wird, bleibt gegenüber dem konkreten Alltagsinteresse am direkten Austausch abstrakt. Unerwünschte Werbung wird von kaum jemandem als ernsthafter Angriff auf die Privatsphäre gefürchtet, während die fehlende Möglichkeit, sich gegen Datenmissbräuche wie Betrug, Verleumdung etc. wirksam zur Wehr setzen zu können, als Sonderproblem eingeordnet wird, das man nicht auf sich selbst bezieht.

Der Wert der Privatsphäre

Die Privatsphäre hat ihren Wert nicht darin, dass sie um jeden Preis abgeschottet wird, sondern darin, dass es in meiner Verfügung liegt, mit wem ich sie teilen möchte und in welcher Weise. Ohne die Aufmerksamkeit von anderen wäre unser privates Leben ein steriles Vakuum einsamer Verrichtungen. Die Entscheidung, einer großen oder sogar unbegrenzten Zahl von Personen Einblick in meine Freizeitaktivitäten, meine Vorlieben und Abneigungen oder meinen derzeitigen 'Beziehungsstatus' zu gewähren, ist kein genereller Verzicht auf Privatsphäre, sondern eine Form ihrer Gestaltung. Die Summe der privaten Informationen über eine Person ist keine endliche, fixierte Menge, die mit jeder Mitteilung spürbar kleiner wird. Sie verändert sich im subjektiven Erleben mit jedem Tag und jeder neuen Entscheidung, auch wenn bestimmte Identifikationsmerkmale als stabile Bezugsgrößen bestehen bleiben. Kommunikation mit anderen ist kein Nullsummenspiel. Beliebig erweiterbar sind allerdings nicht die subjektiven Verfügungsrechte über private Informationen.

Wer sie anderen überlässt, gibt etwas ab, was sich nicht an anderer Stelle neu hinzugewinnen lässt. In der alltäglichen Kommunikation erscheint der Wert der privaten Informationen flüchtig, die unerbittliche Langfristigkeit gespeicherter Daten wird als solche (zunächst) nicht wahrgenommen. Deshalb wird in der Entscheidung zwischen der Teilnahme an sozialen Netzwerken unter Abtretung privater Verfügungsrechte und dem Verzicht auf Teilnahme zum Schutz eigener Rechte eher der Verzicht als Einschränkung subjektiver Handlungsmöglichkeiten erfahren.

Wirksamer Schutz

Soziale Netzwerke dienen privaten und öffentlichen Zwecken, sie können als Freundschaften eher intrinsischen, als Seilschaften eher instrumentellen Wert für die Beteiligten haben. Das Internet als technisches Medium solcher Netzwerke kann zwar jedem dieser Zwecke dienen, im Vergleich mit anderen Medien eignet es sich aber für manche Zwecke besonders gut, für andere hingegen eher schlecht. Besonders gut geeignet ist es für spontane, dynamische Vernetzungen, für Vernetzung zwischen anonymen Teilnehmern und für globale Reichweiten. Schlecht geeignet ist es als Speichermedium mit Dokumentcharakter für die Flüchtigkeit und Einzigartigkeit des Moments, für die Überschaubarkeit persönlicher Risiken in der alltäglichen Kommunikation und für den Schutz der Privatsphäre im Sinn der Verfügung über persönliche Informationen. Anders als im Umgang mit lokalen privaten oder öffentlichen Räumen haben sich bei der Nutzung des Internets als virtuellem Kommunikationsraum bisher kaum medienspezifische soziale Konventionen und wirksame rechtliche Sanktionsmöglichkeiten zum Schutz privater Rechte gebildet. Die Hoffnung bleibt, dass die Stärke des Internets, dynamische Vernetzungen großer Reichweite herzustellen, dafür genutzt wird, diesen Schutz wirksam einzuklagen.


Über die Autorin
Simone Dietz ist Professorin für Philosophie an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. Medien und Gesellschaft, die normative Dimension von Lüge und Vertrauen sowie Menschenrechte.


Aus Forschung und Lehre :: März 2011

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote