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Zwischen Wüste und Hightech: Als Philosophieprofessorin in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Von Nicole C. Karafyllis

Zunehmend offensiv und selbstbewusst drängen die Golfstaaten im Nahen und Mittleren Osten auf den internationalen Bildungsmarkt. Im Gegenzug dazu planen auch immer mehr europäische Hochschulen weitere Ausgründungen. Für deutsche Wissenschaftler eine neue und faszinierende Möglichkeit, für einige Zeit diese Bildungsoffensive mitzugestalten. Erfahrungen einer deutschen Wissenschaftlerin zur Berufungspraxis und den universitären Arbeitsbedingungen in den Golfstaaten.

Als Philosophieprofessorin in den Vereinigten Arabischen Emiraten© Günay Mutlu - iStockphoto.com
Musst Du einen Schleier tragen?" und "Wollen Sie da wirklich hin?" - das waren die häufigsten Fragen meiner deutschen Kolleginnen und Kollegen, als mein bevorstehender Umzug in die Vereinigten Arabischen Emirate vor einiger Zeit die Runde machte. Die Antwort auf die erste Frage ist "Nein", die auf die zweite "Ja". Seit August habe ich einen Lehrstuhl für Philosophie an der internationalen United Arab Emirates University (UAEU) in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) inne, gelegen im größten und erdölreichsten Emirat Abu Dhabi.

Die UAEU ist eine staatliche Universität mit 12.865 Studierenden (davon 9.855 Frauen; Stand 2007). Sie ist die größte des Landes und liegt in der "Gartenstadt" Al Ain, direkt an der Grenze zum Oman. In allen gängigen Fächern bietet sie Bachelor-, zum Teil auch Masterstudiengänge an und sie steht auch ausländischen Studierenden offen (rund 20 Prozent). Jene kommen meist aus anderen arabischen Staaten, aber auch aus osteuropäischen Ländern mit hohem Anteil an muslimischer Bevölkerung wie Mazedonien, Albanien und dem Kosovo, in dem sich die Emirate humanitär stark engagieren. Gebührenfreies Studium und kostenlose Unterbringung in Studentenheimen werden garantiert. Die Unterrichtssprache ist in allen Fächern (bis auf die theologischen und juristischen) Englisch, was in der multinationalen Professorenschaft durchaus nicht unumstritten ist, denn auch die Studierenden haben damit zu kämpfen. Im Hochschulranking der arabischen Hochschulen belegt die UAEU Platz zwei nach der erstplazierten American University of Beirut. Ferner engagiert man sich im E-Learning und in der Erwachsenenbildung. Das Uni-Klinikum ist, was die technische Ausstattung betrifft, auf dem neuesten Stand und steht unter dem Management der Johns Hopkins Medicine in Baltimore (Maryland, USA). Gerade in der medizinischen Fakultät finden sich zahlreiche deutsche Professoren und Ärzte.

Scheich Nahayan Mabarak Al Nahayan, Mitglied der königlichen Herrscherfamilie, steht der Universität vor und ist auch gleichzeitig Bildungsminister des Landes. Er hat die schwierige Aufgabe, die UAEU in kurzer Zeit auf ein hohes Niveau (gemessen an internationalen Maßstäben) zu bringen und sie im Wettbewerb mit den in den VAE momentan wie Pilze aus dem Boden sprießenden privaten Universitäten zu stärken.

Das Kollegium an der UAEU ist zu gut 70 Prozent westlich, mit einem deutlichen Vorsprung der US-Amerikaner und Briten, die auch häufig den Dekan stellen. Diese internationale Atmosphäre ist nicht nur für die eigene Forschung extrem anregend, sondern befördert auch die Bearbeitung interdisziplinärer und interkultureller Fragestellungen. So wurde etwa der erste humanoide Roboter unserer Informatik nach einem großen persischen Philosophen, Ibn Sina (Avicenna) benannt. Man stelle sich vor, in Deutschland würde man einen Roboter "Kant" oder "Heidegger" nennen!

Erste deutsche Philosophie-Professorin

An der UAEU, die nach US-amerikanischem Vorbild strukturiert ist, bin ich nun die erste deutsche Philosophie-Professorin und die erste Frau an der geisteswissenschaftlichen Fakultät, die den Rang des Full Professors bekommen hat - letzteres ist nur deshalb erwähnenswert, um zu betonen, dass dort die Habilitation als Zusatzqualifikation gewürdigt wird. Dies ist im angelsächsischen Raum oft nicht der Fall. Bezogen auf die Forschungsausrichtung wurden mir alle Freiheiten gelassen, ich darf mein Projekt einer "Intercultural Philosophy of Science" weiterverfolgen, ebenso wie Forschungen zu Nachhaltigkeit, Technikphilosophie und Wirtschaftsethik - allesamt Bereiche, an denen die VAE mit ihrer Affinität zu High Tech und ihrer ökonomischen Abhängigkeit vom Erdöl sehr interessiert sind.

Forcierte Frauenbildung

Für Viele sicher überraschend ist der hohe Frauenanteil an den Universitäten der Golfregion. Weil Dreiviertel der Studierenden in den Emiraten Frauen sind, wird an den Universitäten darauf geachtet, dass entsprechende Rollenvorbilder als Professorinnen da sind. Denn man hat die Erfahrung gemacht, dass die gut ausgebildeten Männer das Land verlassen, oft schon zum Studieren und Promovieren, die Frauen aber im Land bleiben werden - auf sie fokussiert die Bildungsoffensive am Golf. Ich habe hier deutlich mehr Kolleginnen in den Geisteswissenschaften als in Deutschland. Die Genderfrage wird von Universitätsleitung wie Professorenschaft an der UAEU sehr ernst genommen, übrigens ganz ohne Quotenregelung.

Gleichwohl ist die Situation als Professorin wie Studentin nicht einfach. Beklemmend ist zu sehen, dass der Frauencampus und die Studentinnenwohnheime von einer Mauer mit Stacheldraht umgeben sind und die Studentinnen oft gewollt länger studieren, weil ihnen das Campusleben zumindest für einige Zeit eine gewisse Freiheit von ihren Familien garantiert. Für Evaluationen der Universitäten im Golfraum ist das Kriterium "Studiendauer" daher nur mäßig geeignet. Die Wahl des - meist geistes- oder sozialwissenschaftlichen - Studienfachs übernimmt oft die Familie, nicht die Studentin. Gerade die weiblichen Studierenden sind besonders wissbegierig und freuen sich, dass sie eine Chance auf Bildung haben, die ihre Mütter fast nie hatten. Langfristig wird sich die forcierte Frauenbildung in den entsprechenden gesellschaftlichen Umbrüchen niederschlagen.

Als eine der wenigen Frauen, die auch Männer unterrichtet, war ich bei meiner ersten Vorlesung auf dem Männercampus mit ungläubigen Blicken konfrontiert sowie der Frage eines Studenten, ob er mich "Sir" nennen dürfe, weil er das so gewohnt sei. Rollenmodelle entfalten also auch in ihrer Antithese einen gewünschten Lerneffekt. Der Unterricht ist in der gesamten Golfregion getrenntgeschlechtlich (im Gegensatz etwa zu Ägypten). Praktisch gestaltet sich das so, dass man für Vorlesungen zwischen Männer- und Frauencampus mit dem Auto hin- und herpendeln muss oder dass die männlichen Studenten per Videokonferenz zugeschaltet werden. Für männliche und weibliche Studierende gibt es jeweils einen eigenen Studiendekan.

Alles ist im Umbruch

Die UAEU investiert momentan 500 Millionen Dollar in den Bau eines neuen Campus, obwohl der bisherige nach unseren deutschen Maßstäben nicht "alt" ist. In der gesamten Golfregion werden zur Zeit aus verschiedensten Ländern die besten Köpfe eingekauft. Die "booming economies" machen es finanziell möglich und der politische Wille, sich mit der Globalisierung auch akademisch auseinanderzusetzen, ist da. Nahezu alles ist im Umbruch. So ist einer meiner Kollegen, ein Informatikprofessor, mit dem das Philosophieinstitut den Studiengang Cognitive Science aufbauen wird, letztes Jahr erfolgreich vom MIT in Boston abgeworben worden. Für ihn war die hohe technische Ausstattung seines Labors ein wichtiger Motivationsgrund für den Wechsel. In den Emiraten findet er Forschung, Lehre und das Leben insgesamt als angenehm, selbst wenn er, wie alle hier, über die unzureichende Administration klagt, die bei Verwaltungsentscheidungen manchmal die (arabische) Nationalität des Antragstellers als wichtigstes Bewilligungskriterium würdigt. Allerdings wurde dieses Problem bereits erkannt und von der Universitätsleitung eine Änderung der Haltung eingefordert. Wenn man also in Deutschland in Zukunft noch verstärkt über den "brain drain" diskutieren wird (wovon ich ausgehe), so sollte man den suchenden Blick auf hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler nicht nur gen Westen, sondern auch gen Osten schweifen lassen. Die höchsten Gehälter (im Durchschnitt) zahlen mit deutlichem Abstand Qatar und Bahrain, gefolgt von den VAE, Saudi-Arabien und, schon deutlich niedriger, Kuwait.

Hinweise für den Wechsel

Wichtig für die Stellensuche: Die Hochschulen des gesamten arabischen Raums inserieren im Chronicle of Higher Education der USA, der online verfügbar ist. Wenn man sich dann per Homepage ein Bild über die jeweilige Hochschule zu machen versucht, entdeckt man zunächst erstaunlich viele Einheimische. Jedoch ist dies manchmal eine politisch gewollte Täuschung. Wegen der sogenannten Politik der "Emiratisierung" werden Stellen durchaus doppelt vergeben, d.h. an einen Einheimischen (der aber kaum an der Uni lehrt), und an einen Ausländer, der dort den Großteil der Arbeit macht. So versucht man, nationalistischen Tendenzen Vorschub zu leisten. Die VAE haben einen extrem hohen Ausländeranteil von über 80 Prozent. Die internationale Konkurrenz um Stellen ist groß, so auch um Professuren. Wichtig nach der Erstplazierung ist daher eine schnelle Kontaktaufnahme mit einem Universitätsmitglied aus dem eigenen Kulturkreis (über die Universitätsseiten im Internet suchen), noch bevor man die Verhandlungen beginnt, damit man sich über die zahlreichen "ungeschriebenen Gesetze" der jeweiligen Universität informiert.

Es gibt zwei Semester im akademischen Jahr, dauernd von Ende August bis Mitte Januar, und von Anfang Februar bis Anfang Juni. Ausländische Professoren dürfen während des vorlesungsfreien und extrem heißen Sommers (Temperaturen bis 50 Grad Celsius sind keine Seltenheit) zwei Monate in ihre Heimat zurückkehren, sofern sie über Internet ab und an verfügbar sind.

In den VAE gibt es keine Einkommen- und (nur für wenige Produkte) eine Mehrwertsteuer, d.h. bei Berufungen wird verhandelt nach der Formel Brutto = Netto. Die Gehälter (ausgezahlt in UAE Dirham) können sich mit der C4- Besoldung (West) mehr als messen lassen, selbst wenn man die nicht vorhandene Pensionsversorgung dazurechnet. Allerdings gibt es keine Lebenszeitstellen, das sollte man für seine akademische Karriere berücksichtigen. Für die Verhandlungen werden US-Durchschnittsgehälter für Professoren des jeweiligen Fachs zugrunde gelegt. Wer als Nachwuchswissenschaftler schon in jungen Jahren entsprechende Veröffentlichungen, Lehr-, Vortrags- und Gremienerfahrungen vorweisen kann, wird seinen älteren Kollegen in nichts nachgestellt. Schnelle Promotions-/Habilitationszeiten werden ebenfalls honoriert. In allen Berufsgruppen in den VAE gilt: Angestellte mit emiratischer Nationalität bekommen das doppelte Gehalt, so auch Professoren. Denn sie haben meist eine großköpfige Familie und manchmal auch mehr als eine Ehefrau zu versorgen. Für ihre Kollegen aus den anderen arabischen Ländern wird dieses Argument allerdings nicht in Anschlag gebracht, ebenfalls nicht für Afrikaner, Europäer, Asiaten oder Amerikaner mit mehr als drei Kindern.

Abgeschlossen werden im allgemeinen Vier-Jahresverträge mit einem Jahr Probezeit für Assistant und Associate Professors, für Full Professors gelten zwei Jahre Probezeit und eine sogenannte "rolling option" nach vier Jahren zur Verlängerung um weitere vier Jahre (ggf. mit weiterer Verlängerungsoption). Um den Kündigungsschutz ist es im gesamten Land generell schlecht bestellt, allerdings wird bei Kündigung durch die Universität eine Abfindung in Höhe eines Dreimonatsgehalts gezahlt. Gründe für eine Kündigung sind nicht festgeschrieben. Nicht gezahlt und daher wichtiger Teil für Verhandlungen sind:

- Die Beiträge zur Rentenversicherung. Denn die gibt es in den Emiraten (noch) nicht.
- Die hohe Inflationsrate von zur Zeit zehn Prozent pro Jahr (offizielle Statistiken melden niedrigere Zahlen).
- Währungsrisiken.

Büroausstattung und Stellen für wissenschaftliche Angestellte sind kein Teil der Verhandlungen. Verhandelt wird immer mit dem Dekan, der eine sehr viel stärkere Stellung als in Deutschland hat. Es ist wichtig und typisch für "den Orient", dass man von selbst die Verhandlungen beginnt und nach Benachrichtigung über Listenplatz eins zeigt, dass man wirklich gerne kommen möchte. Das heißt, man sollte unbedingt mit Verhandlungen beginnen, bevor ein schriftliches Angebot vorliegt. Dies ist für Deutsche eher kontraintuitiv, erklärt sich aber so, dass der Dekan eine Summe in ein Formular schreibt, das dann zig bürokratische Wege nimmt und irgendwo oben "abgesegnet" wird. Wartet man erst auf ein Schriftstück und will dann verhandeln, kann man in den schwer zu durchschauenden Verwaltungsstrukturen untergehen, in denen dann niemand für Änderungen zuständig sein möchte. Es wurden in so einem Fall schon Verhandlungen abgebrochen, u.a. auch, damit irgendjemand sein Gesicht wahren kann. Im Übrigen sollte man im Idealfall keinen Israelstempel im Pass haben. Der Status "unverheiratet" ist für eine Frau, die sich in den VAE (oder in Ägypten, Kuwait, Libanon) um eine Professur bewirbt, nicht hinderlich; er ist es aber z.B. noch in Saudi-Arabien oder Bahrain.

Die Berufungsverfahren selbst verlaufen nach US-amerikanischem Modell und gehen schnell und sehr höflich vonstatten. Von der elektronisch eingesandten Bewerbung bis hin zur Berufung vergingen in meinem Fall nicht einmal drei Monate, bis hin zum Dienstantritt kein halbes Jahr. Die Berufungskommissionen haben durchweg eine ausgeprägte corporate identity und wollen den oder die Beste(n) für ihre community. Grundsätzlich stellt jedes Kommissionsmitglied eine Frage, die für das Institut oder die Fakultät wichtig ist. Im Gegensatz zu manchen deutschen Verfahren, in denen Habilitierte nicht selten wie Schulkinder auf die Spezialgebiete einiger Kommissionsmitglieder hin geprüft werden, fragt man in den VAE eher nach internationalem Standard. Man achtet beim Bewerbungsgespräch (meist per Videokonferenz) auf international ausgerichtete Forschung, ein erfülltes Mindestmaß an englischsprachigen Publikationen und Lehrveranstaltungen (auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften), einen kollegialen Umgangston, nachgewiesene interkulturelle Kompetenz und Gender- Kompetenz, eine Leidenschaft für die Lehre sowie Begeisterung für neue Medien und Didaktikkonzepte. Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass man in der Anrede den Dr.-Titel nur vor den Vornamen stellt und den Nachnamen sowie Professorentitel ganz weglässt. Auch die Studierenden und die Verwaltung praktizieren dies so. Mittlerweile höre ich auf "Dr. Nicole".

Wenn man in den Emiraten den Dienst antritt, wird man vom Flughafen Dubai abgeholt und zunächst in einem Luxushotel untergebracht.

Man bekommt für die erste Woche einen Fahrer vom Human Resources Department, der einen bei Behördengängen betreut und auch zum Einkaufen fährt. Dann wird (im Idealfall) die Dienstwohnung bezogen.

Klingt wie ein Märchen? Nein, hierbei handelt es sich eher um eine ausgeprägte Gastfreundschaft und eine Anerkennung der bereits erbrachten Lebensleistung, beides hohe Tugenden im Orient. Entsprechend wird von ausländischen Professoren ein respektvoller Umgang mit der hiesigen Kultur erwartet sowie eine gehörige Portion Kommunikationsfähigkeit und Humor. Wer alles das mitbringt und das heiße Klima sowie die immer noch autoritären politischen Strukturen und den rapiden Wandel nicht scheut, hat gute Chancen auf eine Stelle und kann den spannenden Weg in die arabischen Wissensgesellschaften der Zukunft mit gestalten.


Die Langfassung des Beitrages kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2008

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