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Arbeitslose Akademiker: Plötzlich vor dem Nichts
Von Thomas Stephan

Als Wissenschaftler war Thomas Stephan auf der Überholspur: Er analysierte den ersten reinen Kometenstaub der Raumfahrtgeschichte und war als einer von drei Deutschen am "Stardust"- Projekt der US-Raumfahrtbehörde NASA beteiligt. 2007 steht er in Deutschland vor dem beruflichen Aus. Sein Schicksal ist prototypisch für viele Forscherkarrieren in Deutschland. Ein persönlicher Bericht.

Arbeitslose Akademiker: Plötzlich vor dem NichtsThomas Stephan, Planetologe an der University of Chicago in den USA
In Deutschland ist es zu einem Lieblingsthema von Politikern aller Parteien geworden, eine Steigerung der Bildungsausgaben zu fordern. Deutschland als Land mit nur geringen Bodenschätzen, sieht zu Recht sein wichtigstes Kapital in der Ausbildung seiner Jugend. Doch was tut dieses Land, um eine Kapitalflucht ins Ausland zu verhindern? Leider gar nichts. Andere Länder hingegen sind froh, denn man bekommt hochqualifizierte Wissenschaftler, ohne für deren Ausbildung bezahlt zu haben. Doch sollte man hier nicht abstrakt über diese Dinge reden, denn es betrifft eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen, Wissenschaftler mit ihren Familien.

Mein Fall mag hier exemplarisch für eine typische Wissenschaftlerkarriere in Deutschland sein: 1963 geboren, 1982 Abitur, danach in Heidelberg Physik und Astronomie studiert, 1987 Diplom und 1989 Promotion am MPI für Kernphysik - übrigens ein Beispiel, dass man auch vor Einführung des BSc-/MSc- Studiums zügig ein Studium abschließen konnte.

Dann ging es mit den üblichen Postdocstellen los, das bedeutet, sich mit Verträgen mit Laufzeiten zwischen vier Wochen und zwei Jahren über Wasser zu halten. Wobei diese Stellen damals wenigstens sozialversicherungspflichtig waren. Heute sind das oft Stipendien, d.h. unser Staat schafft hier hochqualifizierte Jobs ohne Sozialversicherung. Nebenbei habe ich eine Familie gegründet, die aufgrund der unsicheren Stellensituation und der geforderten Mobilität auf vieles verzichten musste. Eine eigene berufliche Karriere ist für den Partner eines Wissenschaftlers selten möglich, zumal sich wie in meinem Fall ein mehrfacher Ortswechsel nicht vermeiden ließ. Nach sieben Jahren Postdoc bekam ich eine C1-Stelle am Institut für Planetologie in Münster, damit endlich eine etwas langfristigere Perspektive und die Zeit, sich zu habilitieren. 2000 folgte die Habilitation und danach eine C2-Stelle bzw. weitere sechs Jahre Sicherheit.

Zunächst schien es auch weiter gut zu laufen: 2001 wurde mir die verantwortliche Übernahme eines Weltraumprojekts angeboten. Dafür sollte für mich ab 2003 eine von der Max-Planck- Gesellschaft finanzierte Stiftungsprofessur in Münster eingerichtet werden. Nun schien zum ersten Mal, mit Ende 30, eine berufliche Sicherheit greifbar. Wir entschlossen uns daraufhin, ein Haus zu kaufen. Mitten im Berufungsverfahren kam dann der Schock: Anfang 2003 wurde die feste Zusage der Stellenfinanzierung durch die MPG zurückgezogen. Also macht man sich wieder auf die Stellensuche. Zwei konkrete Pläne, jeweils eine Stelle in den USA anzutreten, scheiterten leider an nicht erfolgreichen Finanzierungsplänen, da der amerikanische Präsident beschloss, im Irak Krieg zu führen.

Ungeachtet dessen lief es jedoch wissenschaftlich optimal. Nach einer langjährigen Entwicklungsphase, in der ich eine spezielle Analysetechnik erstmals in der Planetologie nutzbar gemacht hatte, konnte ich nun die Früchte dieser Forschung ernten. Der Höhepunkt kam dann 2006: Beteiligung an der Untersuchung von Kometenstaub, den die NASA mit der Weltraummission Stardust zur Erde gebracht hatte. Dies erregte zu meiner großen Überraschung auch beachtliches Interesse der Medien. Es folgte eine deutschlandweite Berichterstattung in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen - von der Tagesschau bis zu den diversen Wissenschaftssendungen.

Doch dann kam Anfang 2007 das Unvermeidliche: Arbeitslosigkeit. Was in meinem Fall folgte, war sicher nicht typisch für das Schicksal deutscher Wissenschaftler. Denn meist findet das alles statt, ohne großes Aufsehen zu erregen. Bedingt aber durch das Interesse der Medien an meiner Wissenschaft, begannen einige Journalisten sich nun auch für meine Stellensituation zu interessieren. "Wie kann es sein, dass jemand in Deutschland arbeitslos wird, der wissenschaftlich so erfolgreich ist?", war die Frage, mit der ich nun ständig konfrontiert wurde.

Diese Frage konnte aber weder von mir, noch von der Universität Münster, noch von diversen Politikern, die dazu befragt wurden, befriedigend beantwortet werden. Natürlich schoben sich - von Politikern erwartet man ja nichts anderes - die unterschiedlichen Personen die Schuld gegenseitig zu. Eine sicher richtige Antwort, die dabei auch genannt wurde, war, dass das deutsche Hochschulsystem nun einmal so sei.