Burn-out - Entstehung und Prävention Von Hans-Peter Unger
Erschöpft und ausgebrannt: so fühlen sich Menschen, die auf dem Weg zum Burn-out oder dort bereits angelangt sind. Welche betrieblichen und persönlichen Risikofaktoren können diese "Erschöpfungsspirale" in Gang setzen? Und was kann man tun, damit es erst gar nicht dazu kommt?
Nehmen Depressionen zu?
Nehmen psychische Erkrankungen
zu? Die Gesundheitsberichte
der Krankenkassen zeigen
seit Mitte der 90er Jahre einen beständigen
Anstieg der Arbeitsunfähigkeit wegen
psychischer Erkrankungen; und
seit 2001 liegen psychische Erkrankungen
an erster Stelle der Gründe für vorzeitigen
Verlust der Erwerbsfähigkeit.
Depressionen haben den größten Anteil
an diesen Steigerungen. Beim Versuch,
eine Begründung für diesen "Vormarsch"
der psychischen Erkrankungen
zu finden, rückt für viele Wissenschaftler
und Praktiker der Zusammenhang
mit den dramatischen Veränderungen
in der Arbeitswelt in den Vordergrund.
Der amerikanische Soziologe Richard
Sennet fasst 2001 das "Paradox des
neuen Kapitalismus" zusammen: Der
ideale Mensch wird ein Meister des Prozesses,
flexibel und wandlungsfähig.
Diese mentale Mobilität lässt jedes tiefere
Engagement vermeiden. Damit
wird das Gefühl der inneren Verpflichtung
genauso schwach wie die Loyalität
der Organisation ihren Mitgliedern gegenüber.
Bindungen und lebensgeschichtlicher
Zusammenhang werden
so prekär.
Ob diese Veränderungen in unserer Gesellschaft aber tatsächlich zu einer Zunahme der Erkrankung Depression führen, ist weiter unklar. Richter et al. kamen 2008 in einer Metaanalyse von 44 epidemiologischen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass es keinen klaren Beleg für eine Zunahme der Krankheit Depression in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten gibt. Aber vielleicht suchen die Epidemiologen das Falsche. Denn ein nicht klar definierter Begriff feiert seit seiner Geburt durch den amerikanischen Psychoanalytiker Harald Freudenberger in der Mitte der 70er Jahre einen unvergleichlichen Siegeszug: das Burn-out-Syndrom. Ohne eindeutige Definition, nicht als Krankheit anerkannt und mit eindeutigem Bezug zur Arbeitswelt beschreibt Burn-out den phasenhaften Verlauf eines Prozesses.
Auch die einzelnen Phasen dieses Prozesses sind wissenschaftlich nicht eindeutig festgelegt; aber der Vorteil des Begriffs Burn-out liegt vielleicht gerade darin, dass er einen Erschöpfungsprozess zwischen dem Zustand der idealen Gesundheit und einer klar definierten Krankheit wie der Depression beschreibt. Diese Erschöpfungsspirale (s. Abb.) verläuft in der Regel über mehrere Jahre und ist zu jedem Zeitpunkt reversibel, bevor sie zuletzt zu den so genannten stressassoziierten Erkrankungen führt. Deshalb finden sich für den Burn-out-Prozess auch keine eindeutigen "Krankheitsursachen", aber wir kennen heute die wesentlichen Risikofaktoren. Diese liegen sowohl auf individueller als auch auf betrieblicher Ebene, sind also in unserer Persönlichkeit wie in der Arbeitswelt verankert.
Dagegen stehen Burn-out-Patienten, die Maslach als "passiv-abhängig, ohne Ehrgeiz und klare Ziele" bezeichnet hat, Menschen mit Harmoniesucht und unsicheren inneren Objektbildern, psychodynamisch der Persönlichkeitsdimension "Abhängigkeit-Soziotropie" zugeordnet. Interessanterweise überschneiden sich die psychodynamisch relevanten Dimensionen der Depressionsentstehung mit den von den Burn-out Forschern beschriebenen persönlichen Risikofaktoren. Allen gemeinsam ist die Schwierigkeit, "nein" sagen zu können. Schließlich kommt es zu einer Verstrickung zwischen inneren Erwartungen und realer Arbeitssituation.
Hier setzt das System der betrieblichen
Gesundheitsförderung an, die immer
top-down gelebt werden muss und einen Kulturwandel bedeutet. Dies ist
auch im Sinne eines Return of Investment
für das Unternehmen lohnend, da
aktuelle Untersuchungen zeigen, dass
15 bis 30 Prozent der Mitarbeiter am
Arbeitsplatz aufgrund körperlicher oder
psychischer Faktoren trotz Leistungsbereitschaft
nur eingeschränkt leistungsfähig
sind.
Für die persönliche "Stress-Prophylaxe"
ist gesunde Ernährung, ausreichender
Schlaf, wenig Alkohol, kein Nikotin
und regelmäßige körperliche Betätigung
genauso wichtig wie die Pflege
der zwischenmenschlichen Beziehungen
in Familie und Freundeskreis. Wie
soll das gelingen? Stress- und Zeit-Management
Kurse bringen eine erste Information.
Aber wie lassen sich Informationen
in den Alltag umsetzen? Ein
kleines, überschaubares Ziel finden und
dieses ritualisieren! So geht es übrigens
auch in der Depressionsbehandlung.
Menschen auf der Erschöpfungsspirale
wollen oft alles zugleich ändern und erreichen
dann nichts. Einmal in der Woche
mit dem Partner zum Tanzkurs gehen.
Der Termin muss möglich sein,
zum Beispiel Freitagabend. Und dieser
Termin ist "heilig"!
Therapeutisch hat sich aus meiner Sicht die selbstachtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) in Verbindung mit psychodynamischer Einzel- oder Gruppentherapie bewährt. Menschen unter chronischer Dauerbelastung leben im "getriebenen Modus", sind immer in der Zukunft und bewerten sofort jedes Ereignis auf der Grundlage früherer negativer Erfahrungen. Sie reagieren nach dem Reiz-Reaktionsschema und sind in ihrer Wahrnehmung nicht bei sich. Durch Yoga, Meditation und Atemübungen lernen sie, wieder "gegenwärtig" zu sein, nicht gleich alles und jedes zu bewerten, sondern wie aus einer inneren Beobachterposition negative und positive Gefühle zu akzeptieren und nicht sofort zu handeln. Somit entsteht wieder ein innerer Entscheidungsraum, der mit dem Burn-out-Prozess verloren ging. So lassen sich in der Therapie alte und neue Kraftquellen wieder entdecken. Der Weg zur Selbststeuerung setzt allerdings regelmäßiges Üben voraus. Wie schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk am Schluss seines neuesten Buches: "... in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen".
Forschung und Lehre :: November 2011
Ob diese Veränderungen in unserer Gesellschaft aber tatsächlich zu einer Zunahme der Erkrankung Depression führen, ist weiter unklar. Richter et al. kamen 2008 in einer Metaanalyse von 44 epidemiologischen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass es keinen klaren Beleg für eine Zunahme der Krankheit Depression in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten gibt. Aber vielleicht suchen die Epidemiologen das Falsche. Denn ein nicht klar definierter Begriff feiert seit seiner Geburt durch den amerikanischen Psychoanalytiker Harald Freudenberger in der Mitte der 70er Jahre einen unvergleichlichen Siegeszug: das Burn-out-Syndrom. Ohne eindeutige Definition, nicht als Krankheit anerkannt und mit eindeutigem Bezug zur Arbeitswelt beschreibt Burn-out den phasenhaften Verlauf eines Prozesses.
Auch die einzelnen Phasen dieses Prozesses sind wissenschaftlich nicht eindeutig festgelegt; aber der Vorteil des Begriffs Burn-out liegt vielleicht gerade darin, dass er einen Erschöpfungsprozess zwischen dem Zustand der idealen Gesundheit und einer klar definierten Krankheit wie der Depression beschreibt. Diese Erschöpfungsspirale (s. Abb.) verläuft in der Regel über mehrere Jahre und ist zu jedem Zeitpunkt reversibel, bevor sie zuletzt zu den so genannten stressassoziierten Erkrankungen führt. Deshalb finden sich für den Burn-out-Prozess auch keine eindeutigen "Krankheitsursachen", aber wir kennen heute die wesentlichen Risikofaktoren. Diese liegen sowohl auf individueller als auch auf betrieblicher Ebene, sind also in unserer Persönlichkeit wie in der Arbeitswelt verankert.
Betriebliche Risikofaktoren
Gut untersuchte betriebliche Risikofaktoren sind vor allem die "Efford-Reward- Imbalance" nach Siegrist: Gemeint sind damit die fehlende Anerkennung, schlechte Entlohnung, Arbeitsplatzunsicherheit und fehlende Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Verhältnis zur eingebrachten und geforderten Arbeitsleistung. Ebenso wichtig ist die fehlende soziale Unterstützung am Arbeitsplatz durch Kollegen und Vorgesetzte. Dem entspricht ein schlechtes Team- und Betriebsklima. Schließlich ist auch das "Demand-Controll-Modell" von Karasek ein viel untersuchter Risikofaktor, insbesondere wenn eine hohe Arbeitsbelastung mit einer nur geringen Möglichkeit korreliert, seine Arbeit auch persönlich zu beeinflussen. Allein der erstgenannte Faktor der "Efford-Reward-Imbalance" verdoppelt das Risiko, an einer Depression oder einem Herzinfarkt zu erkranken.Persönliche Risikofaktoren
Persönliche Risikofaktoren für die Entwicklung eines Burn-out-Syndroms umfassen genetische Risikofaktoren wie die kurze Variante des Serotonin-Transporter-Gens ebenso wie eine durch perinatale oder später auftretende Traumata sensitivierte Stress-Hormon-Achse. Dabei findet sich bei melancholisch Depressiven und einem Teil der Burn-out-Patienten sowie bei kardiovaskulär Erkrankten oft ein Anstieg des Stress- Hormons Cortisol mit Durchschlafstörungen, diabetischer Stoffwechsellage, Blutfetterhöhung, Bluthochdruck und typischer depressiver Symptomatik. Andererseits finden sich bei einer Gruppe von Patienten mit atypischer Depression und fortgeschrittenem Burn-out sowie bei Chronic Fatigue Syndrom, Fibromyalgie und einigen Autoimmunerkrankungen niedrigere Cortisolwerte. Weitere Burn-out-Risikofaktoren, die sich mit den oben genannten überschneiden, sind Perfektionismus, hohes Kontrollbedürfnis, Ehrgeiz, der beständige Wunsch, alles allein und besser machen zu können, unverzichtbar zu sein. Burisch nennt sie die "Selbstverbrenner", psychodynamisch korreliert diese Gruppe mit der Persönlichkeitsdimension "Perfektionismus-Autonomie".Dagegen stehen Burn-out-Patienten, die Maslach als "passiv-abhängig, ohne Ehrgeiz und klare Ziele" bezeichnet hat, Menschen mit Harmoniesucht und unsicheren inneren Objektbildern, psychodynamisch der Persönlichkeitsdimension "Abhängigkeit-Soziotropie" zugeordnet. Interessanterweise überschneiden sich die psychodynamisch relevanten Dimensionen der Depressionsentstehung mit den von den Burn-out Forschern beschriebenen persönlichen Risikofaktoren. Allen gemeinsam ist die Schwierigkeit, "nein" sagen zu können. Schließlich kommt es zu einer Verstrickung zwischen inneren Erwartungen und realer Arbeitssituation.
Burn-out-Prophylaxe
Für die Burn-out-Prophylaxe sind damit die beiden Säulen der Prävention klar: das betriebliche Gesundheitsmanagement und die individuelle Gesundheitspflege mit Selbstachtsamkeit. Für den Betrieb gilt, eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der offen über Anforderungen und Grenzen der Leistungsfähigkeit gesprochen werden kann. Die vielbeschworene "Work-Life-Balance" geht zu oft vom verdichteten Arbeitsleben aus und mahnt, die Freizeit nicht zu vergessen. Aber jeder Arbeitnehmer hat auch "Life-Events" wie Scheidung, Trennung, Krankheit oder Tod in der Familie, Probleme mit den Kindern. Auch die "Life-Work-Balance" muss möglich sein. Dies setzt voraus, dass vorübergehende Leistungseinschränkungen mit Vorgesetzten besprechbar sind.Mehr zum Thema Burn-out
Therapeutisch hat sich aus meiner Sicht die selbstachtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) in Verbindung mit psychodynamischer Einzel- oder Gruppentherapie bewährt. Menschen unter chronischer Dauerbelastung leben im "getriebenen Modus", sind immer in der Zukunft und bewerten sofort jedes Ereignis auf der Grundlage früherer negativer Erfahrungen. Sie reagieren nach dem Reiz-Reaktionsschema und sind in ihrer Wahrnehmung nicht bei sich. Durch Yoga, Meditation und Atemübungen lernen sie, wieder "gegenwärtig" zu sein, nicht gleich alles und jedes zu bewerten, sondern wie aus einer inneren Beobachterposition negative und positive Gefühle zu akzeptieren und nicht sofort zu handeln. Somit entsteht wieder ein innerer Entscheidungsraum, der mit dem Burn-out-Prozess verloren ging. So lassen sich in der Therapie alte und neue Kraftquellen wieder entdecken. Der Weg zur Selbststeuerung setzt allerdings regelmäßiges Üben voraus. Wie schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk am Schluss seines neuesten Buches: "... in täglichen Übungen die guten Gewohnheiten gemeinsamen Überlebens anzunehmen".
Forschung und Lehre :: November 2011
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