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Der Konformitätsindex: Über einen fragwürdigen Trend bei Berufungen im Fach Psychologie
Von Gottfried Fischer und Christiane Eichenberg

Die thematische Breite, aber auch die Förderung von "Außenseitern" galt immer als Zeichen einer guten Berufungskultur. Die aktuell stattfindende Auswahl zukünftiger Hochschullehrer im Fach Psychologie scheint von diesen "Grundsätzen" indes weit entfernt zu sein.

Der Konformitätsindex: Über einen fragwürdigen Trend bei Berufungen im Fach Psychologie© Sebastian Kaulitzki- Fotolia.com
Die Berufung von Hochschullehrern nach adäquaten Auswahlkriterien gehört seit je zu den wichtigsten Aufgaben einer Universität. Die dabei entstehenden Grabenkämpfe gehörten zu einem "zünftigen" Berufungsverfahren und trugen dazu bei, der Monopolbildung einer einzelnen Schule oder Forschungsmethode vorzubeugen und die Pluralität an der Hochschule zu erhalten. Auch "Außenseiter" und Erneuerer bekamen so eine Chance. "In der Wissenschaft sollte man den Typus des Erneuerers eigentlich als Regelfall vorfinden. Wo sonst?", fordert der Wissenschaftsforscher Klaus Fischer (2006). Ihm ist sicher zuzustimmen. Wie aber ist diese Forderung mit der um sich greifenden institutionellen Realität der deutschen Universität vereinbar? So wie durch die auf fünf Jahre im Voraus normierten Bachelor/ Master-Studiengänge bei den Studierenden scheinen auch bei der Auswahl der zukünftigen Hochschullehrer Konformismus und "Gleichschaltung" zu herrschen.

Das Beispiel der Psychologie

Im Fach Klinische Psychologie und Psychotherapie, einem Teilgebiet der Psychologie, sind in der BRD inzwischen über 80 Prozent der Professuren mit Verhaltenstherapeuten besetzt. Andere therapeutische Richtungen, wie humanistische, systemische oder tiefenpsychologische Psychotherapie bilden demgegenüber eine verschwindende Minderheit, obwohl letztere beispielsweise zu den als wissenschaftlich fundiert anerkannten Verfahren der Richtlinienpsychotherapie in Deutschland gehört. Auch die anderen europäischen Länder sind von solcher Einseitigkeit weit entfernt. Die Folgen dieser Schieflage zugunsten der Verhaltenstherapie (VT), übrigens mit steigender Tendenz, für die Psychologiestudierenden kann man sich leicht ausmalen. Sie werden in ihrem Studium fast ausschließlich über VT informiert und erfahren von den anderen Schulrichtungen, wenn überhaupt etwas, so überwiegend Negatives.

Nach einer annähernd repräsentativen aktuellen Internetbefragung der deutschen Psychologiestudierenden (Eichenberg et al., 2007) studieren 55 Prozent das Fach, um unmittelbar im Anschluss in ihr Studium Psychotherapeuten zu werden. Mehr als die Hälfte von ihnen sind vor allem an Tiefenpsychologie (TP) und Psychoanalyse (PA) interessiert. Nach den "Informationen", die sie durch ihre verhaltenstherapeutischen Hochschullehrer erhalten, wandeln sich die Präferenzen entscheidend. Nur noch 24 Prozent interessieren sich für die durchweg als "unwissenschaftlich" dargestellte TP und PA, während die Bevorzugung von VT auf 54 Prozent steigt. Die Indoktrination zugunsten von VT und auf Kosten der PA im Psychologiestudium führt schon heute zu einer deutlichen Reduktion der TP und PA in der psychotherapeutischen Praxis. In der BRD werden heute 75 Prozent Ausbildungsteilnehmer in VT ausgebildet gegenüber nur 25 Prozent in TP und analytischer Psychotherapie (AP). Es lässt sich voraussehen, dass in etwa zehn Jahren der Bevölkerung kaum noch die Möglichkeit offen steht, zwischen einer VT- und TP/AP-Behandlung zu wählen - obgleich die psychodynamische Variante der Psychotherapie keineswegs weniger wissenschaftlich begründet und weniger wirksam ist als die VT. Sie besitzt ganz im Gegenteil ihre spezifische Indikation und besonderen therapeutischen Effekte.

Wie kam der Erdrutsch zustande?

In den 1950er und 60er Jahren war das Verhältnis der psychotherapeutischen Verfahren in der Bundesrepublik Deutschland recht ausgewogen. Wir gingen der Frage nach, wie der in den vergangenen 15 Jahren zu beobachtende Megatrend zur VT in der Psychologie zustande kam. In unserer Studie stellte sich als ein wesentlicher Faktor der Ausschreibungstext bei Neubesetzung von Lehrstühlen heraus, ferner die Kriterien für die Auswahl geeigneter Bewerber (Fischer & Möller, 2006). Wir analysierten die Ausschreibungsschwerpunkte der Lehrstühle für Klinische Psychologie/Psychotherapie seit 1993 an deutschsprachigen Universitäten. Bei den auf eine Therapierichtung festgelegten Ausschreibungen ergibt sich ein Verhältnis von 3,3 zu 1 zugunsten der VT. Fügt man Ausschreibungen hinzu, in denen ein psychotherapeutisches Verfahren zwar verlangt, aber nicht näher spezifiziert wird, so ergäbe sich eine Proportion von 53 Prozent VT zu 6 Prozent TP/AP, vorausgesetzt, die hinsichtlich der Therapierichtung nicht spezifizierten Ausschreibungen seien insgesamt zugunsten der VT entschieden worden, was jedoch nicht der Fall ist. Aber auch daraus ließe sich die heutige Schieflage von 80 Prozent zugunsten der VT noch nicht erklären. Die verbleibende Lücke von ca. 27 Prozent wird geschlossen durch Bewerber aus den 41 Prozent Ausschreibungen, in denen keine abgeschlossene Psychotherapieausbildung gefordert war. Wie lässt sich verstehen, dass das akademische Fach Psychologie beinahe die Hälfte seiner Stellen für Klinische Psychologie ohne psychotherapeutische Qualifikation ausschreibt, die zumindest seit dem Psychotherapeutengesetz (PthG) von 1999 die berufsrechtliche Voraussetzung für die Ausübung der Fachaufsicht in den der Universität angeschlossenen psychologischen Beratungsstellen und auch in klinischer Diagnostik ist? Man könnte erwarten, dass sich die Ausschreibungspraxis in diesem problematischen Punkt zumindest seit der Verabschiedung des PthG geändert hat. Das ist jedoch nicht der Fall.