Pflege von sozialen Kontakten und Beziehungen
Von Nicola Döring
Vielfach wird von den Nutzern sozialer Netzwerke angenommen, dass sie zu einer übersteigerten Selbstdarstellung neigen und ihre direkten Kontakte im realen Leben vernachlässigen. Doch sind diese Befürchtungen berechtigt? Eine Analyse aus psychologischer Perspektive.
© kutay tanir - iStockphoto.com Soziale Netzwerkplattformen dienen in erster Linie der Pflege von sozialen Kontakten und Beziehungen, die bereits im "realen Leben" bestehen. Es geht also nicht um das Kennenlernen anonymer Unbekannter, sondern um das Kontakthalten zu den vielen verschiedenen Menschen, denen wir im Laufe des Lebens begegnen: ehemalige Mitschülerinnen und Kommilitonen, Lehrer und Dozentinnen, Arbeitskolleginnen und Nachbarn, Urlaubs- und Auslandsbekanntschaften. Früher verlor man viele von ihnen aus den Augen. Heute kann man sie über Networking-Portale wiederfinden und weltweit Verbindung halten.
Die Plattformen erlauben es den Beteiligten, wechselseitig ihre Online-Profile anzuschauen und somit zu erfahren, was im Leben der anderen Person passiert. Das Online-Profil enthält eben nicht nur einen statischen Steckbrief mit Namen, Geburtstag, Wohnort, Schule, Hochschule, Arbeitgeber und Hobbies. Durch Statusmeldungen und Bilder kann das Profil vielmehr regelmäßig aktualisiert werden: Ob Urlaubs-, Haustier- oder Babyfotos, Meldungen über Umzüge und Jobwechsel, die jüngsten Anschaffungen, Pläne oder Stimmungen.
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Der verbreitete Vorwurf einer geradezu exhibitionistischen Selbstdarstellung auf Online-Profilen ist psychologisch ungerechtfertigt: Nur wenn die Nutzer auf ihren Online-Profilen persönliche Informationen preisgeben, kann dieser Kommunikationsweg dem bedeutungsvollen sozialen Austausch dienen. Die Online-Selbstdarstellung ist dabei weder von normverletzenden Inhalten noch von unwahren Fantasieangaben geprägt, sondern meist harmlos und authentisch. Mit der auch sonst üblichen Prise Selbstmarketing. Oft wird befürchtet, der virtuelle Kontakt auf der Netzwerk-Plattform könnte das reale Zusammensein verdrängen. Tatsächlich aber stellt die Online- Kommunikation keine Konkurrenz, sondern eine wertvolle Ergänzung in jenen Situationen dar, in denen sonst überhaupt kein Austausch stattfinden würde. Über die Online-Vielkontakter muss man sich deswegen keine Sorgen machen, denn sie erweisen sich in der Regel auch offline als gesellige und sozial kompetente Mitmenschen. Als Problemgruppe sind vor allem Jugendliche anzusehen, die online isoliert bleiben, weil dies auf geringe soziale Integration auch außerhalb des Netzes hindeutet.
Laut der, nach dem gleichnamigen Psychologen benannten, Dunbar-Zahl können wir rund 150 Sozialkontakte pflegen, bevor unser menschliches Gehirn an Verarbeitungsgrenzen stößt. Die Social-Networking-Plattformen helfen, auch eine größere Anzahl von Kontakten sowie deren Querverbindungen zu verwalten. So stößt man auf privaten Netzwerkplattformen wie Facebook, studiVZ oder wer-kennt-wen immer wieder auf Mitglieder mit Hunderten Kontakten. Natürlich ist den Beteiligten bewusst, dass nicht hinter jedem "Freundschaftslink" auf der Plattform eine enge Freundschaft steht. Viele Verlinkungen betreffen sehr lockere Kontakte: flüchtige Bekannte, ehemalige Kollegen oder Freundesfreunde. Diese schwachen Bindungen besitzen eine spezifische Stärke: Sie bringen uns mit Menschen außerhalb unseres homogenen Familien- und Freundeskreises in Verbindung, erweitern damit unseren Horizont und können teilweise spezielle Informationen oder Hilfen bieten. Die aktive und kompetente Nutzung von Netzwerkplattformen hilft somit bei der Akkumulation von sozialem Kapital, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu die durch soziale Beziehungen verfügbaren Ressourcen benannte. Bereits in den 1960er Jahren postulierte der amerikanische Psychologe Stanley Milgram, dass sich alle Menschen auf der Welt im Grunde um nur "sechs Ecken herum" kennen.
Dieses so genannte Kleine-Welt-Phänomen greifen insbesondere die Business-Plattformen auf und zeigen den Mitgliedern auch die Kontakte ihrer Kontakte an: Wer beispielsweise über 150 direkte, also wechselseitig bestätigte, Kontakte auf dem Business-Netzwerk Xing verfügt, kommt leicht auf 16.000 "Kontakte von Kontakten" und gar auf 600.000 "Kontakte dritten Grades". Ganz schön viel "Vitamin B". Freilich reicht die pure virtuelle Verlinkung auf der Plattform nicht aus, um beruflich zu profitieren. Dafür muss dann noch - online wie offline - aktives "Networking" betrieben werden, etwa mittels Empfehlungen, Einladungen und Gefälligkeiten. Berufliche und private soziale Beziehungen - lockere Kontakte und insbesondere enge Bindungen - sind zentral für unser seelisches Wohlbefinden. Kein Wunder also, dass Netzwerkplattformen, die Beziehungspflege unterstützen, so großen Anklang finden.
All dies geht mit entsprechenden Schattenseiten einher: mit Klatsch und Tratsch, Eifersucht und Betrug, Online-Mobbing und Cyber-Stalking. In der Presse wird den negativen Folgen viel Aufmerksamkeit gewidmet. Aber handelt es sich dabei wirklich um Internet-Probleme? Misshandlung, Missbrauch und Gewalt finden vor allem innerhalb unserer persönlichen Beziehungen statt, die zwar ein hohes Glückspotenzial bergen, gleichzeitig aber zu den größten Risikofaktoren körperlicher und geistiger Gesundheit zählen. Eine unangenehme Tatsache, die sich psychologisch gut "verdrängen" lässt, indem man sie auf die Gefahren der Online-Welt projiziert.
Über die Autorin
Nicola Döring ist Professorin für Medienpsychologie und Medienkonzeption an der Technischen Universität Ilmenau.
Aus Forschung und Lehre :: März 2011
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