Bedeuten E-Mail und Co. das Ende der Briefkultur?
"Ja", sagt Detlev Schöttker, apl. Professor für Neuere Deutsche Literatur und Medienanalyse an der TU Dresden.
Wer im fortgeschrittenen
Alter ist und seine
Briefordner der letzten Jahrzehnte mustert,
wird feststellen, dass diese seit der
zweiten Hälfte der 1990er Jahre zunehmend
schmaler geworden sind, bis
schließlich mehrere Jahrgänge in einem
Ordner Platz gefunden haben. Vermutlich
finden sich zunächst Ausdrucke
erster E-Mails zwischen Briefen, bis
auch diese nur noch im Personalcomputer
abgelegt worden sind. Dies ist, neben
der Reduktion kleinerer Formate
im Briefkasten und der dünner werdenden
Postmappe, der sichtbare Ausdruck
einer Veränderung, die sich um die
Wende zum 21. Jahrhundert in der
schriftlichen Kommunikation vollzogen
hat, nämlich die Verdrängung des Papierbriefes
durch die elektronische Post.
Der Wandel ist auch hörbar. Denn
das Telefon klingelt deutlich weniger, da
die elektronische Post auch die Funktion
des fernmündlichen Gesprächs übernommen
hat. Etwa hundert Jahre lang
sind Brief und Telefon eine - bisweilen
lästige, meist aber gelungene - Allianz
eingegangen, die inzwischen aufgelöst
wurde. Die E-Mail hat dabei zu einer
Veränderung der digital erzeugten
Schriftsprache geführt, die sich - je vertrauter
die Partner miteinander sind -
der Vorläufigkeit und Fehlerhaftigkeit
des Sprechens annähert.
Diese Angleichung wird allseits akzeptiert, zumal sie das Schreiben erleichtert, ist allerdings nicht die wichtigste Folge der Veränderung. Denn anders als im Brief oder im Telefonat gibt es in E-Mails meist keine persönliche Aussprache oder genauere Erläuterungen von Sachverhalten. E-Mails dienen vornehmlich der schnellen Mitteilung und fordern vom Partner keine bedachtsame Antwort, sondern umgehende Rückmeldung. Während der Briefwechsel, zumindest nach Auffassung seiner Verfechter im 18. Jahrhundert, die schriftliche Fortsetzung eines vertrauten Gesprächs darstellt, ist der wechselseitige Austausch von E-Mails meist eine launige Episode von Stunden oder wenigen Tagen. Selbstverständlich bedeuten diese Veränderungen keineswegs, dass nicht auch wohl überlegte und fehlerfreie E-Mails verschickt und auf elektronischem Wege Formen des traditionellen Briefwechsels gepflegt werden können (bisweilen sogar vertrauter als dies vorher möglich war).
Jeder kennt diese Fälle. Nicht auszuschließen ist auch, dass mit dem Überdruss an der Massenhaftigkeit ungewollter und schlecht formulierter E-Mails eine neue Lust an Feder, Tinte, Papier, Umschlag und Briefmarke wächst. Ändern aber wird dieser Rückgriff auf traditionelle Schreib- und Übermittlungsformen nichts, da der praktische Nutzen der E-Mail wegen der geringen Kosten, der zeitlichen und globalen Flexibilität und der Möglichkeit umfangreicher Text- und Bildanhänge gar nicht bezweifelt werden kann. Mehr als die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie oder das Programmradio ist der Papierbrief deshalb seit Jahren mediale Vergangenheit, die inzwischen in wunderbaren Ausstellungen und Katalogen präsentiert wird (wie 2008 im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt).
Doch geht mit der Verdrängung des
Briefs nicht nur eine haptisch erfahrbare
Kommunikationsform verloren. Eine
gravierende Folge ist das langfristige
Verschwinden von Dokumenten mit
subjektiven Ausdrucksformen, die
durch Blogs nicht zu ersetzen sind, weil
sich diese wie das traditionelle Tagebuch
an Anlässen und nicht an Dialogpartnern
orientieren. Briefe aber sind,
wie Goethe 1805 schreibt, als "dauernde
Spuren eines Daseins" auch "Blätter
für die Nachwelt". Die wissenschaftlichen
Biographien,
die in den letzten
Jahren erschienen sind und
unsere Kenntnis über
Denkweisen von Individuen
enorm erweitert haben, konnten nur
entstehen, weil Briefe seit dem 18. Jahrhundert
von Privatleuten geschrieben
und gesammelt, seit dem 19. Jahrhundert
in Archiven verwahrt und im 20.
Jahrhundert durch Editionen zugänglich
geworden sind.
Wer aber, so ist zu fragen, wird eigene oder fremde Personalcomputer, Festplatten oder gar E-Mails sammeln, um sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, wenn die Geräte nicht bereits durch ihre Besitzer entsorgt und die Texte gelöscht worden sind? Der Ausbau von Archiven mit der Möglichkeit des Zugriffs auf alle Formen digitaler Daten mag noch lösbar sein, die Sammlung, Betreuung oder Edition der digital gespeicherten Textmassen aber ist eine Aufgabe, für die bisher kaum Lösungen angeboten und diskutiert worden sind. Die Kulturwissenschaften werden sich darüber Gedanken machen müssen.
Aus Forschung und der Lehre :: September 2010
Diese Angleichung wird allseits akzeptiert, zumal sie das Schreiben erleichtert, ist allerdings nicht die wichtigste Folge der Veränderung. Denn anders als im Brief oder im Telefonat gibt es in E-Mails meist keine persönliche Aussprache oder genauere Erläuterungen von Sachverhalten. E-Mails dienen vornehmlich der schnellen Mitteilung und fordern vom Partner keine bedachtsame Antwort, sondern umgehende Rückmeldung. Während der Briefwechsel, zumindest nach Auffassung seiner Verfechter im 18. Jahrhundert, die schriftliche Fortsetzung eines vertrauten Gesprächs darstellt, ist der wechselseitige Austausch von E-Mails meist eine launige Episode von Stunden oder wenigen Tagen. Selbstverständlich bedeuten diese Veränderungen keineswegs, dass nicht auch wohl überlegte und fehlerfreie E-Mails verschickt und auf elektronischem Wege Formen des traditionellen Briefwechsels gepflegt werden können (bisweilen sogar vertrauter als dies vorher möglich war).
Jeder kennt diese Fälle. Nicht auszuschließen ist auch, dass mit dem Überdruss an der Massenhaftigkeit ungewollter und schlecht formulierter E-Mails eine neue Lust an Feder, Tinte, Papier, Umschlag und Briefmarke wächst. Ändern aber wird dieser Rückgriff auf traditionelle Schreib- und Übermittlungsformen nichts, da der praktische Nutzen der E-Mail wegen der geringen Kosten, der zeitlichen und globalen Flexibilität und der Möglichkeit umfangreicher Text- und Bildanhänge gar nicht bezweifelt werden kann. Mehr als die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie oder das Programmradio ist der Papierbrief deshalb seit Jahren mediale Vergangenheit, die inzwischen in wunderbaren Ausstellungen und Katalogen präsentiert wird (wie 2008 im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt).
Lesen Sie auch
Wer aber, so ist zu fragen, wird eigene oder fremde Personalcomputer, Festplatten oder gar E-Mails sammeln, um sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, wenn die Geräte nicht bereits durch ihre Besitzer entsorgt und die Texte gelöscht worden sind? Der Ausbau von Archiven mit der Möglichkeit des Zugriffs auf alle Formen digitaler Daten mag noch lösbar sein, die Sammlung, Betreuung oder Edition der digital gespeicherten Textmassen aber ist eine Aufgabe, für die bisher kaum Lösungen angeboten und diskutiert worden sind. Die Kulturwissenschaften werden sich darüber Gedanken machen müssen.
Aus Forschung und der Lehre :: September 2010
Diese Artikel könnten Sie interessieren
Stellenangebote
Arbeitgeber im Blick
Diese Stellen könnten zu Ihnen passen
10. Mai 2012
zlb - Zentral- und Landesbibliothek Berlin
10. Mai 2012
Ludwig-Maximilians-Universität München





