Wissenschaft oder Wirtschaft Von Birk Grüling

Eine Karriere in der Wissenschaft oder in der Wirtschaft? Vor dieser Entscheidung stehen junge Forscher spätestens am Ende ihrer Promotion. academics begab sich auf die Spurensuche nach einer Antwort, die letztendlich jeder selbst finden muss.

Wissenschaft oder Wirtschaft© Weigand - photocase.comJeder muss selbst entscheiden, welcher Weg der Richtige ist: Eine Karriere in der Wissenschaft oder in der Wirtschaft?
Was will ich eigentlich machen? Vor dieser Frage stehen wir im Berufsleben häufiger. Das erste Mal nach dem Abitur, vielleicht noch einmal nach dem Bachelor, sicher aber am Ende des Masters, bei manchen folgt dann die Promotion und schon wieder steht die große Frage nach dem "Was jetzt?" im Raum. Auf der einen Seite lockt die Wirtschaft mit guter Bezahlung und ansprechenden Karriereoptionen, auf der anderen Seite gibt es den Traum vom Forscherleben voller freiem Denken, vielleicht sogar an einem international angesehenen Institut. "Ein Doktortitel steht immer noch für Seriosität und hebt ganz klar die Karrierechancen. Durch den Abschluss haben sich die jungen Forscher häufig wichtige Schlüsselkompetenzen wie Methodensicherheit, Projekterfahrung oder Organisationstalent angeeignet", erklärt Dr. jur. Hubert Detmer, zweiter Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes. Er selbst berät seit vielen Jahren Wissenschaftler und Forscher bei ihrer Karriere, angeboten unter anderem auch als kostenloser Service auf academics.de (Karriereberatung). Ein Patentrezept für die Entscheidung "Wissenschaft oder Wirtschaft" gibt es aus seiner Sicht nicht. "Die Karriereplanung ist ein sehr individueller Prozess, der viel mit dem Forschungsschwerpunkt, persönlichem Engagement und Interessen sowie mit einer Portion Glück zu tun hat", sagt Detmer.

Die Karriere ist auch nach dem Bachelor möglich

In einigen Fachbereichen sucht die Wirtschaft händeringend nach Nachwuchskräften - Beispiel Ingenieurwissenschaften. Laut dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) können derzeit 70.000 Stellen nicht besetzt werden und ein Ende des Fachkräftemangels ist nicht in Sicht. "Heute bekommen junge Ingenieure bereits nach dem Bachelor sehr gute Angebote. Eine Promotion ist deshalb nur nötig, wenn man wirklich großes Interesse an der Forschung hat und vielleicht einmal in einer Entwicklungsabteilung oder wirklich der Universität arbeiten möchte", erklärt Dr. Markus Finck, Mitglied der VDI-Bereichsleitung Beruf und Gesellschaft. Die Argumente für eine akademische Laufbahn bei Ingenieuren sind auf den ersten Blick schwach. Befristete Verträge, geringeres Gehalt und eine nur wage Aussicht auf eine Professur und die Verbeamtung konkurrieren mit erstklassigen Karrierechancen und Spitzengehältern in der Industrie. "Wissenschaftler müssen für ihre Forschung brennen, denn der Weg ist zur Professur immer ein schwieriger. Die Motivation vieler Forscher ist sicherlich eher intrinsisch", weiß auch Detmer. Generell abraten würden beide Experten jungen Ingenieuren zu ihrem Berufsziel "Hochschule und Forschung" trotzdem nicht. "Ich kann nur jedem empfehlen, sich frühzeitig Gedanken um die eigenen Berufsziele und Vorstellungen des Arbeitsgebiets zu machen", sagt Finck. "Wer mit Anfang 40 feststellt, dass er im Universitätsbetrieb nicht mehr weiterkommt, hat es auch in unserer Branche schwer bei einem Unternehmen Fuß zu fassen."

Wirtschaftserfahrung ist durchaus erwünscht

Mit etwas Geschick sind in den Ingenieurwissenschaften sogar Wege zwischen Forschung und Wirtschaft denkbar, wie man beim VDI erklärt. "Viele universitäre Forschungsprojekte sind eng mit der Industrie verzahnt und der Austausch ist im Vergleich zu anderen Disziplinen sehr rege", sagt Finck. Außerdem gibt es eine nicht unerhebliche Zahl an forschungsnahen Startups. In den Entwicklungsabteilungen von Klein- und Großbetrieben bestehen außerdem für junge Ingenieure durchaus Möglichkeiten, wichtige Pluspunkte für eine wissenschaftliche Karriere zu sammeln. Dazu gehören zum Beispiel Artikel in Fachzeitschriften oder ein gutes internationales Netzwerk. "Der Bedarf an Lehraufträgen für Ingenieure an den Universitäten steigt auch. Hier werden junge Promovierte mit entsprechender Qualifikation gerne genommen. Erfahrungen aus der Industrie sind dabei erwünscht", so der VDI-Experte weiter. Wirtschaftserfahrung gilt ohnehin bei Ingenieurwissenschaften durchaus als Pluspunkt für die Bewerbung um eine Professur. Von einer großen Durchlässigkeit der beiden Systeme zu sprechen, wäre jedoch übertrieben, wie Dr. Detmer von Deutschen Hochschulverband erklärt: "Sicherlich ist in den Ingenieurwissenschaften der Wechsel zwischen Wirtschaft und Wissenschaft deutlich leichter, aber auch hier sind die Professorenstellen rar. Neben Fleiß und Netzwerk spielen Glück und Timing eine große Rolle."

Karrierechancen für Physiker

Wie schwer es ist, ein pauschales Urteil zu fällen oder auch nur annähernd allgemeingültige Entscheidungsempfehlungen zu geben, zeigt der Blick auf eine nah verwandte Disziplin, die Physik. "Die wenigsten Physiker in der Industrie arbeiten als physikalisch forschende Wissenschaftler. Die Forschung an Naturgesetzen ist einfach zu praxisfern, die Unternehmen interessieren sich eher für die Fachkenntnisse und methodischen Kompetenzen der Absolventen", erklärt Dr. Achim Hofmann, vom Vorstand und aus dem Arbeitskreis "Industrie und Wirtschaft" der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). So sind Physiker mit und ohne Promotion in der Großindustrie, aber auch bei Banken, Unternehmensberatungen und der IT-Branche gefragte High Potentials. In ihrer akademischen Ausbildung haben Physiker sich nicht nur mit Naturgesetzen auseinandersetzt, sondern beherrschen neben der Fähigkeit, schwierige Sachverhalte logisch zu durchdenken, auch Messtechniken, können mit großen Datenmengen umgehen oder bringen darüber hinaus gute Programmierkenntnisse mit. Dieses hohe Interesse an Absolventen spiegelt sich auch in den Arbeitsmarktzahlen wieder, die Arbeitslosigkeit unter Physiker ist sehr gering. "Größte klassische Arbeitgeber sind Konzerne wie z.B. Bosch oder Siemens, hier sind die Einstiegsgehälter genau wie die Karrierechancen sehr gut. Aber auch der Mittelstand bietet erstklassige Perspektiven für Absolventen mit passenden Qualifikationen", erklärt Hofmann weiter. Eine Promotion wird dabei oft gern gesehen, ohnehin promovieren in der Physik knapp die Hälfte aller Diplom- bzw. Masterabsolventen.

Die besten acht bis zehn Prozent

"All den schweren Voraussetzungen für eine akademische Karriere zum Trotz kann ich jedem Studenten mit Leidenschaft für Wissenschaft nur zu einer Promotion raten. Wer straff arbeitet und gute Ergebnisse erzielt, hat dadurch keine Nachteile", rät Prof. Dr. René Matzdorf, Studiendekan an der Uni Kassel und bei der DPG für den wissenschaftlichen Nachwuchs zuständig. Vor der Promotion sind zu viele Gedanken um eine mögliche unsichere Zukunft eher unnötig. Die meisten Promotionsstellen in den Naturwissenschaften sind am Lehrstuhl bezahlt und die Doktoranden genießen viele studentische Vorteile. "Man hat sein Auskommen, meistens noch keine Familie und darum ist diese Zeit aus meiner Sicht sehr spannend und überaus bereichernd. Selbst von einer gewissen Zeit als Postdoc im Ausland würde ich keinem abraten", so Matzdorf weiter. Weniger positiv fällt aber seine Prognose zu einer wissenschaftlichen Karriere aus. "Stipendien, Stellen als Juniorprofessor oder gar eine unbefristete Stelle im akademischen Mittelbau sind nur schwer zu bekommen. Ich würde schätzen, dass eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere nur den besten acht bis zehn Prozent der Doktoranden offen steht." Wer in der Fach-Community mit herausragenden Forschungsergebnissen, Vorträgen, Konferenzbesuchen und Forschungsaufenthalten im Ausland positiv auffällt und einen Doktorvater hat, der sich um eine gute Vernetzung kümmert, kann es schaffen und am Ende eine Professur mit gutem Gehalt und Verbeamtung erreichen. Doch dafür sollte man - wie es Dr. Detmer von Deutschen Hochschulverband so schön sagte - wirklich und ausnahmslos für die Wissenschaft brennen. Am Ende ist die Frage, ob Wissenschaft oder Wirtschaft, doch gar nicht so schwer zu beantworten.

academics :: Oktober 2012