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Der Druck wächst - Drittmittelfinanzierung der Hochschulen

von GERHARD VOGT

Der Anteil der Drittmittel an der Finanzierung der Hochschulen beträgt inzwischen rund 24 Prozent, Tendenz steigend. Während die einen das als großen Erfolg feiern, kritisieren andere diese Entwicklung. Ein Blick auf Zahlen und Fakten zur Drittmittelforschung in Deutschland und deren Konsequenzen.

Der Druck wächst - Drittmittelfinanzierung der Hochschulen© Sashkin - Fotolia.comDie universitäte Grundfinanzierung kann mit der steigenden Drittmittelfinanzierung nicht mithalten
Drittmittel sind in den letzten Jahrzehnten immer bedeutsamer für die Finanzierung der Hochschulen in Deutschland geworden - und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Drittmittel sind Gelder, die zur Förderung der Forschung sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Lehre zusätzlich zum regulären Haushalt der betreffenden Einrichtung von öffentlichen oder privaten Stellen ("Dritten") eingeworben werden. Zu den Drittmitteln zählen insbesondere Projektmittel der Forschungsförderung des Bundes, der Länder, der EU und anderer öffentlicher Stellen, der Wirtschaft zur Durchführung von Forschungsaufträgen sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Bei den Grundmitteln, welche die Hochschulen zur Finanzierung ihrer Aufgaben von ihren Trägern erhalten, gab es dagegen bei weitem nicht die Steigerungsraten, die die Drittmittel zu verzeichnen hatten. Aus den Grundmitteln werden die Ausgaben der Hochschulen für laufende Zwecke finanziert, also insbesondere Personalausgaben, Mieten, Energiekosten usw. Dagegen sind Investitionsausgaben, beispielsweise für den Erwerb von Grundstücken oder für Baumaßnahmen, in den Grundmitteln nicht enthalten. Einzelheiten zur Entwicklung von Grund- und Drittmitteln seit 1995 für den gesamten Hochschulbereich - also für Universitäten einschließlich Hochschulmedizin, Kunsthochschulen und Fachhochschulen - ergeben sich aus Abb. 1.

Der Druck wächst - Drittmittelfinanzierung der Hochschulen © Forschung & Lehre/Statistisches Bundesamt Abb. 1: Grundmittel und Drittmittel der Hochschulen in Deutschland von 1995 bis 2001
Wie in der Abbildung ersichtlich, sind die Grundmittel im untersuchten Zeitraum nur moderat um 42 Prozent gestiegen, während die Drittmittel ein Wachstum von 204 Prozent zu verzeichnen hatten. Betrug 1995 das Verhältnis von Drittmitteln zu Grundmitteln etwa 1 zu 7, wurde im Jahr 2011 fast schon der Wert von 1 zu 3 erreicht. Im Jahr 2011 belief sich die Summe der Drittmitteleinnahmen auf 6,372 Milliarden Euro. Der weitaus größte Teil aller Drittmittel wird von den Universitäten eingeworben (s. Abb. 2). Die Drittmitteleinnahmen der Universitäten (ohne Hochschulmedizin) betrugen im Jahr 2011 rd. 4,548 Milliarden Euro. Zu den Universitäten werden bei dieser Zusammenfassung auch die - wenigen - noch bestehenden Pädagogischen Hochschulen sowie die Theologischen Hochschulen gerechnet, da auch sie über das Promotionsrecht verfügen.

Größter Drittmittelgeber der Universitäten war im Jahr 2011 mit rd. 1,733 Milliarden Euro (rd. 40 Prozent aller universitären Drittmittel) die Deutsche Forschungsgemeinschaft, gefolgt vom Bund mit rd. 1,084 Milliarden Euro (rd. 25 Prozent). Erst an dritter Stelle folgte die gewerbliche Wirtschaft, die in der Öffentlichkeit vielfach als der wichtigste Drittmittelgeber wahrgenommen wird, mit rd. 833 Millionen Euro (rd. 19 Prozent). Im Zeitverlauf hat sich der Anteil der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Drittmittelfinanzierung der Universitäten in den letzten Jahren erhöht. Auch der Anteil der EU-Drittmittel ist gestiegen, während die Finanzierung durch die gewerbliche Wirtschaft leicht an Boden verloren hat. Inzwischen beträgt der Anteil der Drittmittel an der Finanzierung des Hochschulbereichs rd. 24 Prozent. Bei einzelnen, besonders drittmittelstarken Universitäten wird bereits ein Anteil am Hochschuletat von mehr als 30 Prozent, bei der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen sogar von über 40 Prozent erreicht, mit weiter ansteigender Tendenz.

Der Druck wächst - Drittmittelfinanzierung der Hochschulen © Forschung & Lehre/Statistisches Bundesamt Abb. 2: Drittmittel der Hochschulen 2011, sortiert nach Hochschularten

Hochschulpersonal und Drittmittel

Besonders bedeutsam ist das Drittmittelaufkommen auch für das Hochschulpersonal. Da Drittmittel ganz überwiegend für Zwecke der Forschung bestimmt sind, wird ein zunehmender Anteil des in der Forschung tätigen Hochschulpersonals aus Drittmitteln bezahlt. Der Anteil des drittmittelfinanzierten wissenschaftlichen Personals der Hochschulen beträgt bundesweit 26 Prozent (s. Abb. 3). Bei dem genannten Wert handelt es sich um einen Durchschnittswert, der bei vielen Hochschulen weit übertroffen wird.

Drittmittel und wissenschaftliche Leistungsfähigkeit

Erfolge bei der Einwerbung von Drittmitteln werden weithin mit wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Dementsprechend spielen Drittmittel bei der Selbstdarstellung einzelner Universitäten oder einzelner Fachbereiche und Fächer eine erhebliche Rolle. Auch für die Wissenschaftspolitik sind Erfolge bei der Einwerbung von Drittmitteln von großer Bedeutung. In allen Bundesländern sind die Drittmittel bei der leistungsorientierten Mittelvergabe ein oder sogar der wichtigste Indikator für die Forschungsstärke der betreffenden Hochschule. Erfolge bei der Drittmittelakquisition zahlen sich also doppelt aus: Zum einen in Gestalt der eingeworbenen Forschungsgelder, zum andern über die leistungsorientierte Mittelvergabe, welche die Drittmittelstärke belohnt.

Regelmäßig werden Aufstellungen der drittmittelstärksten Hochschulen veröffentlicht. An der Spitze dieser Aufstellungen stehen regelmäßig die großen Technischen Universitäten, gefolgt von großen traditionsreichen Universitäten wie Freie Universität Berlin, LMU München oder Universität Heidelberg. Die Drittmittel je Professor betragen bei diesen Hochschulen mehrere 100.000 Euro im Jahr. Sachgerechter wäre es jedoch, wie in der wissenschaftlichen Diskussion seit langem gefordert, die eingeworbenen Drittmittel in Relation zur Zahl der insgesamt an der betreffenden Hochschule forschenden Wissenschaftler zu setzen. Geschieht dies, verschiebt sich die Reihenfolge der betrachteten Hochschulen zum Teil deutlich. Kleinere, forschungsstarke Universitäten schieben sich dann nach vorne, zum Nachteil der großen Traditionsuniversitäten. Auch verdeutlicht der Blick auf die besonders drittmittelstarken technisch ausgerichteten Universitäten, wie sehr Drittmittelerfolge vom Fächerprofil der jeweiligen Hochschule abhängig sind. In den Fächern, die auf eine technische Infrastruktur angewiesen sind, wäre ohne Drittmittel Forschung kaum noch möglich.

Der Druck wächst - Drittmittelfinanzierung der Hochschulen © Forschung & Lehre/Statistisches Bundesamt Abb. 3: Wissenschaftliches Hochschulpersonal 2011
Die starke Fixierung auf Erfolge bei der Einwerbung von Drittmitteln verwundert, denn viele Hochschulen haben für ihre eigenen Zwecke bereits hochdifferenzierte Systeme zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit in den verschiedenen Fächern oder Fächergruppen entwickelt. Bei diesen Systemen sind die Drittmittel nur ein Indikator neben mehreren anderen. Publikationen und Wissenschaftspreise sind bei solchen hochschulinternen Systemen ebenso bedeutsam wie Forschungsverbünde und - begutachtete - Drittmittel, wobei zusätzlich noch nach Fächern bzw. Fächergruppen differenziert wird. Auch der Wissenschaftsrat hat sich vor kurzem Gedanken über die Bewertung von Forschungsleistungen gemacht und sich dafür ausgesprochen, dass die Bewertungskriterien fachspezifisch ausgestaltet werden (Drucksache 3409-13 vom 25. Oktober 2013). Der Wissenschaftsrat führt insbesondere Forschungsqualität und Impact, Reputation und Anerkennung neben Drittmittelaktivitäten und Infrastrukturen als Bewertungskriterien für die Forschungsleistung auf. Es bleibt zu hoffen, dass sich solche Überlegungen in der hochschulpolitischen Diskussion durchsetzen werden und es zu einer differenzierteren Einschätzung des Stellenwerts von Drittmitteln kommt.

Nachteilige Effekte durch Drittmittel

In der Hochschulpraxis der letzten Jahre war festzustellen, dass der Druck auf die Einwerbung von Drittmitteln weiter zugenommen hat. Dies gilt auch für die Buchwissenschaften, für die eher große Monographien und Editionen oder auch Abhandlungen in führenden Fachzeitschriften des betreffenden Faches charakteristisch sind. Durch den Druck auf die Einwerbung von Drittmitteln sind Effekte entstanden, die für den Wissenschaftsbetrieb durchaus von Nachteil sind. Der Zwang, Anschlussförderungen einzuwerben, hält die fähigsten Wissenschaftler, nämlich die Professoren, weitgehend von eigener Forschung ab. Die Professoren verwandeln sich in bestimmten Fächern zu Wissenschaftsmanagern, die vorrangig mit der Einwerbung von Forschungsgeldern beschäftigt sind, während die eigentliche Forschung von den Nachwuchswissenschaftlern betrieben wird. Ein Zwang zur Akquisition von Drittmitteln entsteht auch durch den großen Umfang des drittmittelfinanzierten Personals, das weiterbeschäftigt werden will.

Die Durchführung von Drittmittelvorhaben belastet zusätzlich die ohnehin schon knappe Grundfinanzierung: Drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte müssen vor- oder nachfinanziert werden, die Infrastruktur der Hochschulen muss auch den Anforderungen gerecht werden, die sich aus den Drittmittelvorhaben ergeben. Erst in den letzten Jahren sind einige Drittmittelgeber dazu übergegangen, sich an den indirekten Kosten der Drittmittelvorhaben durch Overheadpauschalen zu beteiligen. Durch den steigenden Umfang des Drittmittelvolumens werden die mit der administrativen Abwicklung der Forschungsprojekte befassten Hochschulmitarbeiter immer stärker belastet. Hinzu kommt, dass die Abwicklung der Drittmittelverfahren in den letzten Jahren durch Vorgaben der Finanzverwaltung und der EU (Trennungsrechnung nach EU-Beihilferecht) noch schwieriger geworden ist. Gerade bei den politisch gewünschten Vorhaben mit vielen internationalen Partnern oder der Industrie treten immer neue administrative Zweifelsfragen auf, die starke Kräfte in den Fakultäten und in der Hochschulverwaltung binden.

Immer mehr Universitäten, die in früheren Zeiten im Drittmittelbereich weniger aktiv waren, intensivieren ihre Bemühungen zur Einwerbung von Drittmitteln. Dies führt dazu, dass die Mittelgeber über immer mehr Anträge auf Förderung zu entscheiden haben. Im Ergebnis erhöht sich bei steigenden Antragszahlen auch die Quote der Ablehnungen, da die zur Verfügung stehenden Mittel nicht im selben Umfang zunehmen wie die Zahl der Anträge. Das bedeutet, dass auch gut begründete Anträge nicht immer erfolgreich sind, was bei den beteiligten Wissenschaftlern zu Verärgerung und Resignation führt. Schließlich ist nicht zu übersehen, dass es über Drittmittel auch zu inhaltlichen Einflussnahmen auf die Wissenschaft kommt. Unter dem Druck, Drittmittel zu akquirieren, werden Forschungsthemen auf bestimmte Förderprogramme zugeschnitten. Es wird nicht immer denjenigen Fragestellungen nachgegangen, welche aus wissenschaftlicher Sicht besonders interessant wären, vielmehr werden diejenigen Themen bevorzugt bearbeitet, für die Drittmittel zur Verfügung stehen.

Bessere Grundfinanzierung angekündigt

Als Befund bleibt festzuhalten, dass die Grundfinanzierung der deutschen Universitäten nicht mit den Steigerungsraten der Drittmittelfinanzierung Schritt gehalten hat. Um die geschilderte Abhängigkeit der Hochschulen von der Drittmittelfinanzierung zu mildern, müssten die von den Ländern zur Verfügung gestellten Grundmittel deutlich steigen. Damit ist aber für die nähere Zukunft nicht zu rechnen. In den letzten Jahren haben die Länder von stetig steigenden Steuereinnahmen profitiert, so dass sie mit weniger neuen Schulden auskamen. Allerdings werden die Länder in wenigen Jahren ganz auf neue Schulden verzichten müssen. Ab dem Jahr 2020 greift die sog. Schuldenbremse (Art. 109 Abs. 3 Grundgesetz), die es den Ländern verbietet, in der konjunkturellen Normallage neue Schulden aufzunehmen. Sollte sich die derzeitige Finanzsituation mit ihren hohen Steuereinnahmen verschlechtern, werden die Länder sparen müssen. Anstelle einer Erhöhung der Grundfinanzierung dürften dann Sparwellen auf die deutschen Hochschulen zukommen.

Es bleibt die Hoffnung, dass in Zukunft der Bund die Hochschulen finanziell stärker unterstützt, und zwar unmittelbar und nicht nur indirekt im Wege der Drittmittelfinanzierung. In der Tat enthält der Koalitionsvertrag vom 16. Dezember 2013 die Aussage, dass der Bund den Hochschulen in den nächsten vier Jahren mehr Geld zur Grundfinanzierung zur Verfügung stellen wird. Eine direkte Finanzierung der Hochschulen durch den Bund wäre äußerst sinnvoll, da nach allen vorliegenden Erkenntnissen diejenigen Mittel den größten wissenschaftlichen Nutzen bringen, über welche die Wissenschaft autonom verfügen darf. Eine stärkere Bundesfinanzierung der Hochschulen setzt allerdings voraus, dass das zurzeit bestehende Kooperationsverbot im Bildungssektor durch eine Änderung des Grundgesetzes aufgehoben wird. Bis zu einer entsprechenden Rechtsänderung sollten die indirekten Kosten der Drittmittelfinanzierung vollständig von den Drittmittelgebern getragen werden. Wie hoch diese Kosten sind, ist streitig. Hier müsste eine sorgfältige Ermittlung der Kosten stattfinden. Weiterhin sollten, um die forschenden Wissenschaftler zu entlasten, in jedem Fall die Unterstützungsstrukturen in den Hochschulen verbessert und ausgebaut werden.


Über den Autor
Gerhard Vogt, Direktor beim Landesrechnungshof Nordrhein-Westfalen a.D., war viele Jahre für die Prüfung der Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen zuständig.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2014

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