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Immer bessere Noten?

von Klaus Bayer

Um besser und schlechter zu unterscheiden, gute und sehr gute Leistungen gegenüber eher mäßigen hervorzuheben, gibt es seit jeher das Instrument der Benotung. Nun ist seit Jahren eine Tendenz zu immer besserer Notenvergaben zu beobachten. Welche Gründe gibt es dafür? Welche Folgen hat dies für die geisteswissenschaftliche Prüfungskultur?

Immer bessere Noten?© Stauke - Fotolia.comBesonders in den Geisteswissenschaften ist ein Trend zur besseren Benotung beobachtbar
Der Trend zu immer besseren Noten ist - jedenfalls in einem Teil der Geisteswissenschaften - nicht verwunderlich. Ein paar Stichworte: Traditionell wurden zu einer Lehrveranstaltung je nach den sachlichen Erfordernissen unterschiedliche mündliche und schriftliche Aufgaben (Literaturrecherchen, empirische Untersuchungen, Textanalysen, Interpretationen etc.) mit unvermeidlich unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden gestellt. Zudem wurden die studentischen Leistungen nach sprachlicher Form, Verständlichkeit, Argumentation etc. bewertet. Schließlich wurden gegebenenfalls auch Kreativität und Selbständigkeit einer Leistung beurteilt. Es war selbstverständlich und akzeptiert, dass bei solchen Bewertungen auch individuelle Maßstäbe des einzelnen Lehrenden - nicht zu verwechseln mit Willkür - eine Rolle spielten. Ebenso war akzeptiert, dass geisteswissenschaftliche Probleme häufig zahlreiche unterschiedliche und nicht in allen Details vorauszusehende Lösungen haben können.

Studierende konnten im Laufe ihres Studiums die unter den genannten Umständen unvermeidliche relative Ungleichbehandlung durch die freie Wahl mehrerer unterschiedlicher Dozenten mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ansprüchen ausgleichen und eventuell stolz darauf sein, bei einem bekanntermaßen anspruchsvollen Dozenten etwas gelernt und eine immerhin verhältnismäßig gute Note erreicht zu haben. Zudem wurden im Studium etwa erworbene Vornoten häufig durch die Note des damals noch selbstverständlichen Abschlussexamens korrigiert. Deshalb reagierte die Mehrzahl der Studierenden gelassen auf die Benotung einzelner Leistungen. Die Studierenden waren eher an einer inhaltlichen Rückmeldung in der Sprechstunde interessiert als an der Note.

Radikale Änderung durch Bologna

Dies hat sich unter Bologna-Bedingungen radikal geändert. Nun sind die Studierenden verständlicherweise auf ihre vom ersten Semester an für die Abschlussnote mitentscheidenden Noten fixiert und pochen deshalb auf einheitliche Schwierigkeitsgrade der Aufgaben, auf Nichtberücksichtigung vermeintlich (!) irrelevanter Form- und Sprachaspekte sowie auf die Vernachlässigung schwer belegbarer Einschätzungen der Kreativität und Selbständigkeit ihrer Leistungen. Zudem verlangen sie Aufgaben, deren möglichst eindeutige Lösungswege vorab gelehrt und bekanntgegeben werden sollen. An inhaltlichen Rückmeldungen zu ihren Leistungen sind sie dagegen kaum mehr interessiert - es sei denn, sie streben eine wie immer geartete Notenverbesserung oder einen Einspruch an.

Verständnisvolle Kollegen

Immer mehr Kollegen haben Verständnis für die hohe Prüfungsbelastung und die Vereinheitlichungsforderungen der Studierenden und fürchten zugleich deren Einsprüche oder gar Klagen. Zudem sind sie selbst häufig durch Prüfungen und Verwaltung bis an ihre Grenzen gefordert. Schließlich erleben sie Korrekturtätigkeiten angesichts des geringen studentischen Interesses an inhaltlichen Rückmeldungen als wenig sinnvoll. Deshalb geben sie traditionelle Aufgabenformen auf und beschränken sich häufig darauf, Klausuren schreiben zu lassen, die aber die Vielfalt unterschiedlicher geisteswissenschaftlicher Leistungsanforderungen nicht mehr abbilden können.

Multiple-Choice

Sie stellen Klausuren, die aus Multiple-Choice-Aufgaben oder jedenfalls so schlicht und eindimensional zusammengesetzt sind, dass die studentischen Lösungen mehr oder weniger per Schablone korrigiert werden können - von billigen nichtexaminierten Hilfskräften, die Sprachform, Argumentation, Verständlichkeit etc. freier Texte kaum beurteilen könnten. Die Klausurthemen ähneln außerdem den Themen der jeweils im Modulzirkus vorausgegangenen gleichartigen Veranstaltungen meist wie ein Ei dem anderen, so dass die studentische Klausurvorbereitung wenn auch vielleicht kein Kinderspiel, so doch alles andere als schwierig ist.

Formalisierte Klausuren lösen noch ein weiteres Problem: Nicht wenige Studenten haben große Schwierigkeiten bei der schriftlichen Darstellung komplexer Sachverhalte; ihre Texte sind häufig grammatisch fehlerhaft und verworren. Nachdem bereits die Gymnasiallehrer hier oft beide Augen zugedrückt und ihre Punktevergabe auf die wohlwollend vermuteten Inhalte unpräziser Schülerformulierungen gestützt haben, wäre die Universität überfordert, sollte sie massenhafte Interpunktions-, Syntax- und Argumentationsfehler einzeln markieren und - zumal unter den Bedingungen des verrechtlichten Studiums - bei der Benotung berücksichtigen. Klausuren, die vorformulierte Antworten zur Wahl stellen oder nur Stichworte und Skizzen verlangen, lassen solche studentischen Sprachschwächen dagegen barmherzig verschwinden.

Vielen Dozenten ist durchaus klar, dass die beschriebenen Multiple-Choice-Klausuren nun für alle Studierenden gleich und insofern rechtlich nicht zu beanstanden sind, aber nur zu einem geringen Teil das überprüfen, was in geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen eigentlich überprüft werden müsste. Deshalb messen sie den Ergebnissen dieser Klausuren oft nur geringe Bedeutung bei. Um zu verhindern, dass Studierende in ihrem beruflichen Fortkommen durch die Ergebnisse derart nicht-valider Tests behindert werden, geben Dozenten im Zweifel eher gute Noten.

Referateseminare

Studierende berichten, dass - etwa in den Literaturwissenschaften, in denen Multiple-Choice-Klausuren anders als zum Beispiel in den Sprachwissenschaften kaum praktikabel sind - oft auch Seminare stattfinden, die nahezu ausschließlich mit weitgehend unkommentiert und unkritisiert abgespulten, häufig schlechten studentischen Referaten als Prüfungsleistungen bestritten werden - nicht selten mit drei oder vier Kurzreferaten pro Sitzung. Auch hier seien wegen des herrschenden Zeitdrucks und "um des lieben Friedens willen" gute Noten an der Tagesordnung. Es ist allerdings zweifelhaft, ob die bisher üblichen und in einzelnen Studienordnungen durchaus noch vorgesehenen mündlichen Prüfungsleistungen unter Nichtbeachtung des Vier-Augen-Prinzips (etwa eben das klassische Seminarreferat, bei dem nur der jeweilige Dozent anwesend ist) überhaupt rechtens sind; wenn nicht, wären die ohnehin überlasteten Institute gewiss nicht in der Lage, zur Beurteilung aller Referate die erforderlichen Zweierkommissionen zu bilden. Deshalb dürften die - bei Studierenden unbeliebten - Referateseminare auf lange Sicht schließlich doch durch Klausurseminare abgelöst werden.

Probleme bei Nichtbestehen

Die Tendenz zu guten Noten wird durch einen weiteren Umstand begünstigt: Besteht ein Student seine Prüfung nicht, so handelt sich der betreffende Dozent erhebliche Probleme ein: einen (nicht immer erfreulichen) E-Mail-Verkehr mit dem Studenten; Telefonate und E-Mail-Verkehr mit dem Prüfungsamt zur Klärung der Frage, ob und wann dem Studenten gemäß der für ihn gültigen Prüfungsordnung eine Nachprüfung in welcher Form zusteht; Formulierung einer neuen Fassung des Klausurthemas oder Festlegung eines neuen Klausurtermins bzw. eines Termins und eines Beisitzers für eine mündliche Nachprüfung etc. Das sind zwar eigentlich akademische Selbstverständlichkeiten. Was jedoch traditionell korrekt, aber informell erledigt werden konnte, ist heute, da jede Leistungskontrolle Prüfungsstatus hat und entsprechend reglementiert ist, mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden. Es ist verständlich, dass Kollegen daran interessiert sind, dass möglichst alle Studenten bestehen.

Eine eher persönliche Bemerkung: Ich habe wie die meisten Kolleginnen und Kollegen über viele Jahre mit Engagement umfangreiche Hausarbeiten individuell beurteilt und den oft einsichtigen und dankbaren Studierenden kritische Rückmeldungen und Überarbeitungshinweise gegeben. Zudem habe ich hunderte von einstündigen Staatsexamen in langen Sprechstunden vorbesprochen und dann abgenommen, die jeweiligen Noten mit den Mitprüfern erörtert und anschließend den Kandidaten erläutert. Ich habe es als demütigenden Rückschritt empfunden, dass mit der Bologna-Reform diese sorgfältige Beratungs- und Prüfungstätigkeit durch eine Flut kurzer, bürokratisch geregelter, überwiegend anonymer Einzelprüfungen abgelöst wurde und dass eine unsinnig feingestufte und inhaltlich nicht explizite Benotung an die Stelle fruchtbarer Gespräche mit Studierenden und Kollegen trat. Ich bin gewiss nicht der einzige Hochschullehrer, dessen Prüfungsmotivation unter dem Eindruck gelitten hat, dass er nun nicht mehr als gesprächserfahrener, kompetenter und um Gerechtigkeit bemühter Prüfer, sondern nur noch als Rädchen im Getriebe gebraucht wird. Diesen deprimierenden Eindruck verstärkten an Schikane grenzende, mit jeder Überarbeitung der Modulkataloge veränderte Forderungen und Vorschriften der Prüfungsämter und unausgereifte Systeme zur elektronischen Notenverbuchung.

Kurz: Bei allen Unterschieden im Detail erzwingen die Vielzahl der Prüfungen und der allgegenwärtige Notendruck Einheitlichkeit und Rationalisierung dort, wo eigentlich Vielfalt und Langsamkeit angebracht wären. Die Bologna-Reform hat auf diese Weise große Teile der traditionellen geisteswissenschaftlichen Prüfungskultur zerstört und eine Konzentration auf zwar wenig sachangemessene, aber Lehrende und Lernende entlastende und in einem problematischen Sinn "gerechte" Schlichtklausuren gefördert. Kein Wunder, dass - unter anderem - aus diesem Grund die Noten immer einheitlicher und immer besser werden.


Über den Autor
Dr. Klaus Bayer, apl. Professor, Germanistik, Leibniz Universität Hannover.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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