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Unternehmensgründung: Das Spiel ihres Lebens


VON KERSTIN BUND

Mitten in der Wirtschaftskrise macht sich eine junge Frau selbstständig. Einmal gibt sie fast auf, fängt aber neu an und lernt dabei, sich nicht unterkriegen zu lassen. Protokoll einer Unternehmensgründung.

Unternehmensgründung: Das Spiel ihres Lebens© .marqs - Photocase.comLaut des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der die Gründungsaktivitäten in 59 Ländern vergleicht, gibt es in Deutschland wenige Unternehmensgründungen
Wenn das hier schiefgeht, dann sind mehr als 100.000 Euro weg. Fast zwei Jahre Arbeit wären dann vergebens gewesen. Es wäre nicht das Geld von Christine Grabmair, auch nicht ihre Zeit, und doch hat sie die Sache jetzt gewissermaßen in der Hand. Die Fitnesstrainerin, kurze Haare, weißes Tanktop, türkisblaue Jogginghose, drückt auf einer kleinen Fernbedienung den Knopf mit den Buchstaben »ON«. Die Aufzeichnung beginnt. Grabmair klatscht zweimal in die Hände, ruft: »Warm-up, Vollgas!« und legt dann los. Sie kreist die Hüften, boxt die Fäuste in die Luft, kreuzt die Beine in kleinen, schnellen Schritten, schüttelt den ganzen Körper. Die 15 Frauen im Raum machen es ihr nach, aus den Lautsprecherboxen dringen Latino-Rhythmen.

Zumba heißt das, was die Gruppe in Kursraum zwei veranstaltet, eine Art Fitness-Macarena aus Kolumbien. Der Kurs findet jeden Montagabend im Frauenstudio My Sportlady in Taufkirchen statt, südlich von München. Neu ist heute nur die Kamera an der Decke, die im spitzen Winkel auf Christine Grabmair gerichtet ist. Das Gerät soll ihre Tanzschritte aufzeichnen und sie als Videostream auf die Studio-Website übertragen. Wer eine Zumba-Stunde verpasst, kann sie dann nachholen, zu Hause, im Büro, im Hotel, praktisch an jedem Ort mit Internetanschluss. 72 Stunden ist das Video online. Wenn jetzt alles klappt.

Während in Taufkirchen Zumba läuft, sitzt Radostina Ruseva, 28 Jahre, lange braune Haare, große dunkle Augen, kugelrunder Babybauch, in ihrer Wohnung im Westen Münchens und kann nur hoffen. Dass die Kamera nicht versagt, dass die Übertragung klappt, dass bitte alles gut geht. Sie ist die Frau, die auf zwei Jahresgehälter als Angestellte verzichtet und 3000 Euro Erspartes in eine Idee gesteckt hat, die simpel klingt: Sie will das Fitnessstudio ins Wohnzimmer holen. Ob ihre Idee etwas taugt, zeigt sich dieser Tage in Taufkirchen im Praxistest, in einem echten Studio, mit echten Menschen. Grabmairs Kundinnen entscheiden über Rusevas unternehmerischen Erfolg und darüber, ob es ihre Firma Gym-Zap im Januar auf den Markt schafft. Für Radostina Ruseva steht jetzt alles auf dem Spiel.

936.000 Gründer

Wer Angst um seinen Job hat, ist eher bereit, etwas zu riskieren. Geht es der Wirtschaft schlecht, steigt die Zahl der Gründungen. Geht es ihr gut, machen sich weniger Menschen selbstständig. Das ist in Deutschland eine Art Faustregel, Experten sprechen auch von »Notgründungen«. Umso mehr überraschte es, dass die Industrie- und Handelskammern im vergangenen Jahr trotz der guten Konjunktur ein steigendes Interesse an Existenzgründungen verzeichneten. 936.000 Menschen machten sich laut des KfW-Gründungsmonitors selbstständig, 66.000 mehr als im Jahr zuvor. Dieser Anstieg ist allerdings allein auf Gründungen im Nebenerwerb zurückzuführen, die Zahl der Vollerwerbsgründungen dagegen ist konstant geblieben. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland weiterhin eher schlecht ab. Laut des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der die Gründungsaktivitäten in 59 Ländern vergleicht, gibt es hierzulande wenige Unternehmensgründungen. 2010 landete Deutschland in der Rangliste noch hinter Griechenland, Portugal und Spanien. Die Deutschen schätzen ihre Erfolgschancen schlechter ein als in anderen Ländern, sie haben auch mehr Angst vor dem Scheitern. Das wiederum wird auch dadurch befördert, dass unternehmerischer Misserfolg anders als beispielsweise in den USA noch häufig mit einem Stigma belegt ist. »Ökonomisches Scheitern wird mit persönlichem Scheitern verbunden«, sagt Rolf Sternberg, Professor an der Leibniz Universität Hannover und Leiter des GEM-Länderteams in Deutschland. Gründer haben hierzulande aber auch Vorteile. Der Bericht lobt die gute Infrastruktur, das Angebot an öffentlichen Förderprogrammen sowie den hohen Schutz von geistigem Eigentum. Defizite sehen die Experten dagegen in der Schule. Jugendliche würden in Deutschland unzureichend auf eine unternehmerische Selbstständigkeit vorbereitet. Migranten neigen häufiger zur Selbstständigkeit als Einheimische. Dies ist weniger auf eine höhere Risikobereitschaft in dieser Gruppe zurückzuführen als auf ihre schlechteren Chancen am Arbeitsmarkt. Die Firmen, die sie gründen, sind nicht weniger innovativ und im Schnitt sogar größer als die anderer Gründer.
936.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr in Deutschland selbstständig gemacht. Sie waren meist zwischen 25 und 44 Jahre alt, überwiegend männlich. Ein Drittel der Firmen wird es nach drei Jahren nicht mehr geben, und aus denen, die überleben, werden nur selten große Unternehmen hervorgehen. Es heißt, Deutschland sei eine Angestelltenrepublik, in der der feste Job noch immer über allem stehe, in der die Mehrheit der Uni-Absolventen eine Konzernkarriere anstrebten. Ein Land, dem es an prominenten Rollenbildern für junge Gründer fehle und in dem viele Menschen Unternehmer eher unsympathisch finden. Was also bewegt eine junge Frau, in diesem Land ein eigenes Unternehmen zu gründen? Dazu noch hochschwanger mit ihrem zweiten Kind? Ausgerechnet in diesem Herbst, in dem alles auf eine Rezession zuläuft?

Es gibt viele Statistiken und Schaubilder über die Gründerszene in Deutschland, aber die Geschichten, die sich hinter den Zahlen verbergen, kennt kaum jemand. Radostina Ruseva erzählt so eine Geschichte. Auch ihre zeugt von Hoffnung und Verzweiflung, von Erfolgen und Rückschlägen und der ständigen Gefahr zu scheitern. Es ist ein wolkenloser Tag im Juli 2007, an dem Radostina Ruseva einen Beschluss fasst. Sie tritt aus einem halbrunden Glaskomplex in Unterschleißheim ins Freie und ist bereit, alles aufzugeben: die Vollzeitstelle bei Microsoft, das Einstiegsgehalt von 4000 Euro, die Visitenkarte, auf der etwas steht von »Business Solutions« und »Support Engineer«. Es ist ein Job, um den sie viele Kommilitonen beneiden, einer, der ihr so zugeflogen sei, wie sie sagt. Genau wie ihr Einserabitur in Bulgarien, das Einserdiplom der Medieninformatik in München, die neun Sprachen, die sie spricht, vier davon fließend. Bis dahin musste Radostina Ruseva nie für eine Sache kämpfen.

Ruseva hat es gut bei Microsoft, aber nach wenigen Wochen langweilt sie sich. Heute sagt sie: »Die Kollegen, der Konzern, die Vorgaben, ich passte da nicht rein.« Als sie die Kündigung einreicht, weiß sie noch nicht, was danach kommt. Sie weiß nur, dass sie gründen will, irgendwas. Zuerst war der Wille, später kamen die Ideen. Ruseva geht es zu diesem Zeitpunkt nicht um eine bestimmte Sache, sondern darum, etwas Eigenes zu machen. Erst vier Jahre später ist klar, was das sein wird. »Hi, mein Name ist Radostina Ruseva. Ich möchte Ihnen eine Weltneuheit vorstellen.« Ruseva spricht schnell, sie muss in dieser einen Minute viel unterbringen. Mehr Zeit hat sie nicht, dann kommt der Nächste dran. In einem gläsernen Konferenzraum an der Plaça Espanya in Barcelona findet im Juni 2011 eine Art Speeddating statt, nur dass es hier vor allem ums Geld geht. In jeder Ecke sind kleine Podien aufgebaut, unter grellem Scheinwerferlicht sitzen Venture Capitalists (VC), Wagniskapitalgeber, die nach Investitionsmöglichkeiten für ihr Geld oder das ihrer Kunden suchen. Mal stecken sie 50.000 Euro, mal 500 000, mal fünf Millionen in ein junges Unternehmen in der Hoffnung, irgendwann ein Vielfaches davon zurückzubekommen. Auch Investoren aus dem Silicon Valley schauen sich hier um.

Hunderte Gründer aus aller Welt sind angereist und warten jetzt geduldig vor den »VC-Corners«, bis sie an der Reihe sind. Manche suchen an diesem Vormittag Kapital, andere wollen wenigstens eine Minute Aufmerksamkeit. Radostina Ruseva sucht Bestätigung. Sie will wissen, ob ihre Geschäftsidee bei Investoren ankommt. Deshalb muss sie ihre Sache jetzt gut verkaufen. Ruseva streicht eine Haarsträhne hinters Ohr, zupft an ihrem schwarzen Rock und wischt dann kurz über ihr iPad. Auf dem Bildschirm leuchten jetzt lauter Gründe auf, warum es Menschen nicht ins Fitnessstudio schaffen: Zeit, Organisation, Entfernung, Scham. »Unsere Vision ist: mehr Menschen für Sport zu begeistern. Wer nicht ins Fitnessstudio geht, dem holen wir das Studio nach Hause. Die Vorteile liegen klar auf der Hand!« Dann bleibt nur noch Zeit für ein hoffnungsvolles Lächeln. »Danke«, sagt die Investorin und schiebt eine Visitenkarte über den Tisch. »Sie können uns ja mal eine Mail schreiben.« Bevor sie den nächsten Gründer zu sich nach oben bittet, wünscht sie Ruseva noch viel Glück. Ruseva weiß, dass das eine freundliche Absage war.

Seit ihrer Kündigung bei Microsoft sind Jahre vergangen, in denen Ruseva Erfolge feiert - und Enttäuschungen erlebt, in denen sie fast aufgibt und einmal neu anfängt. Es ist eine Zeit, in der ihr viele Tage wie eine Achterbahnfahrt vorkommen. »Zehnmal am Tag fragst du dich: Was mache ich hier bloß? Und sechsmal am Tag denkst du: Ja, genau das ist es.« So beschreibt sie es. Nach der Kündigung bewirbt sich Ruseva für ein MBA-Studium an der TU München. Eine Unternehmerin sollte auch etwas von Management verstehen, findet sie. Sie bekommt den Platz. Nebenbei sucht sie nach der »genialen Idee« für eine Gründung, wie sie sagt. Zuerst denkt sie an Software-Dienstleistungen, dann an eine Beratung für Betriebskindergärten, später an Möbel, die sich individuell zusammenstellen lassen, schließlich an ein Internetportal, das von der Gitarre bis zum Fahrrad nur nachhaltig produzierte Produkte anbietet. Sie sucht Mitstreiter, schreibt Businesspläne, sichert sich Domainnamen im Internet - und gibt am Ende jede Idee wieder auf.

Mit GymZap ist es anders. Von den Live-Workouts im Internet ist Ruseva von Anfang an überzeugt. Vielleicht weil sie ein Problem lösen könnten, das sie selbst betrifft: Ruseva geht gern ins Fitnessstudio, am liebsten zum Bodystyling, aber als ihre Tochter im März 2009 zur Welt kommt, schafft sie es kaum noch zum Training. Das muss anderen doch genauso gehen, denkt sie. Ruseva hat ein Problem gefunden, nun sucht sie die Lösung. Dass sie ihr kurz vor Weihnachten 2009 ein Stück näher kommt, ahnt sie anfangs nicht. Am schwarzen Brett der Hochschule München entdeckt sie einen schlichten Zettel, darauf steht in blassorangefarbenen Lettern: »Junges Startup Unternehmen sucht Mitgründer/in«. Ruseva schickt eine Mail mit ihrem Lebenslauf, in die Betreffzeile schreibt sie: »Gründerin gefunden«. Kurz darauf trifft sie sich mit den drei Informatikstudenten, die noch jemanden »mit sicherem Auftreten bei Verhandlungen« suchen, so haben sie es auf den Aushang geschrieben. Ruseva wird Teil des Teams. Ursprünglich wollen die jungen Männer einen Streamingdienst im Internet aufbauen, der Partygängern vor dem Ausgehen am Rechner Einblick gewährt, was in den Clubs und Bars der Stadt gerade los ist.

Ruseva hat Zweifel an diesem Konzept, aber das Prinzip des Live-Streamings begeistert sie. Mit dieser Technik ließe sich ihr Problem mit den Fitnesskursen lösen. Als das Team eines Abends um Rusevas Küchentisch versammelt ist, überzeugt sie die Programmierer von ihrer Idee: Zappen im Gym, der Name GymZap ist geboren. Zum Schluss verkündet Ruseva: »Ich will Geschäftsführerin sein.« Der Rest sind Formalien: Gründung einer Unternehmergesellschaft, Eintrag ins Handelsregister, Eröffnung eines Bankkontos. Die Gründung kostet 300 Euro plus 100 Euro Kapitalstock für die Mini-GmbH. So einfach wird man Unternehmerin, denkt Radostina Ruseva. Sie schreibt einen Businessplan, auf Deutsch und auf Englisch, besucht Gründermessen, nimmt an Wettbewerben teil, gewinnt sogar Preise. Es läuft an. Wenn da nicht die Sätze wären, die alle mit »aber« beginnen und von Leuten kommen, denen Ruseva von ihrer Geschäftsidee erzählt: Aber wer trainiert schon im Wohnzimmer? Aber wer würde dafür bezahlen? Aber was ist mit all den kostenlosen Fitnessvideos auf YouTube? Am Anfang schüttelt Ruseva die Zweifel einfach so ab. »Ich hasse 'Ja, aber'-Sätze«, sagt sie. Wo die einen Risiken sehen, sehen Unternehmer eben Chancen. So macht sie sich Mut.

Doch im Herbst 2010 verlässt er sie. Ein Mitgründer ist da bereits abgesprungen, der Rest des Teams steht kurz davor. Die drei erkennen, dass ihr Geschäftsmodell nicht funktioniert. Der Mann, dem sie diese Einsicht verdanken, ist kaum ans Telefon zu bekommen, und als er endlich rangeht, steht er irgendwo im Stau. Torsten Klink leitet die Business-Angels-Initiative der NRW.Bank in Düsseldorf. Seine Aufgabe ist es, junge Gründer mit Kapitalgebern zusammenzubringen, die bereit sind, in eine Idee zu investieren. Mehr als zehn Jahre ist Klink schon im Geschäft, in dieser Zeit hat er gelernt, eine gute Idee von einer erfolgreichen zu unterscheiden. »Ja, ich erinnere mich an GymZap«, sagt Klink am Telefon. Klink saß bei einem Gründerwettbewerb in Dortmund in der Jury, wo Ruseva ihr Unternehmen vorstellte. »Sie ist sehr überzeugend aufgetreten«, sagt Klink. Ihre Leidenschaft, ihre Entschlossenheit, das habe ihm imponiert. »Nach der Präsentation habe ich zu ihr gesagt: 'Du hast die richtige Einstellung, aber das falsche Geschäftsmodell.'«

Damals sollte GymZap noch eine Plattform im Internet werden, auf der Trainer ihre Fitnessvideos einstellen. Wer sie anschauen wollte, sollte dafür zahlen, und GymZap hätte eine Provision kassiert. Das Problem war nur, dass auf der Website nichts los war. Die Trainer kamen nicht, weil es keine Nutzer gab, die Nutzer kamen nicht, weil es keine Trainings gab. Klink war der Erste, der es aussprach: »Das funktioniert so nicht.« War also alles für die Katz? Fast ein Jahr Arbeit mit all den Nachtschichten vergebens? War Radostina Ruseva, die nie kämpfen musste, kampflos gescheitert? »Das war damals ein schreckliches Gefühl«, erinnert sie sich. Wochenlang habe sie gezweifelt. Während sie das Problem in ihrem Kopf hin und her wälzte, sprang auch der dritte Mitgründer ab. Er wollte zurück an die Uni. Sollte auch sie hinschmeißen und sich wieder einen festen Job suchen? Ruseva entschied sich fürs Weitermachen. Sie will jetzt kämpfen. »Das Unternehmen ist meins, das kann nur ich machen«, sagt sie. GymZap fängt neu an, Ruseva und ihr Partner Andy Wunderlich teilen die Firma auf, sie hält nun 55 Prozent, er 45 Prozent. Ruseva bleibt Geschäftsführerin, Wunderlich technischer Leiter.

Die Firma macht, was Klink geraten hat: Sie konzentriert sich fortan auf die Fitnessstudios. Ruseva schreibt wieder einen Businessplan und formuliert das neue Geschäftsmodell: Die Studios zahlen eine monatliche Lizenzgebühr, je nach Größe zwischen 300 und 800 Euro, dafür installiert GymZap Kameras in ihren Fitnessräumen, stellt die Software bereit, richtet Webzugänge ein. Was die Fitnesscenter davon haben? Zufriedenere Kunden, denen sie das Online-Training kostenlos anbieten können, weniger Kündigungen und so weiter. Der Plan liest sich schlüssig. Doch langsam braucht die Firma Geld. Das Exist-Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums läuft bald aus. Noch sichert es den Gründern ein Monatsgehalt von 2000 Euro plus Sach- und Coachingmittel von insgesamt 22 000 Euro. Doch im Anschluss daran braucht GymZap einen Investor und »150 000 Euro Beteiligungskapital«, wie Ruseva sagt. Davon will sie Gehälter bezahlen, ein Büro mieten, einen Rechtsanwalt beschäftigen, eine Kundenkampagne finanzieren.

Auch deswegen ist Radostina Ruseva im Juni 2011 nach Barcelona gereist. Vielleicht findet sie ja einen Investor. Ihr Rücken schmerzt, sie hat den ganzen Vormittag Schlange gestanden, auf hohen Absätzen, um sich und ihre Idee einem Dutzend Investoren vorzustellen. Die meisten haben ihr am Ende nur viel Glück gewünscht, einer aber hat ihr einen zweiten Termin gegeben. Ausgerechnet Randy Komisar, Partner beim renommierten US-Wagniskapitalgeber Kleiner Perkins Caufield & Byers, der schon in Intel, Amazon, Google investiert hat. Manche nennen Komisar den »virtuellen CEO« des Silicon Valley, weil er so viele Technologiefirmen beraten hat. Radostina Ruseva macht sich keine Illusion, dass jemand wie Komisar in ihre Firma investieren würde, aber immerhin schenkt er ihr zehn Minuten seiner Zeit. »Sie ist absolut angstfrei«, wird Komisar später über Ruseva sagen, »das hat mich beeindruckt.« Jetzt sitzt er vor ihr, kahl rasierter Kopf, drahtiger Körper, Turnschuhe, die Beine locker übereinander geschlagen. »Was hält dich nachts wach, Radostina?«, will Komisar wissen, der hier jeden nur beim Vornamen nennt. »Wie ich in die Studios reinkomme«, antwortet Ruseva. Und dann gibt Komisar ihr einen Rat, mit dem sie ein paar Wochen später nach Taufkirchen fährt. »Versuch es mit einem kostenfreien Testlauf«, sagt Komisar, »such dir ein gutes Studio, installier dort eine Kamera, richte die Technik ein, und teste dein Produkt, sagen wir, ein, zwei Monate lang.« Ruseva schreibt das alles in ihren Notizblock. »Das Ganze soll den Kunden nichts kosten?«, fragt sie. »Das müsst ihr investieren. Wenn es in einem Studio funktioniert, dann funktioniert es auch in anderen, dann hast du einen Referenzkunden. Für ihn musst du dich aber richtig ins Zeug legen. Da darf absolut nichts schiefgehen.« Dann muss Randy Komisar weiter.

Ruseva findet in Barcelona auch am Nachmittag keinen Investor, der bereit ist, GymZap zu unterstützen. Doch abends gewinnt sie einen Preis - für das Jungunternehmen mit der »potenziell größten Wirkung« im Gesundheitsbereich, wie es in der Ansprache schwammig heißt. Randy Komisar war einer der Juroren. Für Ruseva ist diese Auszeichnung mehr wert als das Preisgeld von 1000 Euro. »Sie gibt mir Flügel«, sagt sie. Zu Hause in München schreibt Ruseva 94 Fitnessstudios an und bittet jedes Mal um ein Treffen mit der Geschäftsführung. 20 empfangen sie, vier zeigen Interesse an einem Pilotversuch, wie ihn Randy Komisar vorgeschlagen hat. Am Ende vereinbart Ruseva mit Christine Grabmair, der Inhaberin von My Sportlady in Taufkirchen, einen Probelauf. Der geht nun in die zweite Woche. Neben den Zumba-Stunden, die die Chefin selbst leitet, sind inzwischen auch Step, Salsa, Bodystyling als Onlinevideos abrufbar. Die Technik von GymZap funktioniere, und 20 Frauen hätten sich schon einen Zugangscode geben lassen, erzählt Grabmair. »Das Feedback ist durchweg positiv«, sagt die Studioinhaberin. Sie überlegt, den Vertrag im Januar zu verlängern. Dann allerdings gegen Geld. Christine Grabmair wäre Rusevas erste zahlende Kundin.

Aus DIE ZEIT :: 27.10.2011

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