Interview: Öffentlicher Dienst
„Wir brauchen Menschen, die mit uns den Change-Prozess bestreiten“
Wonach suchen Bundesländer und Kommunen? Welche Qualifikationen sind gefragt? Wie wirkt sich die zunehmende Digitalisierung in den Verwaltungen auf die mögliche Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern aus und wie steht es um das Thema Diversity? Fragen, auf die Volker Wiedemann, Leiter des Personalamts Hamburg, Antworten gibt.
Aktualisiert: 16.01.2026
Herr Wiedemann, wie viele Bewerbungen landen bei Ihnen im Monat auf dem Tisch?
Volker Wiedemann: Das lässt sich gar nicht so genau sagen. Was ich weiß: Im vergangenen Jahr haben wir als Arbeitgeberin Hamburg in unserem Karriereportal 7.944 Stellen ausgeschrieben und im Schnitt gingen auf jede Ausschreibung 9,6 Bewerbungen ein. Wir schreiben diese Jobs auf unserer eigenen Seite karriere.hamburg aus, die aber auch auf bekannten Stellenportalen veröffentlicht werden. Darüber hinaus gibt es weitere Kanäle, die sich an unsere besonderen Zielgruppen wie Lehrkräfte oder Anwärterinnen und Anwärter für den Polizeivollzug richten. Insgesamt haben wir 2024 annähernd 100.000 Bewerbungen erhalten und gesichtet.
Wonach suchen Sie derzeit?
Hamburg sucht, und ich denke, das gilt auch für andere Kommunen und Länder, tatsächlich in sehr vielen Bereichen: Wir brauchen Verstärkung in der Allgemeinen Verwaltung – sowohl im Bürgerservice als auch für Managementaufgaben. Wir suchen in den technischen Berufen, zum Beispiel Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Architektinnen und Architekten, in den Sozialen Berufen zum Beispiel Sozialpädagoginnen und -pädagogen, und natürlich suchen wir Fachkräfte im Bereich der IT und Digitalisierung.
Volker Wiedemann, Leiter des Personalamts Hamburg
Apropos: Wie reagieren Sie im Rahmen von Neueinstellungen auf die fortschreitende Digitalisierung?
Ganz klar: Die Digitalisierung hält in die Aufgabenfelder des Öffentlichen Dienstes vermehrt Einzug. So suchen wir, wie erwähnt, seit einigen Jahren intensiv Fachkräfe aus diesem Bereich. Wir bieten zudem Absolventinnen und Absolventen eines informatikgeprägten Studienganges an, sich im Rahmen eines eineinhalbjährigen IT-Traineeprogramms für die Aufgaben der Stadt zu qualifizieren. Auch haben wir als Antwort auf den zunehmenden Bedarf 2023 einen eigenen dualen Studiengang E-Government, also Verwaltungsinformatik, ins Leben gerufen.
Welche Qualifikationen sind gefragt? Über welche Stärken sollten Bewerberinnen und Bewerber verfügen?
Bei den Qualifikationen steht im großen „Konzern“ Verwaltung die Vielfalt im Vordergrund: Wir brauchen Menschen mit einer dualen Ausbildung oder mit akademischen Qualifikationen. Aber wir legen auch großen Wert auf praktische Fähigkeiten – es kommt immer auf das tatsächliche Können an. Viele Berufsqualifikationen wie in den Bereichen Polizei, Justiz, Steuer et cetera führen wir auch selbst durch. Ich möchte aber betonen, dass wir neben fachlichen Qualifikationen viel Wert auf kommunikative sowie soziale Skills legen. Aufgaben, Anforderungen und Arbeitsweisen werden sich in den Verwaltungen von Kommunen und Ländern in den kommenden Jahren stark ändern. Wir brauchen Menschen, die mit uns diesen Change-Prozess beschreiten und die Hamburger Verwaltung noch zukunftsfähiger machen.
Welche Chancen haben Quereinsteiger:innen?
Sehr gute, da gibt es tatsächlich viele Beispiele. Wir haben Ärztinnen und Ärzte, die viele Jahre eine eigene Praxis geführt haben und nun in die Gutachtertätigkeit oder in den öffentlichen Gesundheitsdienst wechseln. Ebenso haben wir in der Stadtplanung Architektinnen und Architekten, die vorher in einem Büro angestellt oder selbstständig waren. Im Kundenservice und in der Verwaltung sind es zum Beispiel Bankkaufleute oder Kaufleute für Büromanagement. Und im Schulbetrieb und insbesondere auch im IT-Bereich sind es immer wieder Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die uns mit ihrer praktischen Erfahrung überzeugen.
Stichwort Diversität: Wie sieht es damit in Ihren Reihen aus?
Nun, bei der Stadt Hamburg liegt der Frauenanteil bei 57,8 Prozent. Bezüglich weiblicher Führungskräfte stehen wir bei 46,9 Prozent, bei den weiblichen Spitzenführungskräften bei 32,85 Prozent. Zum Vergleich: 2014 waren wir da erst bei 18,2 Prozent. Ich denke, die Zahlen machen deutlich: Wir sind da wirklich dran. Vielfalt ist ein wesentliches Element unserer Personalstrategie. Der prozentuale Anteil von Menschen mit Behinderung liegt bei der Stadt bei 6,46 Prozent, und von den im vergangenen Jahr eingestellten insgesamt 1.327 Auszubildenden und Studierenden hatten 325 einen Migrationshintergrund. Unsere Beschäftigten fordern die Auseinandersetzung mit dem Thema auch ein. Die Nachfrage und Teilnahme an Diversity- und Antidiskriminierungsfortbildungen wie diversity@work ist enorm.
Dieser Artikel war Teil der Sonderveröffentlichung „Arbeiten im Public Sector“ in der ZEIT 44/2025, Ressort Wissen.
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1 Millionen Fachkräfte werden im Jahr 2030 dem öffentlichen Sektor fehlen, falls keine geeigneten Gegenmaßnahmen getroffen werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse von PwC Deutschland. Als mögliche Maßnahmen nennt die Beratungsgesellschaft, mehr Kandidatinnen und Kandidaten für die Arbeit in der Verwaltung zu gewinnen und verfügbares Personal besser zu nutzen.