Wissenschaftsforschung
Studie: Junge Forschende disruptiver, ältere konsolidieren Wissen
Wie hängen Innovation und Karrierealter in der Wissenschaft zusammen? Forschung & Lehre berichtet von einer aktuellen Studie, die untersucht, wie sich Forschungserfolg je nach akademischem Alter unterscheidet. Das Team um Professor James Evans von der Universität Chicago analysierte laut dem Portal die Veröffentlichungen von 12,5 Millionen Forschenden zwischen 1960 und 2020.
Aktualisiert: 07.06.2026
Akademisches statt biologisches Alter
© academics Grafik
Wie Forschung & Lehre erläutert, bezieht sich die Studie, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde, nicht auf das Lebensalter der Wissenschaftler:innen, sondern auf das „akademische Alter“ – also die Zeitspanne seit der ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung. Diese Unterscheidung ist zentral für das Verständnis der Ergebnisse: Eine Person kann biologisch 50 Jahre alt sein, aber akademisch erst 10 Jahre, wenn sie mit 40 erstmals publiziert hat. Umgekehrt kann jemand mit 35 bereits ein akademisches Alter von 15 Jahren haben, wenn die erste Publikation schon mit 20 erfolgte.
Diese Betrachtungsweise ermöglicht laut dem Portal einen faireren Vergleich zwischen Forschenden mit unterschiedlichen Karrierewegen – etwa Personen, die direkt nach dem Studium in die Wissenschaft einsteigen, und solchen, die erst nach Jahren in der Praxis den Weg in die Forschung finden. Das akademische Alter spiegelt damit die tatsächliche Erfahrung im wissenschaftlichen Publikationssystem wider, unabhängig vom Lebensalter.
Unterschiedliche Innovationstypen
Laut Forschung & Lehre unterscheidet die Studie zwei Kreativitätsformen: Jüngere Forschende würden eher bahnbrechende Erkenntnisse produzieren, die mit bisherigem Wissen brechen. Erfahrenere Wissenschaftler*innen hingegen entwickelten Innovationen durch neue Zusammenstellung etablierter Erkenntnisse. Das Team um Evans habe dafür das Zitierverhalten untersucht, berichtet das Portal. Als bahnbrechend gelteten Arbeiten, die später häufig zitiert werden, während ihre eigenen Quellen in Vergessenheit geraten – ein Zeichen dafür, dass alte durch neue Ideen ersetzt wurden.
Ältere Quellen bei älteren Forschenden
Wie Forschung & Lehre weiter berichtet, stellten die Forschenden fest, dass Wissenschaftler:innen am Karrierebeginn häufiger aktuelle Literatur zitieren. Mit zunehmender akademischer Erfahrung verweise man dagegen vermehrt auf etablierte Standardwerke – der sogenannte „Nostalgie-Effekt“. Dieser zeige sich unterschiedlich stark je nach Disziplin, so das Portal: In der Mathematik steige das durchschnittliche Alter zitierter Quellen im Karriereverlauf von gut 10 auf über 18 Jahre. In der Medizin falle der Unterschied mit 7,9 zu 10,1 Jahren deutlich geringer aus. Ein möglicher Grund laut Studie: Etablierte Forschende hätten oft zusätzliche Aufgaben in Verwaltung und Betreuung, wodurch weniger Zeit bleibe, aktuelle Fachliteratur zu verfolgen.
Einfluss auf jüngere Generation
Der Effekt beschränke sich nicht auf Einzelpersonen, berichtet Forschung & Lehre: Erfahrene Wissenschaftler:innen prägen durch ihre Rollen in Gutachterprozessen und Arbeitsgruppen auch, welche Literatur jüngere Kolleg:innen kennenlernen. Besonders ausgeprägt sei dieser Einfluss in hierarchisch strukturierten Teams. Die Altersstruktur eines Forschungsfelds beeinflusse dessen Innovationskraft, so die Studie laut dem Portal. Gebe es zu wenig Nachwuchs, nehme die Zahl grundlegend neuer Erkenntnisse ab.
Ländervergleich
Wie Forschung & Lehre berichtet, zeigt die Studie internationale Unterschiede:
Länder mit jüngerer Forschungsbelegschaft:
China, Indien → mehr bahnbrechende Veröffentlichungen
Akademisches Alter bei bahnbrechendsten Arbeiten:
China: 5,5 Jahre
Deutschland: 11,5 Jahre
USA: knapp 13 Jahre
Beide Rollen wichtig
Dass Forschungskarrieren einem Alterungsprozess unterliegen, sei kein Problem, betont die Studie laut Forschung & Lehre. Die Verlagerung auf Wissenssicherung und Betreuung sei eine sinnvolle Neuausrichtung. Erfahrene Forschende schüfen die Rahmenbedingungen, unter denen jüngere Kolleg:innen überhaupt bahnbrechende Ideen entwickeln können. Wissenschaftlicher Fortschritt benötige sowohl Erneuerung als auch Kontinuität, zitiert das Portal die Autorinnen. Bei Förderentscheidungen sollte dies stärker berücksichtigt werden. Derzeit konzentrierten sich Ressourcen vor allem bei etablierten Wissenschaftlerinnen – hier bestehe Überarbeitungsbedarf.
(klw)
Forschungsteam um Prof. James Evans