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Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer
Gewalt, Konflikte und Konformitätsdruck: Berliner Studie zeigt wachsende Herausforderungen an Schulen

  • Erste repräsentative Studie eines Bundeslandes zu Gewalt und Konflikten an Schulen
  • Über die Hälfte des Personals sieht ein großes Gewaltproblem
  • Besonders belastet: Grund-, integrierte Sekundar- und Gemeinschaftsschulen
  • Senat plant Maßnahmen: Prävention, Intervention, Repression

Aktualisiert: 26.06.2026

Von:
Céline Hellwig (che)
News Diversität & Gleichbehandlung Pädagogik, Soziales Wissenschaftssystem

Artikelinhalt

Über das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer Gewalt an Schulen: Zahlen aus der Studie Wissenschaftliche Einordnung Eckdaten der Studie

Über das Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer

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© academics Grafik

Mit dem Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer legt Berlin als erstes Bundesland eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zu Konflikten, Gewalt, Diskriminierung und Konformitätsdruck an Schulen vor. Das geht aus einer Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hervor. Die Studie basiert auf den Angaben von mehr als 14.000 Schülerinnen und Schülern der Klassen 6, 9 und 12 sowie über 2.500 Lehrkräften und pädagogischen Mitarbeitenden und schafft erstmals eine belastbare Datengrundlage für die weitere politische und fachliche Arbeit.

Die Ergebnisse zeigen deutliche Herausforderungen: Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeitenden bewertet Gewalt und Konflikte an der eigenen Schule als großes oder sehr großes Problem. Fast zwei Drittel berichten von einer Zunahme der Gewalt seit der Corona-Pandemie. Besonders auffällig sind die Entwicklungen an Grundschulen, die zunehmende Bedeutung digitaler Konflikte sowie religiöser und sozialer Konformitätsdruck, den viele Schülerinnen und Schüler an ihren Schulen wahrnehmen.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse markiere den Beginn eines weiteren Arbeitsprozesses, heißt es in der Mitteilung weiter. Bereits vor der heutigen Vorstellung wurden demnach Schulleitungsverbände in einem ersten Workshop eingebunden. In den kommenden Wochen würden die Ergebnisse gemeinsam mit Wissenschaft, Schulpraxis, Schüler- und Elternvertretungen, den Bezirken, weiteren Senatsverwaltungen sowie zusätzlichen Expertinnen und Experten eingehend beraten und weiter vertieft.

Ziel sei es, „auf Grundlage der Ergebnisse konkrete Maßnahmen für mehr Sicherheit, Respekt und Zusammenhalt an Berliner Schulen zu entwickeln“. Dabei werde der weitere Prozess von einem klaren Dreiklang geleitet:

  • Prävention, um Gewalt gar nicht erst entstehen zu lassen.
  • Intervention, um Konflikte frühzeitig zu erkennen und wirksam einzudämmen.
  • Repression dort, wo Grenzen überschritten werden und Gewalt nicht folgenlos bleiben darf.


„Die Ergebnisse dieser Studie sind ein deutliches Warnsignal. Wenn fast zwei Drittel der Lehrkräfte von einer Zunahme von Gewalt berichten und 80 Prozent beobachten, dass Konflikte schneller eskalieren als noch vor wenigen Jahren, dann dürfen wir das nicht als normalen Schulalltag akzeptieren. Besonders besorgniserregend ist, dass viele dieser Entwicklungen bereits an Grundschulen sichtbar werden. Schule muss ein Ort des Lernens, des Respekts und der Sicherheit sein.“

Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie

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Gewalt an Schulen: Zahlen aus der Studie

Unterschiede nach Schulform

  • Zwei Drittel bis drei Viertel des Personals an Grundschulen, integrierten Sekundarschulen (ohne Oberstufe) und Gemeinschaftsschulen sehen Gewalt als großes/sehr großes Problem
  • An beruflichen Schulen sind es 31 %
  • An Gymnasien nur 15 %

Gewalterfahrungen der Schülerschaft

  • Klasse 6: gut vier von fünf Schüler:innen haben Gewalt durch Mitschüler:innen erfahren
  • Klasse 9: mehr als neun von zehn

Eskalation

  • 80 % der Pädagogen stimmen zu: Konflikte eskalieren schneller wegen nachlassender Impulskontrolle/Frustrationstoleranz

Diskriminierende Gewalt (betroffene Gruppen)

  • 50 % der Schüler:innen mit dunklerer Hautfarbe wurden Opfer rassistischer Gewalt durch Mitschüler:innen
  • 34 % der jüdischen Schüler:innen erlebten Gewalt mit religiösem Bezug

Anpassungs- und Konformitätsdruck

  • gut die Hälfte berichtet von Anpassungsdruck
  • Politische Haltungen: 31 %; Geschlechterrollen: 28 %; sexuelle Orientierung/Identität: 26 %

Sicherheit

  • Klasse 9: 17 % aller Schüler:innen fühlen sich an der eigenen Schule weniger oder gar nicht sicher
  • Klasse 12: 6 % aller Schüler:innen
  • Unsicherheit führe tendenziell zu Bewaffnung (Messer, Pfefferspray)


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Wissenschaftliche Einordnung

Die wissenschaftlichen Leiter der Studie, Prof. Dr. Ullrich Bauer (Universität Bielefeld) und (Vertr.-)Prof. Dr. Marc Grimm (Bergische Universität Wuppertal) stellen klar: „Die Befunde des Berliner Konflikt- und Gewaltbarometers bestätigen, was nationale und internationale Untersuchungen zu Konflikten und Gewalt im Kindes- und Jugendalter seit Längerem zeigen. Auffällig ist eine dauerhaft hohe Gewaltneigung, die Zunahme von intensiven Gewalttaten, aber auch von nicht-körperlicher Gewalt sowie die wachsende Bedeutung ideologisch aufgeladener Konfliktlagen.“

Auffällig sei, dass der Schultyp in Berlin in Bezug auf die dort herrschende Gewalt eine große Bedeutung habe: Mehr Konflikt- und Gewalterfahrungen werde vor allem in Schulen berichtet, die nach der Schultypisierung strukturelle Belastungen und höhere Herausforderungen ihrer Schülerklientel zu bewältigen haben. Hierzu gehörten vor allem viele Integrierte Sekundarschulen (ohne Oberstufe) und Gemeinschaftsschulen. 

In Bezug auf das Alter seien die Erfahrungen dagegen inhomogen; es zeige sich aber auch bereits in den Grundschulen die Tendenz einer Zunahme von Konflikt- und Gewalterfahrungen. Auffällig sei zudem, dass der gemeinsame Maßstab dafür, was als Gewalt gilt und was an einer Schule nicht hingenommen wird, sich als unheitlich erweise: „In Teilen der Schülerschaft gilt als 'normal', was der Sache nach Gewalt ist: Eine klare Mehrheit der älteren SchülerInnen empfindet etwa Anschreien als nicht weiter schlimm, und auch Lästern, Schubsen oder Auslachen werden überwiegend als harmlos eingestuft. Die pejorative Verwendung von 'schwul' oder 'Jude' wird nicht von allen SchülerInnengruppen gleichmäßig deutlich abgelehnt. Was nicht mehr als Gewalt erkannt wird, wird auch nicht als Problem behandelt.“

Befunde zu Unwohlsein, Unsicherheit und eigener Bewaffnung seien ernst zu nehmen und der damit verbundene Handlungsbedarf hoch, so die wissenschaftlichen Leiter der Studie. Weniger betroffene Schulen verfügten häufiger über klare Regeln, deren konsequente Anwendung und ein Kollegium, das mit Rückendeckung der Schulleitung an einem Strang ziehe. Dies gebe Hinweise auf mögliche Handlungsperspektiven.

Drei Handlungsbereiche treten dabei hervor:

  • die Stärkung pädagogischer Handlungsfähigkeit sowie klarer, konsequent angewandter Regeln;
  • die Förderung sozialer, emotionaler und medialer Kompetenzen
  • der Schutz vor Diskriminierung und der Umgang mit Anpassungs- und Konformitätsdruck, der für einen Teil der SchülerInnen den Schulalltag prägt.


Eckdaten der Studie

Mit dem Berliner Konflikt- und Gewaltbarometer liegen erstmals repräsentative Daten zu Konflikten und Gewalt an öffentlichen Berliner Schulen vor. Über 14.000 SchülerInnen der Klassenstufen 6, 9 und 12 sowie an beruflichen Schulen und über 2.500 Lehrkräfte und pädagogisch Mitarbeitende haben sich an den Befragungen beteiligt, die zwischen November 2025 und Januar 2026 durchgeführt worden sind.

Hinweis: Wegen der geringen Fallzahl von n=43 jüdischen SchülerInnen in Klassenstufe 9 und 12 ist dieser Befund nur als Tendenzbefund zu interpretieren.

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