Frauen an Hochschulen
Studie: Berufliche Abwertung lässt Frauen an Hochschulkarriere zweifeln
- Eine US-Studie mit 10.071 befragten aktiven und ehemaligen Wissenschaftler:innen auf Tenure-Track- oder Tenure-Professuren zeigt: Abwertung im akademischen Arbeitsumfeld ist ein zentraler Grund für den Ausstieg von Frauen aus der Wissenschaft.
- 38 Prozent der Frauen berichten von Abwertungserfahrungen, bei Männern sind es nur 16 Prozent; unter Frauen, die einer ethnischen Minderheit angehören, sind es sogar 48 Prozent.
- Der geschlechtsspezifische Unterschied wächst mit der Karrieredauer: von 19 Prozentpunkten im ersten Karrierejahrzehnt auf 31 Prozentpunkte gegen Ende der Laufbahn.
- Abwertung korreliert in den Analysen stärker mit geschlechtsspezifischen Berufsausstiegen als die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – selbst eine unbefristete Festanstellung schützt nicht davor.
- Die Studie wurde am 13. Oktober 2026 im Fachjournal PNAS Nexus veröffentlicht, Erstautorin ist Dr. Katie Spoon.
Aktualisiert: 27.10.2026
Abwertung als unterschätzter Karrierefaktor
© academics Grafik
Erlebte Abwertung im akademischen Berufsalltag ist neben der mangelhaften Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein zentraler Grund dafür, dass Wissenschaftlerinnen aus der Hochschule ausscheiden. Das ist das Ergebnis einer Studie unter der Leitung von Dr. Katie Spoon. Für die Untersuchung „Devaluation underlies gendered US faculty departures across disciplines and institutions“ wurden 10.071 derzeitige und ehemalige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Tenure-Track-Positionen oder mit Tenure-Professur an US-amerikanischen Hochschulen mit Promotionsrecht befragt. Die Ergebnisse erschienen am 13. Oktober 2026 im Fachjournal PNAS Nexus.
Die Teilnehmenden deckten laut Studiendesign ein breites Spektrum an Karrierestadien, Fachgebieten und Institutionen ab, was detaillierte vergleichende Analysen ermöglichte. Zusätzlich zu den quantitativen Daten wertete das Forschungsteam 6.615 Freitextantworten aus. Die Ergebnisse seien zwar nicht repräsentativ für die gesamte akademische Belegschaft, lieferten aber einen „tieferen Einblick in die Erfahrungen einer Teilgruppe des wissenschaftlichen Personals“ – nicht als kausale Erklärung für geschlechtsspezifische Abgänge, sondern als Beitrag zum sogenannten Leaky-Pipeline-Phänomen: dem Befund, dass der Frauenanteil in der Wissenschaft mit jeder Karrierestufe abnimmt, obwohl er zu Studienbeginn und -abschluss hoch ist.
Deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Abwertung definierte das Forschungsteam als das Empfinden, „ausgeschlossen, respektlos behandelt, schlecht behandelt oder nach anderen Maßstäben beurteilt zu werden“. Während rund 38 Prozent der befragten Frauen von solchen Erfahrungen im akademischen Arbeitsumfeld berichteten, waren es unter den Männern lediglich 16 Prozent. Bei Frauen, die zusätzlich einer ethnischen Minderheit angehören, lag der Anteil bei 48 Prozent.
Die Abwertung betraf laut Analyse sowohl formelle Verfahren – etwa Berufungen, Leistungsbewertungen, Beförderungen und die Verteilung von Ressourcen – als auch informelle Interaktionen wie die Nichtbeachtung von Forschungsleistungen, den Ausschluss aus Netzwerken oder respektloses Verhalten. Bei Frauen blieben die berichteten Abwertungserfahrungen über das gesamte Karrierealter hinweg konstant hoch; der Abstand zu den Männern vergrößerte sich mit der Zeit sogar: Bei Befragten im ersten Karrierejahrzehnt betrug der geschlechtsspezifische Unterschied 19 Prozentpunkte, am Ende der Laufbahn stieg er auf 31 Prozentpunkte. Zudem gaben 52 Prozent der Frauen mit Abwertungserfahrungen an, diese seien identitätsbasiert gewesen – bezogen auf Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Alter oder den Status als Elternteil –, bei Männern waren es nur 13 Prozent.
Karriereabbruch trotz Festanstellung
Als eine der gravierendsten Folgen identifiziert die Studie, dass betroffene Wissenschaftlerinnen infrage stellen, ob sie an ihrer Einrichtung oder generell in der Wissenschaft bleiben wollen – selbst dann, wenn sie bereits eine unbefristete Festanstellung erreicht haben. In den statistischen Modellen erwies sich berufliche Abwertung als der Faktor, der am stärksten mit geschlechtsspezifisch bedingten Abgängen aus dem akademischen Beruf korreliert – stärker als die in bestehenden Gleichstellungsmaßnahmen meist adressierte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Die Befragten forderten von ihren Hochschulen insbesondere mehr Verfahrensgerechtigkeit in formalen Evaluierungsprozessen, ein inklusives Arbeitsumfeld ohne subtile Ausgrenzungsmechanismen sowie deutlich verbesserte Meldeverfahren für Fehlverhalten. Da auch Männer von Abwertung berichteten, kämen entsprechende Verbesserungen laut Studie allen Lehrenden zugute. Zur Erhöhung der Fairness formeller Bewertungsverfahren empfiehlt die zitierte Fachliteratur unter anderem einheitliche Bewertungskriterien, den Verzicht auf starre Schwellenwerte bei bibliometrischen Kennzahlen wie dem h-Index sowie standardisierte Prozesse für Gehaltserhöhungen unabhängig von externen Angeboten. Gegen informelle Abwertung helfe es, Frauen aktiv in akademische Netzwerke einzubinden, geschlechtsunabhängiges Mentoring sicherzustellen und männliche Lehrende für geschlechtsspezifische Vorurteile zu sensibilisieren.
(dw)
Was die Freitextantworten zeigen
In den Freitextantworten schilderten die Befragten eine breite Palette an Erfahrungen. Dazu zählten arbeitsbezogene Themen wie Drittmitteleinwerbung, Publikationen und Laborleitung, organisatorische Aspekte wie Gehälter, administrative Unterstützung oder Regelungen zu Forschungsfreisemestern und Elternzeit, Fragen der Work-Life-Balance sowie das allgemeine Arbeitsklima im Fachbereich. Aktuelle Hochschulangehörige verwiesen dabei häufiger als ehemalige auf Forschungsdruck, administrative Aufgaben, Betreuungsverpflichtungen und eine ungerechte Arbeitsverteilung. Eine fachliche Besonderheit zeigte sich bei MINT-Disziplinen: Hier wurde der Druck bei der Einwerbung von Forschungsmitteln besonders häufig thematisiert.