Geschlechtergerechtigkeit an Hochschulen
CEWS-Studie zeigt intersektionale Ungleichheiten bei Befristung, Anerkennung und Diskriminierung im Wissenschaftsbetrieb
In einer aktuellen Studie untersuchte das Center für Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft (CEWS), angesiedelt bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Beschäftigungsbedingungen sowie Arbeits- und Organisationskultur an acht technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten mit Blick auf Geschlechterungleichheiten. Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Geschlechterunterschiede zulasten von Frauen und nichtbinären Personen im Hinblick auf Befristungen treten vor allem in der Phase zwischen Promotion und Professur – also der Rush Hour aus Qualifikation und ggf. Sorgeverpflichtungen – auf.
- Auffällig ist die hohe Belastung, die Juniorprofessor:innen erleben, beispielsweise durch hohe Sorgeverpflichtungen, Beeinträchtigung des Privatlebens durch entgrenztes Arbeiten oder fehlende Anerkennung von Leistungen.
- Besonders auffällig sind die Erkenntnisse zur Wahrnehmung von Benachteiligung. Ein knappes Drittel der Befragten erlebte nach eigenen Angaben in den letzten 12 Monaten Benachteiligung. Besonders betroffen sind Personen, die Fremdzuschreibung erleben (66%), nichtbinäre Personen (50%) und Frauen (40%).
Aktualisiert: 24.09.2026
Befristungen und Belastung in der Postdoc-Phase
© academics Grafik
Eine aktuelle Studie des CEWS untersucht Geschlechterungleichheiten in Organisations- und Beschäftigungsbedingungen an technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der Fokus auf intersektionale Ungleichheitsverhältnisse. Geschlecht wird in der Studie nicht als isolierte Kategorie betrachtet, sondern mit anderen Ungleichheitsdimensionen wie rassistischen Zuschreibungen, Behinderungen oder Sorgeverpflichtungen verschränkt. Indem die Studie nach erlebter Fremdwahrnehmung fragt, werden stereotype Zuordnungen vermieden und unterschiedliche Ungleichheitserfahrungen sichtbar gemacht. Darüber hinaus basiert die Studie auf einem nichtbinären Geschlechterverständnis und kann für einige Themen Aussagen zur Situation nichtbinärer Wissenschaftler:innen machen.
Zu wissenschaftlichen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen fand die Studie u.a. heraus:
Geschlechterunterschiede zulasten von Frauen und nichtbinären Personen im Hinblick auf Befristungen treten vor allem in der Phase zwischen Promotion und Professur – also der Rush Hour aus Qualifikation und ggf. Sorgeverpflichtungen – auf. Auffällig ist die hohe Belastung, die Juniorprofessor:innen erleben, beispielsweise durch hohe Sorgeverpflichtungen, Beeinträchtigung des Privatlebens durch entgrenztes Arbeiten oder fehlende Anerkennung von Leistungen.
Gleichstellung etabliert, Antirassismus-Angebote kaum bekannt
Mit Blick auf die Organisationskultur an den untersuchten Hochschulen zeigt sich laut CEWS ein differenziertes Bild: Die Universitäten stellen sich der Herausforderung, sich hinsichtlich Gleichstellung und Antidiskriminierung zu verändern, was sich an einem insgesamt hohen Zuspruch zu diesen Themen ablesen lässt – wenn auch in unterschiedlicher Qualität, Reichweite und Tempo. Während Beratungsangebote zur Geschlechtergleichstellung an den Hochschulen etabliert und bekannt sind, wissen von Rassismus Betroffene bislang nur wenig über für sie bestehende Unterstützungsangebote.
Anerkennung im Arbeitsumfeld ungleich verteilt
Auch zur akademischen Arbeitskultur liefert die Studie deutliche Befunde: Unterstützung und Anerkennung im unmittelbaren Arbeitsumfeld gelten als zentral für die wissenschaftliche Karriere. Frauen und nichtbinäre Personen fühlen sich im Vergleich zu Männern seltener anerkannt und unterstützt – ein Eindruck, der sich verstärkt, wenn zusätzliche Fremdzuschreibungen hinzukommen. Auch Männer, die Fremdzuschreibungen ausgesetzt sind oder eine chronische Erkrankung beziehungsweise Behinderung haben, erhalten der Studie zufolge weniger Anerkennung und Unterstützung. Besonders deutlich fallen die Ergebnisse zur wahrgenommenen Benachteiligung aus: Knapp ein Drittel der Befragten gab an, in den vergangenen zwölf Monaten Benachteiligung erlebt zu haben. Besonders betroffen sind Personen mit erlebter Fremdzuschreibung (66 Prozent), nichtbinäre Personen (50 Prozent) und Frauen (40 Prozent).
(dw)
Über die Studie
Für die Studie wählte das CEWS ein Mixed-Method-Design: Online befragt wurden 5.428 wissenschaftlich Beschäftigte, von wissenschaftlichen Mitarbeitenden bis hin zu Professor:innen. Parallel analysierte das Projektteam per Web-Crawl gesammelte Hochschulwebseiten und führte 19 Interviews mit Personen aus Hochschulleitung und Gleichstellungsarbeit. Ergänzt wurden die Daten punktuell durch Hochschulstatistiken und Dokumentenanalysen.
An der Untersuchung beteiligt waren die Leibniz Universität Hannover, die RWTH Aachen, die Technische Universität Berlin, die Technische Universität Braunschweig, die Technische Universität Darmstadt, die Technische Universität Dresden, die Universität Stuttgart sowie naturwissenschaftlich-technisch und medizinisch orientierte Fakultäten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Das CEWS entwickelte die Studie als partizipativen Forschungsprozess in enger Abstimmung mit den beteiligten Hochschulen. Sie wurde vom 1. Januar 2025 bis zum 30. Juni 2026 durchgeführt. Der Gesamtbericht zur Studie ist online abrufbar.