Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Die Vorlesung: Ein Auslaufmodell?

von CHRISTIANE BENDER

Das Lehrformat "Vorlesung" hat - ohne die Vergangenheit idealisieren zu wollen - schon bessere Zeiten erlebt. Die Gründe dafür sind vielfältig; der Frust der Lehrenden und Lernenden scheint offensichtlich. Was ist passiert? Ein Deutungsversuch.

Die Vorlesung: Ein Auslaufmodell?© kasto - Fotolia.comHat das Vorlesungsmodell noch eine Zukunft?
Der Vorlesungsbetrieb an deutschen Universitäten steht in Frage. Die Zuhörerschaft der Studierenden wird vielerorts durch Anwesenheitspflicht und Prüfungsdruck erzwungen. Fallen Anwesenheitspflicht und Prüfungsdruck als Sanktionsmittel aus, reduziert sich die Zahl der Anwesenden drastisch. Wird der Vorlesungsstoff auf universitären Lernplattformen zur Verfügung gestellt und/oder bietet das Netz Mitschnitte von gelungenen Vorträgen zur einschlägigen Thematik, sind die Vorteile eines Selbststudiums mit individuellem Zeitmanagement im Home-Office unschlagbar. Warum also Vorlesungen im oftmals schlecht klimatisierten Hörsaal vor Ort regelmäßig besuchen? Warum also Vorlesungen regelmäßig abhalten?

Das Interesse von Lernenden und Lehrenden aneinander lässt derzeit ziemlich nach. Jede Seite scheint in einer eigenen Welt zu leben. Die Studierenden geben in der Vorlesung selten freiwillig ihr Smartphone aus der Hand und fühlen sich in vielen Fällen aufgrund ihres Zugangs zu den neuesten, gerade veröffentlichten Daten dem Vortragenden, der höchstens die Daten vom Vortag präsentiert, unendlich überlegen. Außerdem können nebenbei Breaking News gelesen und Mails beantwortet werden. Der Vortragende arbeitet zwar heutzutage mit Medieneinsatz auf höchstem Niveau, muss aber feststellen, dass dabei häufig die Transferleistung zum roten Faden seiner Lehrveranstaltung verloren geht und sich die Aufmerksamkeit der Studierenden auf Nebenschauplätze konzentriert. Er muss einsehen, dass seine Wahrnehmung des gezeigten Materials, vielleicht ein Video, und die der Studierenden völlig verschieden sind.

Anschauen und Reflexion, Sehen und Interpretieren sind unterschiedliche kognitive Vorgänge, deren Zusammenhang nicht selbstverständlich ist. Je leichter die vermittelnde Botschaft zu fassen ist, umso eher stellen die Zuhörenden den Sinn ihrer Anwesenheit in Zweifel, je komplexer die Ausführungen sind, desto mehr beschwert man sich über die fehlende didaktische Kompetenz des Vortragenden. An diesen Problemen der Wissensvermittlung haben die Interventionen von Hochschuldidaktik und Evaluation über Jahrzehnte selten etwas zum Guten gewendet, im Gegenteil: Sie haben - sozusagen als nichtintentionale Folge - das Misstrauen zwischen Lehrenden und Lernenden geschürt. Also: Schluss mit dem Vorlesungsbetrieb? Die Universitäten identifizieren sich jedoch noch mit dieser, ihnen eigenen akademischen Lehrform par excellence. Als Inbegriff der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden (universitas magistrorum et scholarium) nahm sie im Lauf der Zeit viele verschiedene Facetten an, geprägt von der Entwicklung des universitären Selbstverständnisses und dem sich darin widerspiegelnden Wandel von Geschichte, Gesellschaft und Kultur. Als Sternstunde des Geistes wurde die Vorlesung gefeiert und als Kathederpredigt verworfen. Um eine ungetrübte, ideale Lernbeziehung, jenseits von Sozialisationskonflikten, Klassen- und Standesunterschieden, hat es sich dabei wohl nie und nirgends gehandelt. Trotzdem wurde an ihr festgehalten.

Ohne universitären Muff

Die Studentengenerationen der 60er und 70er Jahre hatten Humboldts Ideal, persönliche Freiheit und Mündigkeit durch Bildung zu erlangen und ein wenig reglementiertes Studium, nahezu ohne universitären Muff, in vollen Zügen als Weg zur Selbstfindung genossen. Viele von ihnen konnten sich ihre berufliche Existenz außerhalb der geschützten Freiheit des universitären Forschungs- und Lehrbetriebs kaum vorstellen und wurden Hochschullehrerinnen und -lehrer, andere verbanden ihre Karriere in der Universität mit politisch einflussreichen Ämtern als Bildungspolitiker in Parteien, Gremien, Räten und Beiräten. Haben sie ihre Macht und ihren Einfluss, die sie auf ihren spät, aber letztlich doch erfolgreich angetretenen Wegen durch die Institutionen erlangten, eingesetzt, um den Studierenden der nächsten Generationen die Freiheit des Studiums zu erhalten und zu erneuern, die sie selbst erfuhren? Schützten sie die einzigartige universitäre Kultur, als die Situation an den Universitäten in den 80er und 90er Jahren zu "kippen" begann und alle von "Bewältigung der Überlast" sprachen?

Einzelkämpfer ohne Gemeinschaftsbindung

"Überfüllte Hörsäle, überforderte Professoren, unübersichtlicher Studienstoff, längere Studienzeiten, mehr Studienabbrecher...", so beschrieb der Soziologe Karl-Otto Hondrich (1994) die Situation an den Universitäten in Deutschland in den 90er Jahren. Aber Hondrich wies auch auf die immensen Produktivitätssteigerungen im Bereich von Forschung und Lehre hin. Die Massenuniversitäten mit den vielen zusätzlich aufgebürdeten Aufgaben seien, entgegen aller Kritik, die einzig verbleibenden Stützen in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft. Die Kehrseite bestehe jedoch in einer Entwicklung zu Einzelkämpfern ohne Gemeinschaftsbindung: "So verstärkt sich ein teutonischer Typus des Lehrens und Forschens: weniger kooperativ als der angelsächsische, weniger professoral als der romanische, stattdessen die Last und Lust der Wissenschaft auf Studenten und Assistenten schiebend. Diese Stillosigkeit ist ein Stil-Spezifikum der deutschen Universität.

Die Lösung der modernen Welt aber lautet: Kommunikation. In dieser Beziehung - und nicht in einem Mangel an Tiefgang oder Schöpferischem - hat das deutsche Bildungssystem seine Kehrseite: Wo die angelsächsischen Schulen und Hochschulen ihre Studenten in einen Kodex des guten Umgangs und Redens miteinander einbinden und auf Führungsrollen vorbereiten, lassen die deutschen sie allein. Die Gleichgültigkeit und Distanz der deutschen Professoren gegenüber ihren Studenten, ehemals autoritär begründet, schlug in der anti-autoritären Bewegung auf die Professoren zurück und verstärkt sich heute durch die Kommunikationsbarrieren der großen Zahl. (...) Die Universität als Gemeinschaft: So etwas haben Deutsche allenfalls kennengelernt, wenn sie in Amerika oder an Frankreichs Elitehochschulen studiert haben. Den deutschen Eliten fehlt der orientierende Rückhalt einer Universitätsgemeinschaft. Auf internationalem Parkett wirken sie, die elitäres (und nationales) Bewusstsein verabscheuen, tüchtig, aber doch unverbindlich und ungezähmt, als unsichere Kantonisten. Verunsicherte, sich selbst verleugnende Eliten sind gefährdete, gefährliche Eliten."

Aus heutiger Sicht nimmt die beschriebene Erosion der kulturellen Klammern, des Bildungskanons der Fächer, der traditionellen Lernformen, der Gemeinschaft von Lernenden und Lehrenden, noch mehr Fahrt auf. Mehr denn je gilt ein Studium als Chance auf einen sicheren Arbeitsplatz. Die vorbereitenden Schulen verwandeln sich vielerorts in Agenturen der sozialen Integration und hecheln hinterher, die vielen damit verbundenen Anforderungen zu erfüllen. Die Aufgabe, die Bildungslücken der Schüler zu schließen, wird den Universitäten aufgebürdet.

Vorlesungen - im Gehäuse der Hörigkeit?

Max Weber hat den Begriff "Gehäuse der Hörigkeit" durch die strukturelle, vor allem bürokratische Steuerung der personellen Verhaltensregulationen in Organisationen und Gesellschaft definiert: Müssen ersetzt Wollen, Zwänge ersetzen freiheitsstiftende Privilegien. Die Universitäts- und Bildungspolitik, deren Protagonisten in den 60er und 70er Jahren ein wenig reguliertes Studium absolvierten, hat inzwischen einen Paradigmenwechsel im universitären Selbstverständnis vollzogen: Nicht Freiheit und intrinsische Motive, so deren Überzeugung, trieben Lehrende und Lernende an, zum Erkenntnisfortschritt beizutragen, sondern extrinsische Motive, ökonomische Anreizsysteme und die Kontrolle abrechenbarer Leistungen.

Die neuen Anreizsysteme wirken allerdings nur, wenn die "alten" Freiheiten, bei den Lehrenden deren sozioökonomisch und arbeitsorganisatorisch herausgehobene Position und bei den Lernenden die Privilegierung ihrer Bildungslaufbahn durch Handlungsentlastung und Selbstbestimmung minimiert werden. Die Universitäten vertrauen demnach ihren Studierenden und ihren Professorinnen und Professoren nicht mehr. Wie soll es dann gelingen, dass diese beiden Gruppen sich gegenseitig vertrauen und anerkennen? Den Hörsaal und die Seminare bevölkerten, so beschrieb Karl Otto Hondrich einen neuen Typus von Studenten, die "Auch-Studenten", die Teilzeit studieren, bereits fest erwerbstätig sind oder jobben, Familienverpflichtungen haben und vieles andere, was sie vom Studium abhält. Heutzutage sind die "Auch-Studenten" noch halbe Schüler mit Defiziten in der Hochschulreife. Ihnen stehen "Auch-Professoren" gegenüber, die ihre Hochschullehrer- und Forscherrollen mit Funktionen des Gymnasiallehrers, aber zudem in den arbeitsteilig schwach differenzierten Universitäten, mit Funktionen des Managers, des Netzwerkers, des Drittmitteleinwerbers, des Forschungsreisenden, des Gutachters, des Beraters kombinieren, ergänzt durch Tätigkeiten innerhalb der akademischen Selbstverwaltung.

Wie finden nun beide Gruppen, Studierende und Lehrende, zueinander? Der Zwang, die bei knapper Personaldecke alternativlos angebotenen Vorlesungen zu belegen und Prüfungen abzulegen, erzeugt bei vielen Studierenden Aggressionen. Für die Professoren ist es ungemein schwierig, den Wissensstand, den sie für geboten halten, mit der Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit ihres Publikums in Übereinstimmung zu bringen. Am Ende der Veranstaltung drohen ihnen die vernichtenden Beurteilungen der anonym ausgefüllten Evaluationsbögen. Der professorale Habitus der Autorität wirkt unangenehm und fremd. Viele Studierende reagieren mit einem zur Schau gestellten Machtbewusstsein, das ihnen der Besitz ihres Smartphones verleiht und die Möglichkeit, sich darüber selbst am vorhandenen Wissen zu bedienen. Sie würden digitales Lernen bevorzugen. Für sie haben Professoren als besondere Träger eines authentischen Wissens ausgespielt, auch wenn der Konsum des digitalisierten Wissens nicht selbstverständlich zur kreativ-produktiven Verarbeitung führt, wie sie an Universitäten üblich sein sollte.

Im Gegenteil: Die Verarbeitungs- und Aufmerksamkeitsspannen im Hörsaal sinken rapide. Es ist schwierig geworden, in einer kognitiv anspruchsvollen Vorlesung die Konzentration der Zuhörenden zu behalten, etwa für einen Vortrag, in welchem der Vortragende sein Ethikverständnis über das Referat der Kritik Hegels am Moralbegriff von Immanuel Kant herleitet; über fast zwei Jahrhunderte ein gängiges Vorgehen in der Vorlesung. Auf drei Ebenen der Gedankenbewegung (der Interpretation des Vortragenden, der Auffassung Hegels und der Kants) zu folgen, stellt eine kaum zu bewältigende Anforderung dar.

Hinzu kommt: Wer heutzutage über Karl Marx liest, muss damit rechnen, von Zuhörern als "Marxist" oder als "Reaktionär" im Netz abqualifiziert zu werden. Klausurzwänge, Evaluationen, Anwesenheitslisten, modularisierte Studienordnungen etablieren einerseits ein bürokratisches Kontrollregime bis hinein in den Ablauf von Vorlesungen, andererseits sprengen unkontrollierbare digitale Mitschnitte den Schutzraum Hörsaal. An der ehrwürdigen Humboldt-Universität zu Berlin wurden jüngst die Vorlesungen des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler im Netz "aufgezeichnet, seziert, kritisiert" und sein Sprachgebrauch als "gesinnungsschnüfflerisch" (Mona Jaeger) abqualifiziert. Das sind Anzeichen einer neuen Studentenbewegung, aber wohin führt sie? Der Hörsaal als Ort der Vernunft und Reflexionsfähigkeit wird negiert. Für die Lehrenden wird es zum Risiko, sich im Hörsaal persönlich auszusetzen und ihren Weg zur Wahrheit zu Gehör zu bringen. Am Ende dieser Entwicklung werden Lernbegleiter ohne Herz stehen, Lernfabriken ohne Geist.

Eine Universität ohne Vorlesung ist möglich, aber sinnlos

Universitäten sind die Berufsschulen der Wissensgesellschaft. In der Berufswelt wird die Fähigkeit, Wissen zu verarbeiten, auf allen Ebenen der beruflichen Hierarchien verlangt. Diese Kompetenz vermitteln die Universitäten. Viele Studierende möchten vor allem berufsqualifizierend ausgebildet werden, die wissenschaftliche Vertiefung ist Nebensache. Sie interessiert, wie etwas in der realen Welt funktioniert, nicht, was diese Welt "im Innersten zusammenhält". In Vorlesungen würden sie, wie heutzutage schon an Fachhochschulen üblich, von praxisbezogenen Vorlesungen, Seminaren, Internet-Kursen, Projekt- und Gruppenarbeiten, am meisten profitieren. Der Ausbau dualer Studiengänge, möglichst berufsbegleitend, an öffentlichen Universitäten käme daher vielen Erwartungen seitens der Politik, der Wirtschaft, der kommunalen Akteure, nicht zuletzt der Studierenden entgegen. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Auseinandersetzung mit dem Wissen selbst, mit seiner Genese und Geltung, bedeutungslos wird und an Exklusivität verliert.

Derzeit wird an den meisten Universitäten dieses eigentliche Kerngeschäft verdrängt. Der traditionelle und erweiterte Kanon der jeweiligen Fächer verschwindet zusehends. Daher bedarf es ausdifferenzierter eigener Studiengänge, die zur wissenschaftlichen Forschung qualifizieren. Sie könnten als Aufbaustudium, als eigene Einheit innerhalb größerer Universitäten oder als neugegründete (vielleicht wie seit alters her genossenschaftliche) Universitäten, angeboten werden. Ohne Eingangsgespräche wird es bei der Aufnahme der Studierenden nicht gehen. In solchen (Exzellenz-)Studiengängen gewinnt die traditionelle Vorlesung mit ihren scholastischen und argumentativen Methoden wieder ihren festen Platz. Hier können Lehrende in der Vorlesung in die Tiefe gehen und Neuland betreten. Auf lange Zeit wird zu dieser Leistung kein Computer fähig sein. In der Vorlesung und im anschließenden dazugehörigen Seminar steht der Professor seinen Studierenden Rede und Antwort. Danach wird gemeinsam gegessen.

Eine Langfassung des Beitrages zur Geschichte der Vorlesung mit Literaturangaben kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.


Über die Autorin
Christiane Bender ist Professorin für Soziologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

Aus Forschung & Lehre :: August 2016