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Wie wichtig ist in Deutschland noch die Bildung?


Von Michael Terwey

In der öffentlichen Diskussion lösen sich fast täglich die Themen ab. Spielt Bildung in Deutschland für die Bevölkerung gegenwärtig eine wichtige Rolle? Ergebnisse von Umfragen.

Wie wichtig ist in Deutschland noch die Bildung?© erdbeersüchtig - Photocase.deWelche Rolle spielt Bildung in Deutschland?
Die täglichen Nachrichten bringen eine Fülle von wichtigen Informationen: Wirtschaftskrise, Altersarmut, Terrorgefahr, ineffiziente Ausbildungssysteme, sexueller Missbrauch, Gefährdung der deutschen Kultur durch ethnische Parallelgesellschaften usw. Manches wird dabei überbetont, anderes bleibt vielleicht zu Unrecht eher im Schatten. Fundierte Daten über Meinungen und Wünsche der Deutschen erheben seit 1980 regelmäßig die Surveyserien "Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften" (ALLBUS), die nun schon seit einigen Jahren allen interessierten Forschern kostenlos im Internet angeboten wird. In der aktuellsten Erhebung aus der laufenden ALLBUS-Serie wurde 2010 im Themenschwerpunkt "Soziale Gerechtigkeit" u.a. die Frage gestellt: Welches dieser Themen (Wirtschaft, Gesundheitswesen, Bildung in Deutschland u.a.) ist für die Gesellschaft zurzeit am wichtigsten? Drei der Themen übertreffen in der Nennungshäufigkeit die anderen bei weitem.

Wirtschaft und Bildung in Deutschland

In den vergangenen, durch Krisen bestimmten Jahren wurde immer wieder die Bedeutung der Wirtschaft betont: Deshalb überrascht mit 25 Prozent die recht häufige Nennung kaum. Dennoch wird sie durch die Bildung mit 26 Prozent sogar noch ein wenig übertroffen. Hinzu tritt mit 21 Prozent als Dritter der Themenbereich Gesundheitswesen. Besonders überraschend ist, wie viel seltener andere populäre Themen aus öffentlichen Debatten genannt werden wie z.B. Umwelt (6 Prozent), Immigration (3 Prozent) oder Terrorismus (2 Prozent). Die Betonung von Bildung in Deutschland als wichtiger Thematik in unserer Gesellschaft ist vor dem Hintergrund dieser Befragung also nicht nur ein Anliegen von Verfechtern der PISA- und anderer OECD-Studien. In welchen Bevölkerungsgruppen aber wird Bildung häufiger als in anderen vorrangig thematisiert? Welches sind die damit verbundenen sozialen Hintergründe?

Wie wichtig ist die Bildung in Deutschland noch?

Wer thematisiert Bildung in Deutschland vorrangig?

Zunächst zeigt sich, dass es nicht die bildungsmäßig Schwächeren sind, die Bildung priorisieren, weil sie meinen, mithilfe von mehr Bildungsförderung aus ihrer aktuelle Position aufsteigen zu können: Personen mit einem niedrigen formalen Abschluss (maximal Hauptschule) erachten mit 19 Prozent Nennungen dieses Thema viel seltener als wichtig, als die befragten Hochschulabsolventen mit immerhin 40 Prozent. Bildung wird seltener von denjenigen genannt, die sich selbst nicht hoch in der sozialen Hierarchie einstufen, die die aktuelle deutsche Wirtschaftslage als ungünstig betrachten, die ein geringeres Einkommen haben und von älteren Befragten. In eine ähnliche Richtung weisen Befunde für die Nennung der Wirtschaft als wichtigstes Thema. Sie sind allerdings - abgesehen vom vergleichbar starken Alterseffekt - schwächer und teilweise statistisch nicht signifikant. Eher entgegengesetzt ist der sozialstatistische Hintergrund bei den Nennungen des an dritter Stelle platzierten Gesundheitswesens, die beispielsweise unter den weniger gut ausgebildeten und den älteren Befragten häufiger sind.

Wie wichtig ist die Bildung in Deutschland noch?

Bildung und persönlicher Erfolg

Eine andere Perspektive auf den Stellenwert von Bildung in Deutschland: Persönlicher Erfolg wird in unserer Gesellschaft als eines der wichtigsten Ziele anerkannt. Die Meinungen darüber, was eher förderlich oder hinderlich ist, um im Leben voran zu kommen, können durchaus divergieren. Oft ist heute z. B. davon die Rede, dass Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft weniger gute Erfolgschancen haben, was sich sicher auch mit statistischem Material belegen ließe. Was aber sagt unsere Untersuchung dazu? Die Ausgangsfrage in ALLBUS 2010 lautet für elf darauf folgende Vorgaben: Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach ..., um im Leben vorwärts zu kommen?

Die in der öffentlichen Debatte oft thematisierte Geschlechtszugehörigkeit (14 Prozent) und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität oder ethnischen Herkunft (16 Prozent) werden vergleichsweise selten als sehr wichtig oder entscheidend für das Vorankommen im Leben erachtet. Viel wichtiger sind den Befragten dagegen Merkmale, die in einer meritokratischen Gesellschaft eher zählen. Schon die Eigenschaft, die richtigen Leute kennen zu lernen (63 Prozent), kann als eine Kompetenz zum Erwerb von geeignetem sozialem Kapital angesehen werden. Die Nennung von gebildeten Eltern (49 Prozent) weist bereits wieder auf die Bedeutung der hier von uns ins Zentrum gestellten Bildung als Humankapital hin. Eigener Ehrgeiz (78 Prozent) und harte Arbeit (70 Prozent) gehören ebenfalls zu den Eigenschaften, die ggfs. zu den Charakteristika einer Gesellschaft gezählt werden können, welche insbesondere persönlichen Verdienst (lat.: meritum) belohnen. Die klare Spitzenposition in diesem Vergleich nimmt aber die eigene gute Ausbildung mit 91 Prozent ein. Nur ein Prozent der Antwortenden stufen demgegenüber Ausbildung als nicht sehr wichtig oder überhaupt nicht wichtig für das Vorwärtskommen im Leben ein. Bildung in Deutschland ist also für die überwältigende Mehrheit der Befragten eine sehr gute Investition, die sich auch für den gesellschaftlichen Konsens auszahlen kann.

Nicht nur wirtschaftlich orientierte Bildung

Die hier präsentierten Befunde sprechen dafür, dass von vielen Menschen Bildung in Deutschland auch gegenwärtig als sehr wichtig angesehen, allerdings eher auf wirtschaftlich relevanten Kompetenzen bezogen wird (vgl. u.a. den Begriff des Humankapitals in den Wirtschaftswissenschaften). Doch liegen uns auch andere Hinweise vor, die aus den bereits vor 2010 im ALLBUS-Programm erhobenen Daten über Lern- und Erziehungsziele stammen. Diese ebenfalls bildungspolitisch zu bedenkenden, ökonomisch oft nicht im Vordergrund stehenden Komponenten von Bildung sind mit einer der aktuell meistdiskutierten sozialwissenschaftlichen Theorien vereinbar, die sich mit der Zunahme "post-materialistischer" Orientierungen in gegenwärtigen Wohlstandsgesellschaften befasst, wie sie seit 1971 von dem amerikanischen Politologen Ronald Inglehart und vielen anderen behauptet worden ist.

Ein moderater statistischer Zusammenhang zwischen der Nennung von Bildung als wichtigster Thematik in Deutschland und dem unter Politik- und Sozialwissenschaftlern oft kontrovers diskutierten Inglehart-Index zur Messung postmaterialistischer Präferenzen besteht immerhin. So kann es sich auch unter einem weiteren gesellschaftlich relevanten Gesichtspunkt lohnen, diese Dimension in der Bildungspolitik zusätzlich zu bedenken. Schließlich zeigt uns eine Vielzahl von weiteren Fragen, die im ALLBUS-Survey 2010 insgesamt zum Thema der sozialen und persönlichen Bedeutung von Bildung und zu diversen Bildungsabschlüssen gestellt wurden, die Wichtigkeit dieser Thematik für die aktuelle Sozialforschung.

Dies gilt aber nicht nur für die vorwiegend auf Deutschland zielenden Fragen im Hauptteil der ALLBUS-Erhebung. Ein großer Teil dieser Fragen ist in zwei zusätzlichen ALLBUS-Modulen enthalten, die auch dem International Social Survey Programme (ISSP) zuzuordnen sind. Diese ISSP-Zusatzbefragungen wurden 2009 und 2010 weltweit in einer Vielzahl von Ländern erhoben. Die integrierten internationalen Daten sollen in nächster Zukunft - nach ihrer Aufbereitung und Dokumentation - ebenfalls für interessierte Forscher durch GESIS angeboten werden.

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2011

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