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Arbeiten am Universitätsklinikum - Karriere ohne Verschnaufpause

VON JULIA BECKER

Eine Karriere an einer Universitätsklinik verlangt Ärzten eine Menge ab. Sie müssen nicht nur Patienten behandeln, sondern auch: ein Höchstmaß an Engagement zeigen, forschen und lehren, Fachartikel publizieren, promovieren und bestenfalls habilitieren. Wer den Anschluss verpasst, hat schlechte Karten.

Karriere ohne Verschnaufpause© Julia BeckerFlorian Bläute schätzt seine Arbeit am Universitätsklinikum Eppendorf - langfristig strebt er jedoch eine andere Karriere an
"Wenn man in einer Klinik wie dieser hier besteht, kriegt man das überall hin", sagt Anästhesist Dr. Florian Bläute, der am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) arbeitet. Der 34-Jährige ist überzeugt: Am UKE bekommt er die bestmögliche Aus- und Weiterbildung in seinem Fachgebiet. Er ist bei der Behandlung von komplexen Erkrankungen dabei, lernt von den Koryphäen seines Fachs und erlangt Reputation. Im Gegenzug muss er aber auch einiges leisten: Neben seiner Arbeit als Arzt hat er Lehrverpflichtungen, zudem erwartet die Klinik in allen Bereichen überdurchschnittliches Engagement.

"Für die Vorteile, die man hier an einem Universitätsklinikum bekommt, muss man auch intensiver arbeiten. Man muss seinen Platz finden und zeigen, dass man etwas macht, das nicht alle machen", sagt der Anästhesist. Bei einer Umfrage des Marburger Bundes gaben 62 Prozent der befragten Hochschulmediziner an, dass ihre Höchstarbeitsgrenzen nicht eingehalten werden. In kommunalen Krankenhäusern liegt diese Quote "nur" bei 50 Prozent.

Bläute startete seine Karriere an dem Hamburger Universitätsklinikum noch während des Studiums. Einen Teil seines Praktischen Jahres absolvierte er in der Anästhesie des UKE. "Das ist das beste Bewerbungsgespräch, das man machen kann", sagt er. In den Monaten am UKE hätten seine Chefs gemerkt, was er kann und dass er in das Team passt. "Dann haben sie mir einen Vertrag angeboten", erzählt Bläute, der das Angebot annahm und mit 28 Jahren als Assistenzarzt am UKE anfing.

Ein solcher Einstieg ist nicht unüblich: Auch an anderen Universitätskliniken gibt es keine einheitlichen Bewerbungsverfahren für angehende Ärzte oder akademisches Personal. "Da die Personalauswahl den jeweiligen Kliniken und Instituten obliegt, ist die Art und Weise der Auswahl teils unterschiedlich", sagt der Sprecher der Uniklinik RWTH Aachen, Mathias Brandstädter. Bei niedrigeren Posten sei ein einstufiges Verfahren mit einem klassischen Vorstellungsgespräch üblich, bei Posten mit Leitungsfunktion würden auch mehrstufige Verfahren mit Hospitation vor Ort durchgeführt.

Arbeiten am Universitätsklinikum - Karriere ohne Verschnaufpause © academics Grafik 10 Tipps für eine erfolgreiche Karriere an der Uniklinik

Bewerber sollten großes Interesse an Forschung und Lehre mitbringen

Was zählt, ist die Qualifikation der Bewerber. Angehende Hochschulmediziner sollten eine hohe Affinität für Lehre und Forschung mitbringen und interdisziplinäre Arbeit schätzen. Ärzte, die sich lieber umfassend und alleinverantwortlich um Patienten kümmern, sind an einem Universitätsklinikum eher falsch. Zudem ist die Ausbildung zum Facharzt zwingend: "An einem Universitätsklinikum macht alles andere keinen Sinn. Wenn ich Allgemeinarzt werden will, würde ich vielleicht ein oder zwei Jahre an einer Universitätsklinik bleiben, aber dann würde ich mir andere Ausbildungsstätten suchen", sagt der Dekan des UKE, Professor Uwe Koch-Gromus. Darüber hinaus sollten junge Ärzte unbedingt promovieren, bestenfalls auf dem Weg zur Habilitation sein.

Auch Anästhesist Bläute hat promoviert - die Doktorarbeit beendete er jedoch erst, als er bereits mitten im Berufsleben stand. Die Doppelbelastung aus Dissertation und Klinikalltag kostete ihn nach eigenen Angaben sehr viel Kraft: "Ein Tipp von mir wäre wirklich, dass man seine Doktorarbeit schon während des Studiums fertig schreibt", rät er Studenten. Alles andere erfordere starke Nerven und Durchhaltevermögen. Es sei auch in Ordnung, sich nach dem Staatsexamen ein halbes Jahr Zeit zu nehmen und sich dann erst an den Kliniken zu bewerben. "Dafür hat jeder Chef Verständnis", sagt Bläute.

Eine Habilitation will der 34-Jährige nicht machen: "Am Anfang hat mich die Forschung noch gereizt. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass das nicht meins ist", erzählt er. Bläute weiß, dass er mit dieser Einstellung keinen Chefposten am UKE bekommen wird - die internen Regeln schreiben eine Habilitation vor. Deshalb hat er einen anderen Plan gefasst: Er möchte sich am UKE noch weiter aus- und weiterbilden lassen, anschließend eine kleinere Bereichsleitung übernehmen und dann in ein paar Jahren als Oberarzt an ein kommunales Krankenhaus wechseln. Seine Chefs sind mit dieser Entscheidung einverstanden: "Ich mache hier am UKE eben auch viel. Wichtig ist, dass man engagiert ist und klare Ziele hat", sagt Bläute.

Der Wechsel von erfahrenen Universitätsmedizinern an kommunale Krankenhäuser ist keine Ausnahme. Häufig bekommen sie dort Positionen mit Leitungsfunktion angeboten, nicht selten sogar den eines Chefarztes. "Wenn Sie mal in Schleswig-Holstein schauen, wo die leitenden Ärzte an den Krankenhäusern dort herkommen, dann haben sehr, sehr viele von denen eine vorgeschaltete akademische Karriere in Hamburg, Kiel oder Lübeck", sagt Dekan Koch-Gromus. Der umgekehrte Weg, also der Wechsel eines Arztes von einem kommunalen Krankenhaus an eine Universitätsklinik, sei eher selten. "Dazu sind die Karrierestufen, die Hochschulmediziner durchlaufen müssen, zu eng getaktet", erklärt er. Die Entscheidung für eine Karriere an einem kommunalen Krankenhaus sei "in der Regel ein Weg ohne Umkehr".

Junge Ärzte müssen mehrere Hürden in kürzester Zeit nehmen

Wer nicht an ein kommunales Krankenhaus wechseln möchte und eine Chef-Karriere an einem Universitätsklinikum anvisiert, muss in kürzester Zeit einige Hürden nehmen: "Im Idealfall beginnt die wissenschaftliche Karriere bei uns mit der Teilnahme am studentischen Mentoring-Programm für besonders begabte Studierende", sagt Dekan Koch-Gromus. Dann spezialisiere sich der Student über die Teilnahme an Wahlpflichtkursen und lerne auf diesem Wege auch renommierte Forscher kennen.

Unter ihrer Anleitung könne der angehende Arzt dann seine erste Studienarbeit schreiben, welche dann in die medizinische Dissertation münde. "In dieser Zeit wird er dann entdeckt und in bestehende wissenschaftliche Arbeitsgruppen integriert", beschreibt Koch-Gromus den direkten Karriereweg. Zugleich verfasse der angehende Arzt seine erste wissenschaftliche Publikation und qualifiziere sich bestenfalls für das anspruchsvolle Md/PhD-Programm - eine Promotion, die auf die medizinische Dissertation aufsattelt. Die Teilnahme an weiteren Förderungsprogrammen auf dem Weg zur Habilitation, die er mit Mitte dreißig zu Ende bringen sollte, rundet nach Auffassung von Koch-Gromus den idealen Karriereweg eines Hochschulmediziners ab.

Für Anästhesist Bläute ist dieser Weg keine Option: "Da muss man sich mal vor den Spiegel stellen und sich ehrlich die Frage stellen: Will ich das?", sagt der gebürtige Rheinländer. Er habe sich gegen die steile Karriere entschieden, weil er lieber Patienten versorge und in der Lehre tätig sei, statt im Labor zu forschen. Dass er damit die Ansprüche seines Arbeitgebers nicht vollumfänglich erfüllt, ist ihm bewusst: "Leute die forschen, sind hier natürlich noch lieber gesehen als Menschen wie ich", sagt Bläute. Schließlich verschaffe ein habilitierter Arzt der Klinik mehr Reputation. "Ich bin vielleicht die 1b-Lösung von meinem Chef gewesen, nicht die 1a-Lösung", fügt Bläute an und lacht.

Trotz des hohen Arbeitsdrucks ist der Facharzt mit dem Klima an seinem Arbeitsplatz zufrieden. Von den viel kritisierten, starren Hierarchien an Universitätskliniken merkt er nichts. "Das ist hier total netter Umgang in meiner Abteilung. Ich duze fast alle meine Oberärzte", berichtet Bläute. Natürlich gebe es auch immer wieder mal Reibereien, weil "sich hier schon mehr Alphatierchen tummeln, die alle Chef werden wollen" - aber der Umgang untereinander sei dennoch immer korrekt.

academics :: Juni 2014