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Mit Emmy Noether zur Professur

Von Miriam Buchmann-Alisch

Fünf Jahre lang flexibel und eigenständig forschen - das ist der Traum vieler junger Wissenschaftler. Als Leiter einer Nachwuchsgruppe ist dies möglich. Marc Toussaint ist Nachwuchsgruppenleiter an der TU Berlin - sein Fachgebiet ist das Maschinelle Lernen.

Mit Emmy Noether zur ProfessurMarc Toussaint ist Nachwuchsgruppenleiter an der TU Berlin
Im aufgeräumten Büro mit breiter Fensterfront fällt der Blick auf einen in Folie verpackten Roboterarm. "Er ist noch ganz neu", erklärt Marc Toussaint, während er ihn von seiner Schutzhaube befreit. "Bald soll er demonstrieren, wie Roboter lernen, sich intelligent zu verhalten." Die dabei zugrundeliegenden informationsverarbeitenden Prozesse erforscht Toussaint mit seiner Nachwuchsgruppe "Maschinelles Lernen und Robotik" an der Technischen Universität (TU) Berlin.

Der Neuroinformatiker ist einer von 300 promovierten Nachwuchswissenschaftlern, deren Projekte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zurzeit im Exzellenz-Programm "Emmy Noether" fördert. Sein Postdoc-Projekt läuft bereits seit zwei Jahren - in der Regel liegt die Förderungszeit einer Forschungsgruppe bei fünf Jahren.

Eigene Forschungsthemen für Doktoranden

Mit den ihm zur Verfügung stehenden flexiblen Mitteln finanziert er drei Doktoranden aus den Gebieten Kognitionswissenschaft, Mathematik und Informatik, die er für seine Gruppe ausgewählt hat. Sie arbeiten in Büros nebenan, forschen eingebettet in sein Projekt, haben aber auch eigene Schwerpunkte. "Das handhaben Gruppenleiter sehr verschieden", erklärt der junge Wissenschaftler. "Ich möchte, dass meine Doktoranden eigene Forschungsthemen haben. Was wir gemeinsam haben, sind die Methoden." Gerade erst kam die vierköpfige Berliner Forschungsgruppe von einer einwöchigen internationalen Fachkonferenz in Kanada zurück. "Wir konnten da wie eine kleine Familie antanzen", erzählt Toussaint schmunzelnd. "Jeder im Team hatte ein eigenes Paper zu seinem eigenen Thema. Das war ein großer Erfolg für die Gruppe."

Der Reiz an der Forschung

Für Zahlen und Logik begeisterte er sich schon zu Schulzeiten: "Jedem war klar, dass ich Physik oder Mathe studieren würde." Das tat er dann auch an der Universität zu Köln. "Das Studium war toll. Was am meisten Spaß gemacht hat, war das Gefühl, wow!, mir hat sich etwas Neues erschlossen."

Das ist auch heute noch, was ihn an der Forschung reizt: "Welche Fragen sind wirklich offen und unbeantwortet?" Diese Frage motivierte ihn nach der Diplomarbeit zu einem Wechsel von der theoretischen Physik in die Neuroinformatik. Sein Promotionsstudium am Institut für Neuroinformatik der Ruhr-Universität Bochum schloss er mit "summa cum laude" ab. Formalistisch-mathematische Lösungen wie die seinen sind gegenwärtig selten in diesem Bereich.

Unabhängigkeit im Ausland

Direkt im Anschluss an die Promotion ging Toussaint mit einem Forschungsstipendium der DFG für zwei Jahre ins Ausland. "Mir war die Unabhängigkeit relativ wichtig", erklärt er. Er suchte sich die University of Edinburgh aus, die ihm optimale Bedingungen für seine Forschung bot. Dort baute er seine heutigen Schwerpunkte Maschinelles Lernen und Robotik aus.

Von dort aus bewarb er sich bei der DFG auf seine heutige Position. Das halbe Jahr bis zum Projektbeginn überbrückte er als Gastwissenschaftler in der Robotik-Abteilung des Honda Research Institutes in Offenbach. "Die dortige Arbeit war komplementär zu meiner theoretischen Ausrichtung. Es war sehr interessant, die Robotiklabore zu sehen, und welche Probleme sich dort stellen." Heute ist Honda Research einer seiner Kooperationspartner in der Forschung.

"Wir sammeln gemeinsam Ideen"

Innerhalb des Emmy-Noether-Programms ist eine Lehrtätigkeit zwar keine Pflicht, aber erwünscht. Auch Toussaint hält in diesem Semester eine Vorlesung. An einem typischen Arbeitstag widmet er sich vormittags der eigenen Forschung, bereitet Vorträge und Publikationen vor.

Wichtig sind ihm die gemeinsamen Mittagessen mit seinem Team und anderen Kollegen, in denen ein reger sozialer und fachlicher Austausch stattfindet. "Im ersten Jahr verbrachte ich viel Zeit damit, meinen Doktoranden Grundlagen und Methoden beizubringen, um eine gemeinsame Basis zu schaffen", erzählt er. "Mittlerweile besprechen wir konkrete inhaltliche Probleme und sammeln gemeinsam Ideen." Jeden Montag liest und diskutiert das Team aktuelle Forschungsliteratur.

Gutes Management und Soft Skills wichtig für Forscherkarriere

Das intensive Leben für die Forschung erfordert aber auch Fähigkeiten, die nicht jedem Wissenschaftler zufliegen. "Wenn man erfolgreich sein will in diesem Business, und es ist ein Business, sollte man viele andere Qualitäten haben, auf die man nicht vorbereitet ist und die oft wenig mit der Forschung zu tun haben", erläutert Toussaint. Er publiziert sehr viel und muss Soft Skills ausbauen, die auch auf anderen Karrierewegen gefragt sind. "Forscherkarrieren profitieren sehr von gutem Management und Präsentationsfähigkeiten. Oder von einer strahlenden Persönlichkeit."

Drei- bis viermal im Jahr hält er weltweit Vorträge. Zweimal wurde er auf international ausgerichteten Konferenzen mit einem "Best Paper Award" ausgezeichnet. National baut er Kooperationen auf, indem er regelmäßig in Forschungsinstituten seine Grundlagenforschung präsentiert.

"Es gibt keine Tenure-Track-Option"

Gerne würde Toussaint in Deutschland bleiben. "Hätte ich den Wunsch, ins Ausland zu gehen, dann hätte ich das längst gemacht." Sein Ziel ist die Professur. Sein fünfjähriges Forschungsprojekt ist jedoch nicht mit der Perspektive verbunden, danach am Institut übernommen zu werden. "Das ist das größte Problem im deutschen System, dass es keine Tenure-Track-Option gibt. Das Emmy-Noether-Programm soll die Lücke bis zur Professur füllen, ähnlich wie eine Juniorprofessur. Das tut es auch, wenn man es nur auf die Zeit bezieht. Aber das tut es nicht, was die Aussicht am eigenen Institut angeht", erklärt er. "Ich weiß, dass ich hier keinesfalls übernommen werden kann - unabhängig davon, wie gut ich bin."

Auch für den Fachbereich, in den das Projekt praktisch, aber eben nicht institutionell eingebettet ist, wird das einen Verlust bedeuten. Toussaint hat dort seine Forschergruppe aufgebaut, mit seinem Projekt viele Gelder und damit Stellen eingeworben und die TU Berlin im Bereich Maschinelles Lernen und Robotik bekannt gemacht. Nach Projektabschluss wird davon nicht viel übrig bleiben.

Gute Chancen mit Forschungsprofil

Dennoch sieht er das Postdoc-Programm als einen wichtigen Meilenstein in seiner Karriere an. Er resümiert: "Das Emmy-Noether-Programm gibt mir die Möglichkeit, meine eigene Forschung weiterzutreiben und Projekterfahrung zu sammeln. Ich konnte eine eigene Gruppe aufbauen und kann mein eigenes Forschungsprofil ausbauen. Das sind wichtige Kriterien. Ich denke, dass ich eine gute Chance habe."


Quelle: academics

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