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44 Stunden zwischen Hörsaal und Nebenjob


Von Achim Meyer auf der Heyde

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Studierenden sind gut erforscht. Wie leben Studenten heute, wie finanzieren sie sich? Wohnen sie eher in einer eigenen Wohnung oder noch zu Hause bei den Eltern? Die regelmäßig durchgeführte Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes bietet aufschlussreiche - und teils überraschende - Ergebnisse.

44 Stunden zwischen Hörsaal und Nebenjob© 123foto - iStockphoto.com"Blickt man genauer hin, zeigen sich tiefe Risse im vermeintlich "heilen" Bild vom Studentenleben"
Die 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes war mit Spannung erwartet worden. Zuvorderst erhofften sich viele Beobachter vor allem Antworten auf die Frage, ob und wie sich die Studiengebühren, die sechs Bundesländer seit 2007 eingeführt haben, auf die wirtschaftliche Situation der Studierenden auswirken. Führen die Gebühren zu Wanderungsbewegungen oder gar zum Studienverzicht, verändern sie die Bildungsbeteiligung? Wie wirken sich die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge aus, zumal die Studierenden-Befragung im Sommer 2009 zusammenfiel mit den massiven Protesten gegen die Bologna-Reformen. Und es war von Interesse, ob und wieweit die BAföGErhöhung von 2008 gegriffen haben würde.

Kaum spürbare Studiengebühren-Flucht

Die Ergebnisse überraschen auf den ersten Blick. Viele der Befürchtungen, die die protestierenden Studierenden artikuliert hatten, bestätigen sich nicht oder nur teilweise. Die soziale Selektion im deutschen Hochschulsystem hat sich nur marginal verändert, Fluchtbewegungen der Studierenden in gebührenfreie Länder sind gering, die Studierenden in Bachelor-Studiengängen unterscheiden sich in entscheidenden Merkmalen kaum von ihren Kommilitonen in herkömmlichen Studiengängen, und die Studienfinanzierung wird von den Studierenden als etwas sicherer eingeschätzt als noch im Jahr 2006, als die vorangegangene Sozialerhebung durchgeführt worden war.

Bevor voreilig Schlussfolgerungen gezogen werden, ein wichtiger Hinweis: Die 19. Sozialerhebung von 2009 stellt eine erste Momentaufnahme der Veränderungen in unserem Hochschulsystem dar. Um längere Entwicklungslinien darstellen zu können, insbesondere zur Bildungsbeteiligung, zu Auswirkungen von Studiengebühren und zu veränderten Anforderungen im Bachelorstudium, bedarf es wesentlich längerer Untersuchungszeiträume. Das ist wahrscheinlich frühestens mit der 21. Sozialerhebung zu erwarten, die dann in den Jahren 2015/2016 vorliegen wird. Bevor einzelne Ergebnisse dargestellt werden, zunächst ein Blick auf die Anlage der Studie. Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ist eine Langzeiterhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Situation der Studierenden. Seit 1951 werden im zumeist dreijährigen Abstand die Daten erhoben. Für die 19. Sozialerhebung wurden im Sommer 2009 jeder 27. deutsche Studierende und jeder 18. Bildungsinländer angeschrieben. Den umfangreichen Fragebogen füllten 16.370 Studierende aus 210 Hochschulen aus, dies entspricht einer Rücklaufquote von 32 Prozent.

Mann, 24, in festen Händen

52 Prozent der Studierenden sind Männer, 48 Prozent Frauen. An Universitäten finden sich mit 51 Prozent allerdings mehr Frauen als Männer. Das durchschnittliche Alter im Erststudium beträgt 24,1 Jahre, im postgradualen Studium 29,5. Nicht verheiratet, aber in einer festen Partnerschaft leben 52 Prozent der Studierenden (48 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen), Single sind 43 Prozent (48 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen), verheiratet sind 5 Prozent (4 Prozent der Männer und 6 Prozent der Frauen). Kinder haben im Erststudium 5 Prozent der Studierenden (4 Prozent Männer, 6 Prozent Frauen).

Es studieren die Akademiker-Kinder

Ein zentraler Aspekt der Sozialerhebung ist immer der Blick auf die Bildungsbeteiligung. Deren entscheidendes Merkmal ist, ob jemand aus einer Akademiker-Familie kommt oder nicht. Zwischen Akademikern und Nicht- Akademikern gibt es eine deutliche soziale Polarisierung von Bildungschancen. Von 100 Akademiker-Kindern studieren 71 (gegenüber 83 bei der vorangegangenen Erhebung), die Zahl der studierenden Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien bleibt mit 24 (gegenüber 23 vorher) gering. Man muss feststellen: Trotz der leichten Annäherung der Schere zwischen Akademiker- und Nicht-Akademiker-Kindern entscheidet die soziale Herkunft weiterhin über den Hochschulzugang.


Das studentische Durchschnittsbudget: 812 Euro im Monat

Erhoben wurde auch, über welche Einnahmen die Studierenden verfügen und aus welchen Quellen sich die Einnahmen speisen. Im Durchschnitt haben die Studierenden 812 Euro im Monat zur Verfügung, 2006 waren es 770 Euro. Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen West und Ost: 832 Euro gegenüber 722 Euro im Monat. Bachelor-Studierende haben etwas geringere Einnahmen als vergleichbare Studierende in den alten Studiengängen (746 Euro vs. 760 Euro).

44 Stunden zwischen Hörsaal und Nebenjob
Die monatlichen Einnahmen der Studierenden sind breit gespreizt: 20 Prozent der Studierenden haben nur bis zu 600 Euro monatlich zur Verfügung, mehr als jeder Vierte (26 Prozent) liegt mit seinen Einnahmen unter dem derzeitigen BAföG-Höchstsatz von 648 Euro. 17 Prozent dagegen haben mehr als 1 000 Euro monatlich in der Tasche. 63 Prozent (3 Prozent mehr als 2006) sehen die Finanzierung ihres Lebensunterhalts während des Studiums als sicher an, wobei diese Aussage stark von der sozialen Herkunft abhängt. Bei den Studierenden aus der sozialen Herkunftsgruppe "niedrig" geben nur 47 Prozent an, ihre Studienfinanzierung sei gesichert, in der sozialen Herkunftsgruppe "hoch" dagegen 75 Prozent. Die Studienfinanzierung in Deutschland ist eine Mischfinanzierung, und die drei wichtigsten Quellen sind: Eltern, Jobben, BAföG. 87 Prozent werden von ihren Eltern unterstützt, zwei Drittel der Studierenden jobben, etwa ein Viertel erhält BAföG. Ein Stipendium erhalten lediglich drei Prozent der Studierenden, fünf Prozent greifen auf einen Studienkredit zurück.

Weniger Elternunterstützung, mehr Jobben

Auch wenn 87 Prozent der Studierenden von ihren Eltern unterstützt werden, so tragen die Eltern dennoch erstmalig seit 1991 weniger zur Studienfinanzierung ihrer Kinder bei. Insbesondere Familien aus den sozialen Herkunftsgruppen "niedrig" und "mittel" stoßen an ihre finanziellen Belastungsgrenzen. Auch die BAföG-Erhöhung von 2008 greift nur zum Teil. Die Geförderten profitieren zwar von der jüngsten BAföG-Erhöhung, sie erhalten mit monatlich 413 Euro 50 Euro mehr als im Jahr 2006. Aber der Anteil der Geförderten ist mit 29 Prozent der Studierenden unverändert geblieben. Insoweit hat die BAföG-Erhöhung den Kreis der Förderberechtigten nicht erweitert. Der Rückgang der elterlichen Finanzierung, aber auch die gestiegenen Kosten, zum Beispiel durch die Studiengebühren, werden primär durch einen Anstieg der Erwerbstätigkeit zu Lasten des Studiums substituiert.

44 Stunden zwischen Hörsaal und Nebenjob

Zwei von drei jobben

Entsprechend stieg die Erwerbstätigenquote der Studierenden von 63 im Jahr 2006 auf 66 Prozent im Jahr 2009, die Quote der laufend Beschäftigten sogar von 33 auf 38 Prozent. 61 Prozent der jobbenden Studierenden sagen, ihr Nebenjob sei unabdingbar für ihre Studienfinanzierung. Bezogen auf alle Studierenden, macht der durchschnittliche zeitliche Aufwand fürs Jobben acht Stunden die Woche aus, eine Stunde mehr als 2006. Bei den erwerbstätigen Studierenden selbst liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit sogar bei 13,5 Stunden. In Gebührenländern arbeiten Studierende eine Stunde mehr als ihre von Gebühren befreiten Kommilitonen.

Bachelor-Studierende an Fachhochschulen sind mit durchschnittlich zwölf Stunden in der Woche doppelt so hoch erwerbstätig wie Bachelor-Studierende an Universitäten. Die Erwerbstätigenquote steigt mit dem Alter, von 39 Prozent bei den 19jährigen, auf 79 Prozent bei den 30jährigen und noch älteren Studierenden. Beim Jobben gilt: Jede Stunde Erwerbstätigkeit verringert Studienaufwand als auch Freizeit um durchschnittlich eine halbe Stunde.

Studierende haben eine 44-Stunden-Woche

Die zeitliche Belastung in einem Studium ist hoch. Studieren ist ein Vollzeit- Job. Nimmt man Studium und Nebenjob zusammen, haben die Studierenden im Schnitt eine 44-Stunden-Woche. Bachelor- Studierende an Fachhochschulen haben eine 44-, jene an Universitäten eine 43-Stunden-Woche. Damit liegen Bachelor-Studierende mit ihrer zeitlichen Belastung insgesamt im Mittelfeld. Die in den Studierenden-Protesten des Jahres 2009 artikulierte Klage, die zeitliche Belastung im Bachelor-Studium sei zu hoch, kann mit der 19. Sozialerhebung kaum bestätigt werden.

Aber sie ist auch kein Grund zur Entwarnung: 31 Prozent der Studierenden müssen mehr als 50 Stunden in der Woche für Studium und Nebenjob aufwenden. 15 Prozent sagen, die zeitliche Belastung sei zu hoch; bei den Bachelor-Studierenden sind es 19 Prozent. Bei den (ausgewählten) Ausgabenpositionen bildet die Miete mit 35 Prozent oder 281 Euro die höchste Ausgabenposition, gefolgt von 159 Euro für Ernährung, 81 Euro für Auto und/oder öffentliche Verkehrsmittel, 63 Euro für Freizeit, 59 Euro für Krankenversicherung, 51 Euro für Kleidung, 35 Euro für Telefon, Internet und Rundfunkgebühren und 33 Euro für Lernmittel.


Eltern, Wohnheim: Trend zu günstigen Wohnformen

2009 wohnen gegenüber dem Jahr 2006 weniger Studierende (37 Prozent) in der eigenen Wohnung, jeweils etwas mehr in einer Wohngemeinschaft (26 Prozent), bei den Eltern (23 Prozent) oder im Wohnheim (12 Prozent), 2 Prozent konstant zur Untermiete. Gegenüber 2006 steigt der Trend zu kostengünstigeren Wohnformen. Die Mensa des Studentenwerks wird noch stärker frequentiert. Gegenüber 2006 stieg der Anteil derjenigen Studierenden auf 85 Prozent, die durchschnittlich viermal pro Woche eine Mensa oder Cafeteria ihres Studentenwerks aufsuchen. Bachelor-Studierende essen etwas öfter in der Mensa (41 vs. 39 Prozent).

44 Stunden zwischen Hörsaal und Nebenjob

Größter Beratungsbedarf zum Thema Studienfinanzierung

61 Prozent der Studierenden im Erststudium haben Beratungsbedarf, und mit 55 Prozent haben mehr als die Hälfte von ihnen professionelle Beratungsangebote in Anspruch genommen. Den häufigsten Beratungs- und Informationsbedarf haben die Studierenden zum Thema Studienfinanzierung. Es folgen: Krankenversicherung, die Finanzierung eines Auslandsaufenthalts, Arbeitsorganisation, Zeitmanagement, Zweifel am Studium, depressive Verstimmungen, Arbeits- und Konzentrationsschwierigkeiten, Prüfungsangst, Vereinbarkeit von Studium und Nebenjob, Lern-/ Leistungsprobleme.

Bachelor-Studierende weniger mobil

Vor dem Hintergrund der Mobilitätsförderung im Bolognaprozess wurde in der 19. Sozialerhebung auch nach studienbezogenen Auslandsaufenthalten gefragt: 32 Prozent der Studierenden in höheren Semestern in den alten Studiengängen haben einen solchen Auslandsaufenthalt (Studium, Praktikum, Sprachkurs) absolviert. Sie liegen damit leicht höher als 2006 (29 Prozent). Bachelor-Studierende dagegen haben bisher nur zu 16 Prozent einen Auslandsaufenthalt realisiert.

Sind Studiengebühren ein Problem?

Eingangs sagte ich, auf einen ersten Blick hätten Studiengebühren keine negativen Folgen gezeigt. Blickt man aber genauer hin, zeigen sich tiefe Risse im vermeintlich "heilen" Bild vom Studentenleben. Studiengebühren sind sehr wohl ein Problem - für Studierende aus bildungsferneren und einkommensschwächeren Elternhäusern. Die Eltern zahlen für 59 Prozent der Studierenden die Gebühren. Zahlen die Eltern nicht, dann arbeiten die Studierenden, um die zusätzlichen Kosten hereinzuholen. Sie nutzen kaum die angebotenen Studiengebührendarlehen der Länder. Oder sie ergreifen Kosten senkende Strategien: Je niedriger die soziale Herkunftsgruppe, desto eher wohnen Gebührenzahler noch bei ihren Eltern.

Zudem sind Studierende aus der niedrigen Herkunftsgruppe häufiger von Studiengebühren betroffen, Studierende aus der hohen Herkunftsgruppe öfter von Studiengebühren befreit - möglicherweise aufgrund von Geschwisterregelungen oder besserer Leistungen. Diese sind ohne finanzielle Sorgen und überlebensnotwendige Erwerbstätigkeit leichter zu erbringen. Fast ein Viertel der Gebührenzahler lebt in einer finanziell angespannten Situation, vor allem diejenigen, die sie aus eigenen Mitteln bezahlen müssen. Schafft es also ein Kind als einziges aus einer bildungsfernen und einkommensschwächeren Familie trotz Selektion im Schulsystem zur Hochschule, dann steht es wieder vor einer neuen Hürde. Zumal es kaum flüchten kann: Studierende aus einkommensschwächeren, hochschulfernen Familien sind weniger mobil, sie studieren in der Regel (Eltern-) Wohnort näher.


Über den Autor
Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2010

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