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Habilitation versus Tenure Track

Von Reinhard Kreckel

Seit dem Siegeszug der Drittmittelforschung sind Nachwuchswissenschaftler zunehmend befristet und prekär beschäftigt. Die Chancen für Lehr- und Forschungspersonal sind international verglichen durchaus unterschiedlich. Nehmen die akademischen Karrierestufen an deutschen Universitäten eine Sonderstellung ein?

Das europäisch-amerikanische Modell der Forschungsuniversität hat sich weltweit als maßgebendes Leitbild durchgesetzt: Universitäten gelten überall als der Ort, wo höhere Bildung in Verbindung mit wissenschaftlicher Forschung vermittelt und wissenschaftlicher Nachwuchs hervorgebracht wird.

Teaser: Habilitation versus Tenure, Motiv: Abbildung 1
Eines der besonderen Kennzeichen der Forschungsuniversitäten ist ihre Internationalität. Offenheit für internationale Studierende, Doktoranden, Gastwissenschaftler war schon immer eines ihrer Merkmale. Der allmähliche Siegeszug des Englischen als allgemeine Wissenschaftssprache und die zunehmende internationale Standardisierung von Studiengängen, akademischen Graden und Titeln kommen heute hinzu. Allerdings übersieht man angesichts dieser Internationalisierungseuphorie allzu leicht, dass hinter den zurzeit stattfindenden terminologischen und organisatorischen Angleichungen noch immer sehr unterschiedliche nationale Universitätskulturen und -strukturen stehen. Ein Beispiel dafür sind die akademischen Laufbahnstrukturen, die hier vergleichend betrachtet werden: Es gibt nicht nur eine, sondern mindestens vier Varianten des europäisch-amerikanischen Modells der Forschungsuniversität, die um Weltgeltung ringen - ein französisches, ein deutsches, ein englisches und ein nordamerikanisches Modell.

Sie alle stehen vor gemeinsamen Herausforderungen, aber sie bewegen sich dabei innerhalb ihrer je eigenen Logiken und reagieren deshalb auf sehr unterschiedliche Weise auf sie: Überall treten ähnliche Finanzierungsprobleme auf, überall sind die Auswirkungen der weltweiten Bildungsexpansion zu bewältigen, für alle gilt der gleiche internationale Qualitätswettbewerb usw. Sie müssen sich auch alle mit dem Umstand auseinandersetzen, dass ein immer größer werdender Teil des universitären Forschungspersonals nicht mehr aus Haushaltsmitteln bezahlt wird, sondern auf projektgebundene und grundsätzlich befristete Drittmittel angewiesen ist. Um die damit verbundenen Veränderungen verstehen zu können, ist es hilfreich, die unterschiedlichen nationalen Laufbahnstrukturen und Selbstverständlichkeiten zu kennen, die sich hinter häufig ähnlich klingenden Bezeichnungen verbergen.

Die beiden Abbildungen zeigen das hauptberufliche wissenschaftliche Personal an Universitäten in sechs Ländern im Vergleich zu Deutschland, gegliedert nach Karrierestufen (in Vollzeitäquivalenten). Aufgrund der sehr unterschiedlichen hochschulstatistischen Zählweisen in den verschiedenen Ländern ist jeder direkte Vergleich ein gewagtes Unterfangen. Aber ein gemeinsamer Bezugspunkt findet sich, wenn man bei den Positionen am oberen Ende der universitären Laufbahn ansetzt, den Positionen für selbstständig forschende und lehrende Hochschullehrer. Diese sind überall sehr ähnlich und deshalb als Vergleichsbasis gut geeignet: In der Regel werden sie unbefristet und in Vollbeschäftigung wahrgenommen, sie verleihen Ansehen und "professorale" Unabhängigkeit in Lehre und Forschung. In den beiden Abbildungen werden sie unter dem Oberbegriff "Senior Staff" zusammengefasst, da der Professorentitel nicht in allen Ländern die gleiche Bedeutung hat.

Teaser: Habilitation versus Tenure, Motiv: Abbildung 2
Komplexer, und hier von besonderem Interesse, ist die Kategorie des "Junior Staff". Dabei geht es um hauptamtlich und selbstständig lehrende und forschende Hochschullehrer unterhalb der professoralen Spitzenebene. Hier gibt es von Land zu Land ganz erhebliche Unterschiede, wie sich bereits an Abbildung 1 ablesen lässt. Es ist unübersehbar, dass allein Deutschland über ein Universitätssystem verfügt, in dem fest angestellte, eigenständig lehrende und forschende Hochschullehrer beim hauptberuflichen wissenschaftlichen Personal klar in der Minderheit sind. Das bedeutet, dass die anfallenden Lehr- und Forschungsaufgaben hier schon rein rechnerisch nur auf relativ wenige professionelle Schultern verteilt werden können: Ca. 85 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals an deutschen Universitäten ist auf unselbstständigen Mittelbaupositionen unterhalb der Hochschullehrerebene beschäftigt, weitaus die meisten auf befristeten Qualifikations- und/oder Drittmittelstellen. Nur ein kleiner, zunehmend schrumpfender Teil des Mittelbaupersonals (z. Zt. knapp 20 Prozent) ist auf unterschiedlichsten Positionen (als Akademische Räte, Mitarbeiter/ innen auf Funktionsstellen, Lehrkräfte für besondere Aufgaben u.ä.) dauerhaft an der Universität tätig.

Andererseits fehlt die Kategorie des "Junior Staff" an deutschen Universitäten fast völlig; und wo es sie doch gibt, handelt es sich überwiegend um Zeitstellen: Der Anteil der Juniorprofessuren am wissenschaftlichen Personal der Universitäten liegt zur Zeit bei etwa 0,7 Prozent, der der Universitätsdozenturen und vergleichbarer Positionen bei knapp einem Prozent. Ganz anders ist die Situation in England und Frankreich, die - trotz aller sonstigen Unterschiede - beide über Universitätssysteme mit ausgeprägtem Tenure-Modell verfügen. Dort berechtigt die Berufung auf eine Stelle als Lecturer bzw. Maitre de Conférences (die in der Regel nach der Promotion bzw. einer Postdoc-Phase erfolgt) zu selbstständiger Lehre und Forschung. Beim englischen Lecturer ist nach kurzer Probezeit die unbefristete Anstellung ("tenure") üblich, mit der Möglichkeit des internen Aufstieges oder der externen Berufung zum Senior Lecturer und Professor. Der französische Maitre de Conférences ist Lebenszeitbeamter. Erwirbt er die (der deutschen Habilitation ähnliche) habilitation de diriger des recherches, kann er zum Professor berufen werden, häufig an der eigenen Universität. Insofern haben wir es im Falle Frankreichs mit einer Mischform von Tenure- und Habilitationssystem zu tun.

Eine spezifische Variante des Tenure- Modells ist das "Tenure Track"-System der USA. Hier, anders als im stärker titelorientierten Europa, tragen alle Vollmitglieder des Lehrkörpers ("faculty") den Professorentitel, mit grundsätzlich gleichen Rechten und Pflichten in Lehre und Forschung. Allerdings wird dem Assistant Professor im Unterschied zum europäischen Lecturer oder Maitre de Conférences die Festanstellung nicht fast automatisch gewährt, sondern nur in Aussicht gestellt und erst nach vier bis sieben Jahren und strenger Leistungsüberprüfung gewährt. Die mit dem Tenure Track-Verfahren verbundene Evaluation der Forschungs- und Lehrleistungen ("tenure evaluation") trägt, vor allem an den Spitzenuniversitäten, deutliche Züge der deutschen Habilitation. Das für Deutschland charakteristische Hausberufungsverbot und die Vorstellung, dass nur ganz wenige zur selbstständigen Lehre und Forschung an einer Universität "berufen" seien, ist in keinem der genannten Länder geläufig. Auch der Gedanke, ein "echter" Professor und Lehrstuhlinhaber müsse über eigene Mitarbeiter- bzw. Assistentenstellen verfügen, stößt dort auf Verwunderung. Andererseits sind die traditionellen universitären Laufbahnstrukturen zurzeit in allen vier Ländern von einem Erosionsprozess betroffen, der durch die überall spürbare Zunahme von befristet und prekär beschäftigtem Lehr- und Forschungspersonal und den Siegeszug der Drittmittelforschung ausgelöst wird.

Nun könnte man denken, dass die in Abbildung 1 sichtbar werdende extreme Sonderstellung des deutschen Karrieremodells, in dem es nur relativ wenige W2- und W3-Professuren und so gut wie keine etablierten Junior Staff- Positionen gibt, mit dem Umstand zusammenhängt, dass wir es hier nicht mit einem Tenure-, sondern mit einem ausgesprochenen Habilitations-Modell zu tun haben. Abbildung 2 zeigt allerdings etwas anderes. Auch unter den Habilitationsländern ist Deutschland ein Ausnahmefall. Das Habilitations-Modell der akademischen Karriere findet sich in relativ reiner Form in den traditionellen Universitätssystemen von Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch in osteuropäischen Ländern (hier als Beispiel: Tschechien). In diesen Ländern verleiht nicht, wie in den Tenure-Systemen, die Promotion, sondern erst der Erwerb der Habilitation (oder eines Äquivalentes) die Befähigung zu selbstständiger Forschung und Lehre. Alle Lehr- und Forschungstätigkeiten vor der Habilitation gelten daher eo ipso als "unselbstständig". Die für Nichthabilitierte vorgesehenen Stellen werden deshalb vor allem als befristete Qualifikationsstellen verstanden. In diesen vier noch stark vom klassischen Lehrstuhlprinzip geprägten mitteleuropäischen Universitätssystemen sind etatmäßige Professuren (mit nur 11-14 Prozent der Stellen für hauptberufliches wissenschaftliches Personal) eher rar.

Auffällig ist, dass der universitäre Lehrkörper sich in allen vier Ländern ganz überwiegend aus befristet beschäftigtem Personal mit assistierender Funktion und in unselbstständiger Stellung zusammensetzt. Zur Habilitation muss allerdings in diesen Ländern, ebenso wie in Deutschland, die Berufung auf eine Professur hinzukommen: Erst der "Berufene" gilt als vollwertiger Hochschullehrer. Ein neuralgischer Punkt sind deshalb im Habilitations-Modell die nicht auf Professuren berufenen Habilitierten. In Deutschland gibt es für sie, schon wegen des noch immer wirksamen Hausberufungsverbotes, fast keine festen Hochschullehrerstellen. In Österreich ist das anders. Dort bleiben die nicht berufenen Habilitierten als außerordentliche (bzw. "assoziierte") Professoren weiter an der Universität. Statusrechtlich gehören sie aber weiterhin zum Mittelbau, nicht zur "Professorenbank". Ähnlich verhält es sich bei den Dozenten in Tschechien, während in der Schweiz die Habilitierten als Privatdozenten bzw. Titularprofessoren der statistischen Mischkategorie des "oberen Mittelbaus" zugerechnet werden. Sie lehren und forschen zwar selbstständig, haben in den meisten Fällen aber keine Dauerstelle an der Universität, ähnlich wie in Deutschland.

Der vergleichende Blick auf die verschiedenen Universitätssysteme zeigt somit, dass sie alle - mit Ausnahme Deutschlands und teilweise auch der Schweiz - unterhalb der ordentlichen Professur den Typus des selbstständigen Hochschullehrers mit eigenen Lehrund Forschungsaufgaben kennen, der als Lecturer, Docent, Maitre de Conférences oder Assistant Professor dauerhaft an einer Hochschule tätig ist. Diese auf den oberen Stufen sehr viel offeneren akademischen Karrierestrukturen bieten die Möglichkeit, mit den im Zuge der Bildungsexpansion steigenden Lehranforderungen und mit der sich intensivierenden Forschungsorientierung der Universitäten flexibel umzugehen. An den deutschen Hochschulen fehlt dagegen die Dozentenebene. Die akademische Juniorposition fällt praktisch aus - abgesehen von den wenigen befristeten Juniorprofessuren, die größtenteils sogar ohne Tenure Track ausgeschrieben werden.

Die naheliegende Alternative, für die alle anderen hier skizzierten europäischen Universitätssysteme bereits mehr oder weniger deutlich optiert haben, ist die Ausweitung der Gruppe der selbstständig lehrenden und forschenden Hochschullehrer, speziell der Universitätsdozenten, die nach strengen Qualitätskriterien berufen werden. Damit ließen sich die Aufgaben von Lehre, Forschung und Nachwuchsqualifizierung auf mehr Schultern verteilen, qualifikations- und funktionsbezogene Differenzierungen von Tätigkeitsschwerpunkten für einzelne Hochschullehrer würden erleichtert, und man wäre dann auch in der Lage, vielversprechende Postdocs aus dem Inund Ausland für die deutschen Universitäten gewinnen bzw. in Deutschland halten zu können. Als Voraussetzung dafür ist freilich die allmähliche Reduktion der (von der Professorenschaft) abhängigen archaischen Statusgruppe der "Assistierenden" erforderlich - ein nicht ganz einfaches Unterfangen.

* Gekürzte und teilweise neu bearbeitete Fassung von R. Kreckel, "Karrieremodelle an Universitäten im internationalen Vergleich." In: A. Borgwardt, Hrsg., Der lange Weg zur Professur, Berlin 2010, S. 33-44. Dort finden sich auch ausführliche Quellenbelege und Literaturhinweise.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2012

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