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Summa cum laude - Promotionsnoten in Deutschland

von Stefan Hornbostel und David Johann

Wenn von Noteninflation die Rede ist, dann geht es nicht nur um Studienabschlüsse an Hochschulen, sondern auch um den Bestnoten-Anteil bei Promotionen. Eine aktuelle und exklusiv für Forschung & Lehre erstellte Analyse der Jahre 2013 bis 2015 nimmt die jeweilige Fachkultur und die Vergabepraxis an den einzelnen Universitäten in den Blick.

Summa cum laude - Promotionsnoten in Deutschland © FemmeCurieuse - Photocase.de Der Aussagewert von Promotionsnoten variiert stark zwischen Fächern und Universitäten
Wiederholt hat der Wissenschaftsrat auf das Problem der Noteninflation aufmerksam gemacht. So erfreulich gute Noten für den Einzelnen sind, so problematisch ist die Inflation von guten Prüfungsergebnissen für die Aussagekraft von Noten insgesamt, vor allen Dingen dann, wenn diesen Noten keine einheitlichen Bewertungskriterien zugrunde liegen. Technisch gesprochen wird dann das "Signal" (die attestierte Leistungsfähigkeit) von unerwünschten "Geräuschen" (kontextgebundene Bewertungskriterien) überlagert. Je ungünstiger die "signal-to-noise ratio" ausfällt, desto weniger Informationsgehalt besitzt die Note für Arbeitgeber und Studierende. Betroffen von diesem Problem sind nicht nur die Studienabschlussnoten, sondern auch die Promotionsnoten. Aus diesem Grund hat das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) (heute Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung) seit 2012 regelmäßig auf Basis einer Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes die Promotionsnoten für alle Hochschulen und Fächer veröffentlicht. Aktuell wird der jüngste Erhebungszeitraum (2013 bis 2015) bereitgestellt (Details zu allen Hochschulen und Fachgebieten sind online unter forschungsinfo.de verfügbar).

Summa cum laude - Promotionsnoten in Deutschland © Forschung & Lehre Abbildung 1: Verteilung der Promotionsnoten: Gesamtschau

Entwicklung der Promotionen mit Bestnote

Die Promotionsskandale, aber auch die massive Ausweitung strukturierter Promotionsverfahren, haben nicht nur zu vielen Stellungnahmen und Positionspapieren geführt, sondern auch zu Qualitätsdebatten (und Maßnahmen) in den Universitäten. Die Frage ist, ob sich davon etwas in der Notenstatistik widerspiegelt. Da die differenzierte deutsche Notenskala im Ausland nur selten verwandt wird, empfiehlt es sich, die Analyse auf den Anteil der ausgezeichneten (summa cum laude) Promotionen zu beschränken, also den Anteil, der nach internationalen Fachstandards zu herausragenden Ergebnissen geführt hat. Im Ergebnis zeigen die jüngsten Daten zwar keine Trendwende in der Noteninflation, aber immerhin eine Stabilisierung: Lag der Bestnoten-Anteil im Zeitraum 2001 bis 2003 noch bei etwa 17 Prozent, wurden zuletzt knapp 20 Prozent der Promotionen mit summa cum laude bewertet. Allerdings ist der Bestnoten- Anteil seit 2007 nur noch marginal angestiegen. Es kann folglich konstatiert werden, dass die Zahl der summa cum laude-Promotionen in den letzten Jahren auf einem hohen Niveau verharrt. Im Zeitraum 2013 bis 2015 liegt bei einem Viertel der Universitäten der Anteil an Promotionen, die mit der Bestnote bewertet wurden, unter 14 Prozent. Die Hälfte der Universitäten bewerteten etwa 14 bis 24 Prozent der Promotionen mit der Bestnote. Ein Viertel der Universitäten vergab Bestnoten überdurchschnittlich häufig. Und bei einer kleinen, aber durchaus nicht unbedeutenden Zahl an Universitäten lag der Anteil an summa cum laude-Promotionen sogar bei bis zu 60 Prozent (vgl. Abb.1)

Summa cum laude - Promotionsnoten in Deutschland © Forschung & Lehre Abbildung 2: Verteilung der Promotionsnoten: Fachspezifisch

Fachkultur und Notengebung

Angesichts der ausgeprägten Fächerkulturen sind solche Gesamtaussagen allerdings wenig aussagekräftig. Vergleicht man z.B. die Noten der wegen bekannter Qualitätsmängel viel gescholtenen Medizinpromotion mit den Promotionsnoten in den Wirtschaftswissenschaften (vgl. Abb. 2), wird schnell deutlich, dass es wenig Sinn macht, von "der" deutschen Promotion zu sprechen: Während die Mediziner mit dem "summa" sehr sparsam umgehen (und zwar an fast allen Fakultäten) und nur einen sehr moderaten Anstieg an summa-Promotionen zugelassen haben, zeigt sich in den Wirtschaftswissenschaften seit 2001 nicht nur ein kräftiger Anstieg der Bestnoten, sondern vor allen Dingen ein sehr bedenkliches Auseinanderdriften der Vergabepraxis an den einzelnen Universitäten. So finden sich beispielsweise für den Zeitraum 2013 bis 2015 sowohl Universitäten, die keine einzige Promotion mit summa cum laude bewerteten, als auch Universitäten, bei denen der Anteil an Promotionen mit Auszeichnung bei über 70 Prozent liegt. In der Psychologie, die ebenfalls einen sehr hohen Anteil von summa-Promotionen aufweist (die Anteile liegen über denen anderer Fächer wie Biologie, Chemie und Rechtswissenschaften), scheint sich hingegen ein vorsichtiger Trendwechsel abzuzeichnen. Im letzten Untersuchungszeitraum sinkt der Anteil der summa-Promotionen und es ist kein Anstieg der Zahl der Fakultäten mit bedenklich hohen summa-Anteilen festzustellen. In der Biologie schwankt der Anteil der summa-Promotionen weniger stark als in der Psychologie. Und im Vergleich zu früheren Jahren näherten sich die Universitäten in der Notenvergabe im letzten Berichtszeitraum einander an. Allerdings fallen nun zwei Fakultäten deutlich aus dem Rahmen.

Die Differenzen zwischen den Fächern, sowohl im Hinblick auf das Niveau als auch auf die Abweichungen der Universitäten untereinander, deuten darauf hin, dass es je nach Fachkultur und der Aktivität der standortübergreifenden Institutionen (wie z.B. den Fachgesellschaften) in sehr unterschiedlichem Maße gelingt, eine zumindest plausible Notenvergabepraxis durchzusetzen.

Forschungsstärkste Universitäten und Bestnoten-Anteile

Theoretisch wäre es durchaus denkbar, dass die forschungsintensivsten Universitäten auch die besten Doktoranden anziehen. Und umgekehrt könnten gute Doktoranden die Rankingposition verbessern, schließlich tragen die Doktoranden nicht unwesentlich zur Forschungsleistung bei. Massive Unterschiede zwischen den Universitäten wären also durchaus denkbar, wenn Doktoranden mobil wären und sich ihre Arbeitsplatzwahl an der Reputation der Fakultäten orientieren würde. Allerdings würde man dann erstens ähnliche Verteilungen in den verschiedenen Fächern erwarten. Und zweitens würde man - trotz aller Debatten um die methodische Qualität der Rankings - erwarten, dass zwischen Rankings und den Anteilen der summa-Promotionen eine positive Korrelation besteht.

Summa cum laude - Promotionsnoten in Deutschland © Forschung & Lehre Unterschiede in der Notenvergabe zwischen Hochschulen für den Zeitraum 2013 bis 2015
In Abbildung 3 sind für den Zeitraum 2013 bis 2015 für ausgewählte Universitäten die Anteile der summa- Promotionen in den Fächern Wirtschaftswissenschaften und Psychologie dargestellt. Die grün gefärbten Säulen markieren die in den QS World University Rankings 2015 platzierten Universitäten (jeweils fachspezifisch; Rangplatz in der Säule); die schwarzen Säulen markieren die Universitäten, denen eine Aufnahme in die entsprechenden Rankings nicht gelang. In den Wirtschaftswissenschaften finden sich besonders hohe Anteile an Bestnoten für die Universitäten Mannheim und Gießen: Hier wurden über 60 Prozent der Promotionen mit summa cum laude bewertet. Vergleichsweise selten wurden Bestnoten hingegen in Marburg, Heidelberg und an der Humboldt-Universität zu Berlin vergeben. Ein ähnlich uneinheitliches Bild bietet sich auch für die Psychologie. Während an der Universität Heidelberg und an der Technischen Universität Dresden knapp 40 Prozent der Promotionen mit summa cum laude bewertet wurden, wurde an den Universitäten Marburg und Nürnberg-Erlangen mit Bestnoten regelrecht gegeizt. Man kann diesen Versuch auch mit anderen Rankings durchführen, im Ergebnis zeigen sich keine Übereinstimmungen von Forschungsreputation oder internationaler Sichtbarkeit in der Forschung und den Bestnoten-Anteilen. Das wäre weniger beunruhigend, wenn die Notenverteilung im jeweiligen Fach an den verschiedenen Universitäten sehr ähnlich wäre, aber angesichts der großen Diskrepanzen liegt der Schluss nahe, dass die Notenvergabe in vielen Fächern weniger die Qualität der Promotion als die lokale Bewertungspraxis widerspiegelt.

Spekulation oder solide Daten?

Anders als bei den Studienabschlüssen ist die Zahl der jährlich abgeschlossenen Promotionen in manchen Fächern pro Universität und Zeitraum sehr klein. Um Verzerrungen in den Ergebnissen durch derartig kleine Fallzahlen zu vermeiden, wurden für unsere Analysen nur jene Fälle berücksichtigt, bei denen die Anzahl der Promotionen in einem 3-Jahreszeitraum pro Fach und Universität größer als 10 ist. Der von uns auf Basis der Promotionsnotenstatistik des Statistischen Bundesamtes erstellte Datensatz umfasst die Promotionsnoten der Jahre 2001 bis 2015 aller deutschen Hochschulen. Allerdings gab es seit der Veröffentlichung des "Informationssystems Promotionsnoten" im Jahre 2012 durch das iFQ seitens einiger Universitäten Hinweise auf Diskrepanzen zwischen den veröffentlichten amtlichen und den an den jeweiligen Universitäten verwendeten Zahlen. In den meisten Fällen sind Codier- und Übermittlungsfehler die Ursache dieser Diskrepanzen. In den Analysen wurden die Universitäten Frankfurt a.M., Hannover, Kiel, Konstanz, München, Saarbrücken und Würzburg, die Freie Universität Berlin sowie die Technischen Universitäten Darmstadt und Cottbus-Senftenberg nicht berücksichtigt, weil von diesen Universitäten Hinweise auf Abweichungen zwischen den veröffentlichten amtlichen und den an den Universitäten verwendeten Zahlen gemeldet wurden.

Was bewirken die Änderungen am Hochschulstatistikgesetz?

Die Tatsache, dass viele Universitäten offenbar Probleme haben, die Datenqualität für die Promotionsnotenstatistik des Statistischen Bundesamtes sicherzustellen, wirft auch ein Licht auf die internen Qualitätssicherungsprozesse. Bereits ein einfacher Notenspiegel, den man mit bundesweiten Ergebnissen im Fach oder ausgewählten Universitäten vergleicht, wäre ein wichtiger Schritt, um kontrollieren zu können, ob die Einhaltung der fachlichen Standards gewährleistet ist oder lokale Idiosynkrasien die Promotionsnotenvergabe prägen.

Die im vergangenen Jahr beschlossenen Änderungen am Hochschulstatistikgesetz wurden ausdrücklich mit einer Verbesserung der Qualitätssicherung der Hochschulbildung begründet. In der Tat werden zukünftig nicht nur Daten über abgeschlossene Promotionen (und die Noten) erhoben, sondern auch Daten zu den Promovierenden, zur Art der Promotion, zum Promotionsbeginn und der Beendigung des Promotionsverfahrens, zur Teilnahme an einem strukturierten Promotionsprogramm und zum Beschäftigungsverhältnis an der Hochschule. Man kann nur hoffen, dass diese umfangreiche Datenbasis von besserer Qualität sein wird als die bisherigen Informationen, vor allen Dingen aber, dass sich die Fachgesellschaften mehr für die Durchsetzung fachlicher Standards engagieren werden. Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) berichtet z.B. auf ihrer Webseite regelmäßig sehr ausführlich über Studium, Promotion und Karriereaussichten einschließlich einer Kommentierung der Differenzen in der Notengebung bei den Promotionen. Eine Beobachtung der Notenvergabe auch durch andere Fachgesellschaften wäre vermutlich hilfreich, um ggf. geeignete Maßnahmen (etwa Sondergutachten, Trennung von Betreuung und Bewertung, stärkere Einbeziehung externer Gutachter usw.) zur Eindämmung der Noteninflation ergreifen zu können.

Einhaltung von Fachstandards?

Betrachtet man die Gesamtentwicklung der Promotionsnotenvergabe zwischen 2001 und 2015, scheint sich die Vergabepraxis in Richtung der Standards zu entwickeln, die zu Beginn des Jahrtausends galten. Das ist allerdings kein Grund zur Beruhigung. Nach wie vor ist in vielen Fächern die Notenverteilung an den verschiedenen Universitäten im selben Fach so unterschiedlich, dass es schwer fällt, an die Einhaltung von Fachstandards zu glauben. Und in manchen Fächern (wie etwa den Wirtschaftswissenschaften) ist der Anteil der summa-Promotionen so hoch, dass das Prädikat jeden Aussagewert verliert.


Über die Autoren
Professor Stefan Hornbostel ist Leiter der Abteilung Forschungssystem und Wissenschaftsdynamik des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

Dr. David Johann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Forschungssystem und Wissenschaftsdynamik am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2017