Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Universitätskarriere oder Kinder?

VON ROSEMARIE NAVE-HERZ

Die hohe Kinderlosenquote in Deutschland im Allgemeinen und in der Wissenschaft im Besonderen ist zum Gegenstand breiter Diskussionen geworden. In der Hauptsache werden strukturelle Veränderungen gefordert wie Kinderbetreuung, flexiblere Arbeitszeiten etc. Doch auch normative, tradierte Einstellungen wirken fort und erklären, warum gerade in Deutschland Karriere und Kind(er) nicht unbedingt dem "Normalitätsmuster" entsprechen.

Universitätskarriere oder Kinder?© lassedesignen - Fotolia.comImmer weniger Professoren haben Kinder
Es ist allgemein bekannt, dass Deutschland einer der Staaten mit der niedrigsten Geburtenrate und der höchsten Kinderlosenquote ist. 22 Prozent der Frauen bleiben gegenwärtig - wie die amtliche Statistik zeigt - Zeit ihres Lebens kinderlos.

Besonders hoch ist in der Bundesrepublik der Anteil von Kinderlosen unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs und noch stärker unter der Professorenschaft: Von allen Professorinnen an den deutschen Universitäten und Fachhochschulen sind 45 Prozent kinderlos. Und wie hoch ist der Kinderlosen-Anteil unter den männlichen Professoren?

Hierüber schweigt die amtliche Statistik. Im Mikrozensus wird nur den Frauen die Frage nach ihrer Kinderzahl und damit nach ihrer Kinderlosigkeit gestellt. Warum eigentlich nur ihnen?

Befragt man nur die Frauen, kann der Eindruck entstehen, dass im Hochschulbereich insbesondere die Frauen kinderlos wären. Das scheint aber keineswegs der Fall zu sein. In einer für Gesamtdeutschland nicht repräsentativen Untersuchung (sie bezieht sich nur auf acht Bundesländer), zeigt sich zwar eine Differenz zwischen den Anteilen von kinderlosen Professoren und Professorinnen.

Aber auch der Anteil der erfassten kinderlosen Professoren ist in diesen acht Bundesländern hoch, nämlich 34 Prozent! - Er hat sogar stark zugenommen, und zwar von 19 Prozent im Jahr 1991 auf nunmehr 34 Prozent.

Vor allem im universitären Mittelbau, der ersten Stufe im Verlauf der wissenschaftlichen Karriere, ist die Kinderlosenquote sehr hoch und zwischen Frauen und Männern fast gleich: 74 Prozent zu 71 Prozent. Während dieser Altersphase wird im Übrigen in anderen Berufszweigen gerade die Familienphase geplant und letztlich begründet.

Humangenetiker könnten aus der hohen Quote von Kinderlosigkeit in der Professorenschaft evtl. düstere Prognosen für die Zukunft der Gesellschaft ableiten. Überspitzt formuliert der Soziologe Burkhart: "Es ist denkbar, dass die zukünftige Generation der Führungselite ... von der Reproduktionsaufgabe entlastet wird ... Noch wird es nicht offen ausgesprochen, aber vielleicht entzündet sich bald eine Debatte darüber, was es bedeuten würde, wenn die Besten keine Kinder mehr bekämen".

Wie auch immer man diesen Sachverhalt beurteilen mag, es stellt sich die Frage, warum speziell Professorinnen in diesem hohen Maß kinderlos bleiben.

Diese Frage möchte ich zunächst dadurch beantworten, dass ich die verursachenden Bedingungen für die fehlende Familiengründung beim wissenschaftlichen Nachwuchs aufzeige.

Ursachen der Kinderlosigkeit

Als verursachende Bedingung von Kinderlosigkeit wird häufig in den Medien der fehlende Kinderwunsch genannt. Dem aber widersprechen alle bisherigen soziologischen und psychologischen Untersuchungen.

Diese zeigen, dass in Deutschland der Kinderwunsch auf der subjektiven Ebene der Lebensplanung von Frauen und Männern seinen hohen Stellenwert im Zeitvergleich kaum eingebüßt hat. Zwar belegen diese Erhebungen bei jungen Erwachsenen eine gestiegene Skepsis gegenüber der Ehe; der Wunsch nach späteren Kindern wird aber weiterhin bejaht.

Die bei uns gegebene Kinderlosigkeit resultiert also nur zu einem sehr geringen Teil aus einem fehlenden Kinderwunsch, aus einer bewussten Entscheidung für ein Leben ohne Kinder. Das gilt auch - nach einer Studie von Metz-Göckel und Lind - für die Frauen im Wissenschaftsbereich. Die Autorinnen schreiben aufgrund ihrer Daten: "Für die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählen Kinder fest zum Lebensentwurf. Das gilt auch für die große Zahl der Kinderlosen." - Warum bleiben dann aber viele von ihnen kinderlos?

In mehreren Untersuchungen wird vor allem als Grund der gewachsene Umfang befristeter Beschäftigungsverhältnisse im Hochschulbereich und damit die - im Vergleich zu früher - deutlich gestiegene Unsicherheit der beruflichen und ökonomischen Zukunft genannt.

Das ist verständlich. Denn bei uns gilt - wie Kaufmann gezeigt hat - das Postulat der verantworteten Elternschaft, d.h. "dass man nur dann Kinder in die Welt setzen sollte, wenn man für diese selbst zu sorgen (ökonomisch und psychologisch) in der Lage ist". Das ist im Übrigen ein Relikt aus der vorindustriellen Zeit. Potenzielle Eltern mussten im Besitze einer "Vollstelle" sein.

Kinderlosigkeit ist keine Erfindung der Neuzeit oder der Moderne. So wurde z.B. im ganzen vorindustriellen West- und Mitteleuropa durch zeitlich und regional unterschiedlich erlassene Heiratsverbote Kinderlosigkeit erzwungen. Diese Gesetze sollten einer Übervölkerung vorbeugen; und so durften alle Besitzlosen, alle Knechte, Gesellen, Mägde usw. keine Ehe eingehen und keine Familie gründen. Nur denjenigen, die durch eine Berufsposition in der Lage waren, eine Familie zu ernähren, also nur Inhaber einer "Vollstelle" - wie es hieß - war eine Eheschließung und damit eine Familiengründung erlaubt.

Diese damals durch äußeren Zwang auferlegten Verhaltensweisen, erst bei ökonomischer Absicherung eine Familie zu gründen, wirken also bis heute, nunmehr als internalisierte Norm, weiter. 85 Prozent aller 18- bis 44-Jährigen sind nach einer repräsentativen Umfrage der Auffassung, dass eine Familiengründung erst nach einem gesicherten Berufseinstieg erfolgen sollte. Diesen Grundsatz haben sich viele junge Frauen zu eigen gemacht. Das neue Unterhaltsgesetz zwingt sie nach Ehescheidung im Übrigen dazu, für ihre ökonomische Selbstständigkeit zu sorgen.

Neben der ökonomischen und beruflichen Unsicherheit gelten als Hauptgründe für die hohe Quote von Kinderlosigkeit unter den Nachwuchswissenschaftlerinnen im Vergleich zu den übrigen Frauen ihrer Altersjahrgänge die allseits bekannte Vereinbarkeitsproblematik zwischen Beruf und Familie, aber auch der Erfolgs- und Konkurrenzdruck, die nicht festgelegten Arbeitszeiten durch abendliche Sitzungen, Tagungen, Kongresse sowie die mit dem Karriereaufstieg geforderten Auslandsaufenthalte und Ähnliches mehr.

Messbare Erfolge?

Schon vor einigen Jahren wurden diese Hinderungsgründe für die Vereinbarkeit von Wissenschaftskarriere und Familiengründung gerade für die wissenschaftlich engagierten Frauen von der Politik und den Wissenschaftsorganisationen erkannt, vor allem auch von der DFG und dem Wissenschaftsrat.

Inzwischen sind zahlreiche Initiativen zur Entwicklung einer familienfreundlichen Hochschule eingeleitet worden, auf die ich hier im Einzelnen nicht eingehen kann. Dennoch heißt es im "Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs" von 2013: "Trotz zahlreicher Förderprogramme und messbarer Erfolge für Wissenschaftlerinnen sind immer noch deutliche Geschlechterdifferenzen im wissenschaftlichen Qualifizierungs- und Karriereverlauf zu erkennen".

Zuvor hatte bereits die Bundesregierung in der öffentlichen Debatte im Bundestag zum Thema "Frauen in Wissenschaft und Forschung" zugegeben, dass trotz des umfangreichen Maßnahmenpakets die "erzielten Fortschritte maßgeblich hinter den Vorstellungen zurückgeblieben" sind. Das liegt zwar zum Teil an der noch vielfach fehlenden Einlösung der Vorschläge und Forderungen durch die Universitäten.

Aber in allen Fördermaßnahmen, die die Erfüllung des Kinderwunsches bei Frauen während der Universitätskarriere erleichtern sollen, werden nur strukturelle Veränderungen aufgeführt (wie Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten, zeitlich längere und mehr unbefristete Arbeitsverträge usw.). Doch die strukturellen Zwänge sind nicht die alleinige Ursache für die ausbleibende Familiengründung.

Demzufolge können hier Neuerungen allein keine gravierenden Veränderungen bewirken. Es sind auch immaterielle und subjektive Faktoren, die den Entscheidungsprozess zur Erfüllung des vorhandenen Kinderwunsches erschweren, wie z.B. historisch bedingte Leitbilder, das Timing mit einem entsprechenden Partner oder auch Partnerwahlprobleme. Vor allem aber die bei uns noch wirksamen typifizierten Erwartungen an die Mutterrolle haben nichts an normativer Kraft eingebüßt: Über 70 Prozent vor allem der westdeutschen Bevölkerung lehnen in einer aktuellen Erhebung die Erwerbsarbeit von Müttern mit Kleinstkindern ab.

Veränderte Normalitätsmuster erforderlich

Das Wissen um diese Einstellung belastet insbesondere stark berufsorientierte Frauen. Empirisch belegt ist, dass gerade bei Wissenschaftlerinnen eine hohe intrinsische Berufsmotivation gegeben ist.

Wie wir selbst in mehreren Untersuchungen festgestellt haben - und deren Ergebnisse in einem gerade abgeschlossenen Forschungsprojekt, durchgeführt vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, erneut bestätigt wurden - führen diese nicht zu vereinbarenden Wertorientierungen (die hohe intrinsische Berufsorientierung bei gleichzeitigem Kinderwunsch, gekoppelt mit einem traditionellen Mutterideal) zu irrationalen Entscheidungskonflikten und bewirken immer wieder, dass die Erfüllung des Kinderwunsches aufgeschoben wird, bis es auf einmal zu spät ist und die Frauen der Entscheidung durch den biologischen Ablauf enthoben sind.

Diese Forschungsergebnisse werden unter kulturvergleichender Perspektive bestätigt: So kennen z.B. Frankreich und Schweden diese hohe Kinderlosigkeit auch unter den Professorinnen nicht, weil in diesen Staaten erwerbstätige Mütter von Kleinstkindern eine Selbstverständlichkeit darstellen und einem "Normalitätsmuster" entsprechen. Allerdings - das muss gleichzeitig betont werden - stehen hier längst für den Wissenschaftsbetrieb passende Infrastruktureinrichtungen, z.B. für Kleinstkinderbetreuung, zur Verfügung.

Auch wenn in Deutschland unter den Nachwuchswissenschaftlerinnen sich manche von dem traditionellen Familienbild und der traditionellen Mutterrollenkonzeption gelöst haben, wissen sie sehr wohl um diese gesellschaftlichen Erwartungen an sie; sie sind - wie Kudera formuliert - "in den Köpfen der diesem System zugehörigen Personen verankert". Denn reale Macht und tradierte Strukturen werden vor allem auch durch Ideologien aufrechterhalten.

So erfahren manche Wissenschaftlerinnen in ihrem Alltag, dass im Universitätssystem weiterhin bei vielen Kollegen und Kolleginnen Mutterschaft mit Skepsis betrachtet wird, was ihre Entscheidung zum Kind beeinflusst. Hinzu kommt, dass die Leistungserwartungen an die Elternschaft zeitgeschichtlich generell stark angestiegen sind und man im öffentlichen Raum fast nur noch von der Belastung durch Kinder spricht (der ökonomischen sowie psychologischen), kaum noch vom persönlichen Gewinn durch Kinder, der Freude an Kindern.

Strukturelle und normative Veränderungen

Es sind also strukturelle und normative Veränderungen notwendig, soll die Vereinbarkeit von Familiengründung und Universitätskarriere erleichtert werden.

Nur bei gleichzeitiger Veränderung beider Dimensionen, der Strukturen und kulturellen Normen, werden die von den Wissenschaftsorganisationen geforderten Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf greifen und von den Wissenschaftlerinnen auch in stärkerem Maße in Anspruch genommen werden.

Ansonsten wird weiterhin die Entscheidung zum Aufschieben des Kinderwunsches gewählt, mit der Folge der späten Mutterschaft und dem Risiko der Kinderlosigkeit. Die Fortschritte der Reproduktionsmedizin, ihre vielen neuen Techniken (In-Vitro-Fertilisation, Egg-Freezing usw.) könnten evtl. sogar die Tendenz zur Aufschiebung des Kinderwunsches verstärken.

Oder aber die Frauen werden weiterhin den so starr strukturierten Karriereweg an den Hochschulen trotz intrinsischer Berufsmotivation meiden, was einen volkswirtschaftlich unersetzbaren Verlust bedeutet. Der "Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs" von 2013 belegt, dass gegenwärtig mehr Frauen als Männer nach der Professor die Universität verlassen. Die konkreten Gründe für den Ausstieg wurden empirisch leider bisher nicht erfasst.

Zu den normativen Veränderungen gehört - last but not least -, dem wissenschaftlichen Nachwuchs Mut zur Einlösung seines Kinderwunsches zu machen. Elternschaft sollte im Universitätsbetrieb anerkannt werden. Wenn heute noch 45 Prozent der Professorinnen kinderlos sind, dann heißt das umgekehrt, dass immerhin 55 Prozent trotz Universitätskarriere nicht auf Kinder verzichtet haben, und das noch unter erschwerten Bedingungen.

Es ist also ein Mythos, dass beides, Karriere und Familie, für Frauen nicht möglich ist. Sie sollten sich den Aufstieg nur nicht so schwer - vor allem gegen tradierte Normen und hierdurch mit psychischer Belastung - erkämpfen müssen.

Es kommt ferner neben den bisher genannten Förderungsmaßnahmen sehr stark darauf an, wie die Nachwuchswissenschaftler die Einstellung zur Elternschaft ihrer - sie fördernden - Hochschullehrerschaft antizipieren. Evtl. sollten die Leistungs- und Bewerbungskriterien diesbezüglich neu überdacht werden. Vielleicht sollte man auch überlegen, nicht nur die Institution Universität als Ganzes in Bezug auf ihre Familienfreundlichkeit zu evaluieren, sondern jeweils die einzelnen Arbeitseinheiten bzw. Arbeitsgruppen.

Professorinnen mit Kindern beweisen, dass Hochschulkarriere und Familie möglich sind, nur dass dieser Lebensstil in Deutschland noch nicht zum "Normalitätsmuster" geworden ist. Deshalb behalten die bisher genannten Initiativen zur Förderung von Elternschaft in wissenschaftlichen Karrieren zwar ihre Bedeutung. Sie müssen jedoch grundsätzlicher als bisher die kulturell normativen Dimensionen in ihren Kalkülen beachten. Elternschaft ist nun einmal ein durch Kultur und gesellschaftliche Normen zutiefst geprägtes Phänomen.


Über die Autorin
Rosemarie Nave-Herz ist emeritierte Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Familie, Jugend und Freizeit an der Universität Oldenburg.

Aus Forschung & Lehre :: September 2014

Ausgewählte Stellenangebote