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Berufungsverfahren an der TU München: "Der Wettbewerb wartet nicht"

Die Exzellenzuniversität TU München gilt als stark wettbewerbsorientiert. Das zeigt sich auch in den Berufungsverfahren. Wie intensiv ist der Präsident in die einzelnen Berufungsverfahren involviert? Was sind die entscheidenden Incentives, wenn es auf die Zielgerade einer Berufungsverhandlung geht? Müssen Professoren im Falle eines vorzeitigen Ausscheidens eine "Ablösesumme" zahlen? Fragen an den Präsidenten.

Berufungsverfahren an der TU München: "Der Wettbewerb wartet nicht"© Andreas Heddergott - TU MuenchenWie laufen die Berufungsverfahren an der TU München ab?
Forschung & Lehre: 1988 und 1993 haben Sie Rufe an die ETH Zürich abgelehnt. Waren es "harte" oder "weiche" Faktoren, die damals den Ausschlag für Ihre Ablehnung gaben?

Wolfgang A. Herrmann: Beim ersten Ruf nach Zürich war ich erst relativ kurz als Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Nobelpreisträger Ernst Otto Fischer, meinem akademischen Lehrer. Ich hatte gerade begonnen, das Profil des Instituts hin zur Katalyseforschung zu orientieren - mitten im Strom wechselt man die Pferde nicht. 1993 war es schon schwieriger. Da hatte ich die Option als Forschungsleiter bei der Hoechst AG ausgeschlagen, weil die Forschung in München toll lief. Die Arbeitsbedingungen an der TU München waren optimal, meine Industrieverbindungen eng - was wollte ich mehr? Außerdem waren vier unserer fünf Kinder noch im Schulalter, da ist ein Wechsel nicht so einfach. Die Entscheidung war richtig.

F&L: Was haben Sie mitgenommen aus diesen beiden Verfahren bei Ihrem Wechsel auf die andere Seite des Verhandlungstisches?

Wolfgang A. Herrmann: Der Umgang mit mir hat später mein eigenes Verhalten als Präsident stark geprägt: Berufungsverfahren sind Chefsache, kein Verwaltungsakt. Persönliche Nähe zu unseren künftigen Kollegen, von Anfang an, Interesse an ihrer Persönlichkeit, ihren Berufs- und Lebensplanungen - das muss ein guter Hochschulpräsident verinnerlicht haben.

F&L: Wie begleiten Sie das Berufungsverfahren? Sind Sie beim "Vorsingen" dabei? Oder führen Sie nur das entscheidende Gespräch am Ende?

Wolfgang A. Herrmann: Jeder einzelne Berufungsfall, ob der erste Ruf auf eine Juniorprofessur oder die Gewinnung einer Koryphäe, geht bei uns an das Präsidium. Da kommt es auch vor, dass ein Vorschlag zurückgewiesen wird, wenn das Qualifikationsspektrum lückenhaft ist. Nicht selten werden zusätzliche internationale Gutachten eingeholt, bevor ich letztendlich entscheide. Beim "Vorsingen", nein, da bin ich nicht dabei: erstens, weil der Berufungsausschuss völlig frei und unbeeinflusst handeln soll, und - zweitens - weil ich mir das bei 50 bis 60 (erfolgreichen) Berufungen jährlich zeitlich gar nicht leisten kann. Die Berufungsbegleitung obliegt meinem Referentenstab, bei mindestens einem persönlichen Gespräch bin ich dabei, und auch die Urkunde gibt es von mir persönlich.

F&L: Wie beurteilen Sie die fachliche Qualifikation eines Bewerbers?

Wolfgang A. Herrmann: Der entscheidende Schritt ist die Besetzung der Berufungskommission. Hier wirke ich aktiv mit dem Dekan der federführenden Fakultät zusammen, und oft bringe ich dazu konkrete Vorschläge ein. Dann aber muss man auf die Kommissionsarbeit vertrauen. Es gibt Richtlinienvorgaben, wie z.B. zur Internationalität und Gleichstellung. Wenn zum Beispiel keine Frau in dem Berufungsvorschlag erscheint, geht das Präsidium ins Detail. Nicht von ungefähr haben wir als Technische Universität den Anteil von Professorinnen in meiner Amtszeit vervielfacht: 3 (1995) - 30 (2005) - 70 (2011).

F&L: Wie häufig sind Fälle von Berufungsverfahren ohne Ausschreibung?

Wolfgang A. Herrmann: Wenn eine nach Qualifikation und fachlicher Stimmigkeit konkurrenzlose Persönlichkeit gewinnbar erscheint, dann sind wir zur Stelle. Der Wettbewerb wartet nicht. Die "Leuchtturmberufungen" sind zuerst an Preisträger gebunden (z.B. unsere drei Humboldt-Professuren, Leibniz-Preisträger, Inhaber von ERC-Grants), aber sie nehmen zu. Aufwändig! Aber zur Belohnung gibt es eben Spitzenkräfte.

F&L: Wie häufig sind Fälle des "proaktiven Recruitings"?

Wolfgang A. Herrmann: Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft nutzt diesen Weg, den sie als Harnack-Prinzip beschreibt, seit 100 Jahren: eine außergewöhnliche Person deckt ein neues Feld ab, und um diese Person wird eine Abteilung oder ein Institut gebaut. In einigen Fällen gehen wir genauso vor. Ob bei der Materialforschung mit Carbon Composites oder in der Elektrochemie: diese Felder fehlten an der TUM, für uns sind sie aber wichtige Bausteine. Da haben wir rasch und beherzt gehandelt.

F&L: Was sind die entscheidenden Incentives, wenn es auf die Zielgerade eines Berufungsverfahrens geht?

Wolfgang A. Herrmann: Nicht mehr das persönliche Gehalt. Es geht eher um das persönlich-familiäre Lebensumfeld in der Region München: da ist das Munich Dual Career Office aktiv, das wir im Rahmen der Exzellenzinitiative aufgebaut haben, unendlich wertvoll! Wenn die Zweifel eher mit der Scheu vor dem Ortswechsel verbunden sind, lade ich in die "Osteria" ein. Dort wurde schon vieles geregelt.

F&L: Haben Sie schon einmal einen Wissenschaftler berufen, der exzellent in der Lehre, aber nur mittelprächtig in der Forschung war?

Wolfgang A. Herrmann: Nein, am Anfang müssen das Forschungsprogramm und die Forschungsleistung stimmen, kein Pardon. Klar, dass das Engagement in der Ausbildung ausgeprägt und möglichst auch nachgewiesen sein muss. Wenn sich zwischendurch der Arbeitsschwerpunkt bewusst auf die Lehre verlagert, ist das nicht nur begrüßenswert, sondern bringt oft die besten Leistungen hervor. Die TUM hat soeben das "Freisemester Lehre" eingeführt - Lehre im Fokus.

F&L: Wie häufig misslingt es, den Erstplazierten zu gewinnen? Analysieren Sie die Gründe?

Wolfgang A. Herrmann: Es kommt nicht oft vor, aber es passiert. Meist sind es dann persönliche Gründe, wie Beruf des Partners, Immobilien oder ähnliches. Fachliche Gründe gab es kaum.

F&L: Verpflichten Sie die von Ihnen berufenen Professoren, im Falle eines vorzeitigen Ausscheidens eine "Ablösesumme" zu zahlen?

Wolfgang A. Herrmann: Der Fall ist zwar selten, kann aber zum Problem werden: Wir kaufen Geräte, wir bauen Gebäude um, und vieles andere mehr, und die frühere Halteperiode von drei Jahren gilt nicht mehr. Das geht dann zu Lasten der gesamten Universität und schmälert die Chancen bei einer unmittelbaren Nachfolgeberufung. Deswegen fügen wir in unsere Verträge jetzt eine Rückzahlungsklausel ein.

F&L: Sind Sie als Hochschul-Präsident mit den Ihnen gewährten Kompetenzen zufrieden, oder wünschen Sie sich bei Berufungsverfahren mehr Gestaltungsspielraum?

Wolfgang A. Herrmann: Kompetenzen muss man als Führungskraft auch wahrnehmen, dann reichen sie meist aus! Der Gestaltungsraum bei der Besoldung unserer Kollegiumsmitglieder ist ebenfalls ausreichend - nur das finanzielle Gesamtvolumen stimmt nicht.

F&L: Was unterscheidet das Rekrutierungsgeschäft der TU München von dem des FC Bayern München?

Wolfgang A. Herrmann: Ich sehe mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: Spitzenkräfte für die Champions League zu gewinnen, Veränderungsbereitschaft in der Aufstellung, wo notwendig (oft ist der Libero gefragt), ausgewogene Mischung aus alt und jung, Chancen für die Begabten.

F&L: Sie sind seit 1995 Präsident der TU München. Was sind die wesentlichsten Veränderungen der Berufungspraxis in dieser Zeit?

Wolfgang A. Herrmann: Wir haben mehr Flexibilität und Gestaltungsraum. Unsere Wettbewerbsfähigkeit auch gegenüber renommierten Auslandsadressen ist gestiegen - die Humboldt-Professuren und zahlreiche erfolgreiche Rufabwendungen der TUM zeigen das. Leider hat man im Leben immer zu wenig Geld...

Aus Forschung und Lehre :: September 2011

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