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Grüne Gentechnik setzt auf industrielle Landwirtschaft

von Angelika Hilbeck

Die Einschätzung, dass grüne Gentechnik hilft, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, und zum Aufbau einer nachhaltigen und ökologischen Landwirtschaft beiträgt, beurteilt Angelika Hilbeck skeptisch.

Grüne Gentechnik setzt auf industrielle Landwirtschaft© LeitnerR - Fotolia.comDie Entwicklung der Gentechnik wirkt sich sowohl auf Kleinbauern als auch auf die Umwelt negativ aus
Die langfristige Ernährungssicherung der Weltbevölkerung ist eine vielschichtige Aufgabe, die nur durch integrierte Lösungsansätze zu bewältigen sein wird. Technologien müssen außer naturwissenschaftlich-technischen Aspekten auch sozio-ökonomische, juristische, politische und kulturelle Dimensionen berücksichtigen. Das Scheitern bisheriger Ansätze beschrieb der Internationale Agrarbericht (IAASTD) im Jahr 2008. 400 Wissenschaftler hatten den Bericht verfasst; er wurde von 60 Ländern verabschiedet.

Die Diskussion um die grüne Gentechnik in der Landwirtschaft ist eingebettet in den Diskurs um einen Paradigmenwechsel.

Das Produktivitätsparadigma setzt wie bisher auf Steigerung der Produktivität, also Ertragsintensivierung je Flächeneinheit durch noch präziserer Hightech-Methoden. Dabei bleibt die industrielle Landwirtschaft aber ansonsten auf die eine Funktion reduziert, die man ihr in den letzten Dekaden gegeben hat, nämlich die Rohstoffextraktion für angeschlossene offene, lineare industrielle Wertschöpfungsketten. Der geringste Anteil dieser Agrarrohstoffe geht in die Herstellung von Lebensmitteln, der überwiegende in die von Tierprodukten und ein wachsender Anteil in die Energiegewinnung. Diese Entwicklung erwies sich für Kleinbauern als verhängnisvoll und hat auch für die Umwelt dramatische Folgen, die nicht in die ökonomischen Bilanzen einfließen. Der dramatische Artenverlust der letzten Jahrzehnte, die Rückstandsprobleme und die Degradation der Böden sprechen für sich.

Das Suffizienzparadigma, im Mai 2011 vorgestellt vom Ständigen Ausschuss für Agrarforschung (SCAR) der Europäischen Kommission, sieht dagegen vor, landwirtschaftliche Nutzsysteme zu entwickeln, die unter Ressourcenlimitation funktionieren. Landwirtschaft unter einem solchen Paradigma muss auf zyklische statt lineare Prozesse aufbauen und Umweltkosten integrieren. Zur Hungerbekämpfung schlägt der IAASTD dezentralisierte Versorgungssysteme und eine multifunktionelle Landwirtschaft vor, die sowohl Nahrungsmittel als auch Güter des täglichen Bedarfs liefern.

Die kommerzielle grüne Gentechnik bringt bis heute fast ausschließlich Produkte hervor, die ein intensives industriell geprägtes landwirtschaftliches Management voraussetzen und auf profitable Massenmärkte zielen, auch wenn sie als Nebenanwendung für den Einsatz von Kleinbauern beworben werden. Seit 16 Jahren sind knapp zwei Drittel aller kommerziell angebauten gentechnisch veränderten Pflanzenarten (im Wesentlichen Soja, Mais, Raps und Baumwolle) resistent gegen ein oder mehrere Totalherbizide, oder produzieren eingebaute Insektizide, die sie resistent gegen bestimmte Schadinsekten machen (zirka 15 Prozent). Etwa 20 Prozent (Tendenz steigend) verfügen über beide Eigenschaftsveränderungen. Insbesondere insektenresistente Pflanzen sollen so helfen, den Spritzmittelverbrauch zu senken. Doch die Insektizidproduktion wurde nur in die Pflanze verlegt. Damit wird dieses Insektizid nicht mehr den chemisch synthetischen Insektiziden zugerechnet, auch wenn ihr Einsatz derselben Logik folgt.

Der IAASTD erkennt an, dass Biotechnologien einen Beitrag leisten können, solange sie einen problemorientierten Ansatz verfolgen und die Prioritäten auf standortgerechte Lösungen legen. Welchen Beitrag die grüne Gentechnik liefern kann, wird sich aber erst zeigen, wenn der Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft vollzogen ist. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, den Food Crash abzuwenden.


Über den Autor
Angelika Hilbeck hat über Insektenökologie und biologische Schädlingsbekämpfung promoviert. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie als Senior Researcher an der ETH Zürich und untersucht, wie sich gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Umwelt auswirken. Sie war Mitautorin des IAASTD.


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Juni 2012

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