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Burn-out in der Wissenschaft

Von Felix Grigat

Die Universität ist nicht mehr das, was sie einmal war. Aber was ist aus ihr geworden? Was ist übrig geblieben von der Idee eines Ortes der produktiven und humanen Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, was von der akademischen Freiheit? Wie geht es den Menschen in der Institution Universität? Schlaglichter.

Erschöpft und ausgebrannt© diego cervo - iStockphoto.comHat der Burn-out auch die Universität erreicht?
An einem Donnerstagnachmittag im Sommersemester vor zwei Jahren bin ich aus der Fakultätsratssitzung geflohen. Ich habe mitten in meinem Vortrag abgebrochen und bin davongelaufen. Vor den Kollegen, die mich erwartungsvoll ansahen - und vor dem Druck, den ich mir selbst gemacht hatte." So beginnt die Selbstoffenbarung eines anonymen Hochschullehrers, die vor über einem Jahr in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlicht wurde. Die Panikattacke sei plötzlich gekommen; überraschend kam sie nicht. Es sei ihm klar, dass es vorher viele Warnsignale gegeben habe, die er heruntergespielt habe.

Er hatte eine Professur auf Probe an einer großen Universität. Wenn ihn Freunde fragten, wie es ihm mit dem neuen Job gehe, habe er geantwortet, dass er sich nicht vorstellen könne, diese Belastung ein Leben lang auszuhalten. Und dann habe er gelacht, haha, natürlich sei das nur ironisch gemeint! Mit Anfang 30 schon Professor, das sei doch eine erfolgreiche Laufbahn, davon träumten viele. Er habe es geschafft, da dürfe er sich doch nicht beklagen! Wenigen habe er von seinen Ängsten erzählt, von seinen schlaflosen Nächten, in denen er um vier Uhr schon einmal seine E-Mails lese - er sei ja eh wach. Was, wenn die Professur nicht entfristet werde, fragte er sich in diesen Nächten. Wenn irgendwann herauskomme, dass er gar nichts könne? Ein Ruf an eine andere Universität, den er bekam, hätte ihn beruhigen können - die Zukunft war gesichert. Stattdessen aber sah er neue Konflikte.

Freier Zwang

Der Anonymus beschreibt sich selbst als ein Leistungssubjekt, das zwar Herr und Souverän seiner selbst ist und damit niemandem bzw. nur sich selbst unterworfen. Er ist nicht in ein Disziplinar- und Herrschaftssystem eingespannt, das per se nur mit Gehorsam funktioniert. Der Wegfall der Herrschaftsinstanz führt aber, so sieht es der Karlsruher Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han, nicht zur Freiheit. Freiheit und Zwang fielen vielmehr zusammen. So überlasse sich das Leistungssubjekt der zwingenden Freiheit oder dem freien Zwang zur Maximierung der Leistung. Der Exzess der Arbeit und Leistung verschärfe sich zu einer Selbstausbeutung. Diese sei effizienter als die Fremdausbeutung, weil sie mit dem Gefühl der Freiheit einhergehe. Die psychischen Erkrankungen der Leistungsgesellschaft seien gerade die pathologischen Manifestationen dieser paradoxen Freiheit.

So kann man es auf den Punkt bringen. Empirisch erhobene Daten über Burn-out bei Hochschullehrern und dem wissenschaftlichen Nachwuchs gibt es nicht. Wohl einzelne Berichte, versteckte Bemerkungen in Gesprächen und natürlich will man anonym bleiben. So wird der Hochschullehrer, der sich in einer Bildungsinstitution als Person von wissenschaftlich strebendem Menschen zu Gleichgesinnten präsentieren will, in Verkehrung des personalen Verhältnisses zu einem "Anonymus".

Eine Institution im Kampf

Der Verdacht liegt nahe, dass dies weniger mit den einzelnen Personen als mit der Organisation zu tun hat. Hat der Burn-out auch die Universität erreicht? Ist die Universität zu einer "ausgebrannten Institution" geworden? Ein Indiz dafür ist eine Passage im Jahresgutachten 2011 des Aktionsrats Bildung: "Die deutlichen Reformfortschritte des Hochschulbereichs wurden im Wesentlichen kostenneutral durchgeführt und ausschließlich durch die erhöhte Arbeits- und Einsatzbereitschaft des wissenschaftlichen Personals durchgeführt. Dieses Personal weist jedoch inzwischen erhebliche Burn-out-Symptomatiken auf. Die durch kontinuierlichen Evaluationssdruck und Wettbewerbskämpfe um Forschungsmittel erforderlich gewordenen Anstrengungen haben ihre Grenze erreicht. Lehrende wie Studierende der Universitäten beklagen eine Veränderung der akademischen Institution - weg vom Ziel der Bildung durch Wissenschaft hin zum Ziel einer Berufsbildung -, die sich strukturell von einer praktischen Ausbildungsinstitution kaum mehr unterscheidet." (kursiv nicht im Original)

Der Bildungsrat zeichnet hier das Bild einer Institution, die sich in dauerndem Kampf befindet. In Anlehnung an Byung-Chul Han könnte man eine so wahrgenommene Universität als eine autistische Leistungsmaschine beschreiben. Diese sei gekennzeichnet durch ein Zuviel des Gleichen, ein Übermaß an Positivität, durch Überproduktion, Überleistung und Überkommunikation. Daraus folgten Erschöpfung, Ermüdung und Erstickung angesichts des Zuviel. Die Gewalt sei so dem System selbst immanent, es gehe um das Können, nicht mehr um das Sollen, das aus der Disziplinierung herrühre. Dem Menschen, der dem Übermaß an Positivität wehrlos ausgeliefert sei, fehle jede Souveränität. Es sei dann der depressive Mensch ein animal laborans, das sich selbst ausbeute, "und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge". Er sei Täter und Opfer zugleich. Die Depression breche in dem Moment aus, in dem das Leistungssubjekt nicht mehr können könne. "Die Klage des depressiven Individuums Nichts ist möglich ist nur in einer Gesellschaft möglich, die glaubt, Nichts ist unmöglich."

Der Gott der neuen Zeit

"Nichts ist unmöglich" ist aber ein Motto der Moderne, ist "der Gott der neuen Zeit", wie es Goethe in seinem Aufsatz "Shakespeare und kein Ende" sagt. Modern sei ein solches Wollen, das zwangsläufig über die Kräfte eines Individuums hinausgehe. Dagegen wollten die Helden des dichterischen Altertums, nur das, "was Menschen möglich sei": "... und daher entspringe das schöne Gleichgewicht zwischen Wollen, Sollen und Vollbringen." Dieses Gleichgewicht aber ist in dem, was heute mit Burn-out beschrieben wird, aus den Fugen - bei dem Einzelnen und in der Gesellschaft. Eindrücklich beschreibt Goethe in den Wahlverwandtschaften die Welt der Projekte- und Reformmacher, die der bloßen Zweckrationalität huldigen, die rastlos umgestalten und unbedingt das Neue wollen. Alles, ohne Ausnahme, solle beschleunigt werden.

Goethe zeigt damit bereits etwas von dem, was unsere Gegenwart, Gesellschaft, Wirtschaft und die Bildungsinstitutionen bis ins Letzte zu bestimmen scheint, nämlich die "überspannte Anstrengung, die Leistung zu maximieren" (Han). Und so werde, so formuliert es Han, die Negativität abgeschafft, weil diese den Beschleunigungsprozess verlangsame. Wie der Computer womöglich deshalb schneller rechne als das menschliche Gehirn und ohne jede Abstoßung Unmengen von Daten aufnehme, weil er frei von jeder Andersheit sei. Er sei eine Positivmaschine. "Gerade wegen seines autistischen Selbstbezugs, wegen der fehlenden Negativität bringt der idiot savant jene Leistungen hervor, zu denen nur eine Rechenmaschine fähig wäre." Im Zuge jener allgemeinen Positivierung der Welt verwandelten sich nach Han sowohl der Mensch als auch die Gesellschaft in eine autistische Leistungsmaschine.

Der Gegenentwurf

Goethe hat in seinen Wahlverwandtschaften mit der damals wie heute unzeitgemäßen Figur der Ottilie eine Gegenwelt gezeichnet und bringt sie mit dem Konzept der "Entsagung" auf den Punkt. Geradezu verrückt mutet dem heute unter Dauertermindruck stehenden Menschen Ottilies Verhalten an. Ihr Betragen prägt "ruhige Aufmerksamkeit (...), gelassene Regsamkeit. Und so war ihr Sitzen, Aufstehen, Gehen, Kommen, Holen, Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen Schein von Unruhe (...) Dazu kam, daß man sie nicht gehen hörte; so leise trat sie auf". Doch mit Betulichkeit gar Lahmheit von den heute beschleunigten Verhältnissen her gesehen, hat dies nichts zu tun. Es ist der Gegenentwurf zur Ungeduld, zum Nicht mehr Warten können, zur Beschleunigung. Es geht um das Lebenskonzept der "Entsagung", das heißt, die Einsicht in die eigene Begrenztheit - zum Wohl von Mensch und Gesellschaft. Aber genau dieses Konzept Goethes ist heute wieder aktuell. Han nennt es die Kraft ("Potenz") nicht zu tun, Nein zu sagen. Er unterscheidet die Erschöpfungsmüdigkeit als Folge der Hyperaktivität der Positivität von der Müdigkeit der negativen Potenz. Die Erstere mache unfähig, etwas zu tun, die Letztere inspiriere und sei eine solche des nicht-zu. Als Beispiel liegt die Vorstellung des Sabbat nahe, ein Tag des nicht-zu, der befreie von jedem um-zu.

Freiheit um ihrer selbst willen

Han bringt auf anregende und verwandelte Weise die Kernaussagen der großen Bildungstradition und ihre aktuelle Gefährdung auf den Punkt. Der Mensch wurde in dieser Tradition als Subjekt in Freiheit gedacht, das in der Bildung sein eigentliches Menschsein verwirkliche. Konsequent konnte Bildung nur Zweck an sich selbst, nie bloßes Mittel sein. Weil man aber in der Bildung solange nur das gesehen hat, was Nutzen bringt, verwechselt man nun das, was Nutzen bringt, mit der Bildung (Nietzsche). Die Bildung nimmt um exakt den gleichen Faktor ab, um den die Hast größer wird. Diese Alltagshast infiziert die Lebensplanung und wird zur Lebenshast. Dies aber zerstört die Bildung, den dem Leben förderlichen Nutzen und die Tätigkeit in menschlichem Maße.

Unbedingte Tätigkeit, wie sie von den in Leistungsmaschinen funktionierenden Menschen gefordert wird und die sie von sich selbst fordern, aber macht "zuletzt bankerott" (Goethe) - denn sie erkennt die Grenzen nicht. Eine von der anthropologischen Spitzenaussage der Bildung her gedachte Universität ist ein aliud zu einer Universität als Leistungsmaschine. Kein Mensch kann sich bilden, der wie ein Ross eingespannt ist in die "unselige Eile" einer "wilden Jagd", bestimmt von Gutachten, Massenveranstaltungen, Publikationsdruck, Zielvereinbarungen; der allenthalben Startschüsse hört und Stoppuhren erwartet, die ihm sagen: "Wirf alles weg von Dir, Nachdenken, stille Besinnung ... sonst kommst Du zu spät in den Zeitexpreß hinein." (Kierkegaard) Weil der Einzelne hineingesogen wird in den Strudel der Ungeduld, meint er unterzugehen, wenn er sich nicht selbst ausbeutet. Damit aber verliert er seine Freiheit, verliert den aufrechten Gang und wird zu einem homo in se curvatus.

Seine Freiheit verliert er präzise deshalb, weil er in ihr etwas anderes sucht, als sie selbst: "Was zu allen Zeiten das Herz mancher Menschen so stark für (die Freiheit) eingenommen hat, sind ihre eigenen Reize, ihr eigener Zauber, ohne Rücksicht auf ihre Wohltaten; es ist die Lust, unter dem alleinigen Regimente Gottes und der Gesetze sprechen, handeln und frei atmen zu können. Wer in der Freiheit etwas anderes als sie selbst sucht, ist zur Knechtschaft geboren." (Tocqueville)

Aus Forschung und Lehre :: November 2011

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