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Wer beruft Professorinnen?

 

Es werden weniger Frauen auf eine Professur berufen, als es ihrem Anteil an den Habilitierten und Promovierten entspricht. Verhalten sich Wissenschaftlerinnen bei Bewerbungsverfahren zu zurückhaltend oder werden sie systematisch benachteiligt? Ergebnisse einer Analyse von Berufungsverfahren an der Universität Konstanz.

Wer beruft Professorinnen?© Wazari - stock.xchng
Obgleich die Zahl von Professorinnen seit Jahren ansteigt, ist die Gleichstellung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit einem Frauenanteil von derzeit 14 Prozent noch in weiter Ferne. Ein wesentlicher Grund dafür, dass die Gleichstellung so lange auf sich warten lässt, sind die erst allmählich ansteigenden Frauenanteile beim wissenschaftlichen Nachwuchs. Hinzu kommt, dass nach wie vor weniger Frauen auf eine (Junior-) Professur berufen werden, als es ihrem Anteil an den Habilitierten und Promovierten entspricht. Ist dies allein einem zurückhaltenderen Bewerbungsverhalten von Wissenschaftlerinnen geschuldet oder werden Wissenschaftlerinnen nur seltener auf Listenplätze gesetzt und dann berufen?

Nach Statistiken der Bund-Länder- Kommission (BLK) trifft die erste der beiden Vermutungen zu: Gemessen an den Bewerbungen werden leicht überproportional viele Frauen zu Universitäts-
Professorinnen berufen.

So waren Wissenschaftlerinnen im Berichtsjahr 2005 unter den Bewerbungen mit einem Anteil von 20,5 Prozent vertreten, bei den Listenplätzen und Ruferteilungen mit 22,6 bzw. 23,2 Prozent und bei den Ernennungen mit 25,6 Prozent. Demnach sind auf dieser globalen Ebene keine Benachteiligungen von Frauen auszumachen, vielmehr ist der Schritt zur Bewerbung die entscheidende Hürde. Allerdings liegen mit den BLK-Daten lediglich Aggregatwerte auf Fächeroder Bundesländerebene vor, und es ist daher nicht ausgeschlossen, dass Wissenschaftlerinnen dennoch in einzelnen Berufungsverfahren systematisch gegenüber ihren männlichen Kollegen benachteiligt werden. Befunde aus der Arbeitsmarktforschung (und vereinzelt bereits der Wissenschafts-Forschung) lassen etwa vermuten, dass Wissenschaftlerinnen insbesondere dann schlechte Chancen haben, wenn sie mit verhältnismäßig vielen anderen Frauen konkurrieren (sogenanntes crowding out). Gerade Ausschreibungen von Professuren in Bereichen mit hohen Bewerberinnenanteilen (wie z.B. den Gender- Studies) könnten dann diesen paradoxen Nebeneffekt haben.

Darüber hinaus ist die Rolle von Berufungskommissionen umstritten. So wird ihre nach Geschlecht ausgewogenere Zusammensetzung als eine wesentliche Maßnahme der Frauenförderung angesehen. Sie hat bereits Niederschlag in einige Landeshochschulgesetze gefunden. Hingegen kursiert auch die These, dass speziell weibliche Kommissionsmitglieder die Weiterbeförderung von Bewerberinnen unterbinden könnten - weil sie kritischer gegenüber Wissenschaftlerinnen auftreten und Bevorzugungen aus gleichstellungspolitischen Motiven stärker ablehnen. Ohne empirische Untersuchungen sind diese Annahmen allesamt spekulativ. Einen ersten Schritt zur Schließung der bestehenden Forschungslücke werden wir hier vorstellen.

Unser Untersuchungsmaterial bilden gut 60 Berufungsverfahren, die im Zeitraum 2001 bis 2006 an der Universität Konstanz durchgeführt wurden. Anlass, speziell diese Universität in den Blick zu nehmen, bieten nicht zuletzt die vom Center of Excellence Women and Science (CEWS) herausgegebenen Gleichstellungsrankings: Die Universität Konstanz liegt in den 2005 und 2007 erschienenen Berichten (betrachtet werden dort die fachspezifischen Frauenanteile auf den unterschiedlichen Hierarchiestufen) bei den Professuren im Mittelfeld, in der Gesamtbewertung gar auf einem der letzten Plätze des bundesweiten Vergleichs.

Vor allem aber existieren für die Universität Konstanz - im Gegensatz zur bundesweiten Datenlage - Angaben für einzelne Berufungsverfahren. Diese ursprünglich zu Berichtspflichten von Gleichstellungsbeauftragten gesammelten, standardisierten Informationen konnten nun für eine Sonderauswertung im Auftrag des Gleichstellungsrats (mit Finanzierung der Hochschulrektorenkonferenz) genutzt werden. Es handelt sich pro Ausschreibung um Angaben über die zu besetzende Professur (Statusgruppe, Fachbereich, Lehrstuhl), die (geschlechtsspezifische) Zusammensetzung der Berufungskommission und die Frauenanteile auf den einzelnen Verfahrensstufen von der Bewerbung bis hin zu der vom Senat verabschiedeten Liste. Zusätzlich sind die Gründe für das Ausscheiden von Bewerberinnen erhoben.
Zunächst finden sich - analog zu den bundesweiten BLK-Daten - deutliche Variationen der Bewerberinnenanteile mit Fachgebiet und Status der Professur. Verhältnismäßig viele Frauen werden bei Ausschreibungen in den Geistes-, dort speziell in den Literaturwissenschaften, sowie von statusniedrigeren Juniorprofessuren zu einer Bewerbung motiviert (vgl. Abbildung 1a und 1b, unten). Aufgrund dieses Bewerberverhaltens ist auch in Zukunft nur mit einer langsamen Abnahme der horizontalen (Konzentration von Frauen auf bestimmte Fächergruppen) sowie vertikalen Segregation (Konzentration auf statusniedrigere Positionen) zu rechnen.

Eine geschlechtsspezifische Analyse der Berufungsverfahren an der Universität Konstanz.


Um die Bewerbungsaktivität einzuschätzen, ist ein Vergleich mit dem Pool aller potentiellen Bewerberinnen anzustellen. Diese Gruppe ist schwer einzugrenzen. Als ein grober Referenzpunkt können uns aber die im gleichen Zeitraum erfolgten Habilitationen dienen, wie sie in den Daten des Statistischen Bundesamts erfasst sind. Im Hinblick auf die Juniorprofessuren stellt dies sicher eine Unterschätzung der Frauenanteile im Bewerbungspool dar, hinsichtlich der statushöheren Stellen (C4 und W3 mit Ausstattung) dagegen eher eine Überschätzung, schließlich erfolgen bei letzteren auch Bewerbungen aus bereits bestehenden, und mit noch verhältnismäßig wenig Frauen besetzten Professuren. Die Ausschöpfung des so gemessenen Bewerberinnenpools ist gleichfalls Abbildung 1b zu entnehmen. In allen drei fachlichen Sektionen bewerben sich weniger Frauen, als es ihrem Anteilswert an Habilitierten entspricht. Dass dies keine Besonderheit der Universität Konstanz darstellt, belegen die ebenfalls ausgewiesenen Bewerberinnenanteile an den deutschen Universitäten insgesamt.

Eine geschlechtsspezifische Analyse der Berufungsverfahren an der Universität Konstanz.


Wie ist es nun aber um die Erfolgschancen der Kandidatinnen bestellt? Über alle Ausschreibungen gemittelt finden wir für Wissenschaftlerinnen etwas bessere Chancen auf Listenplätze als für ihre männlichen Mitbewerber. Mit jeder Verfahrensstufe kommt es zu einem kontinuierlichen Anstieg der Frauenanteile. Nur für den ersten Listenplatz werden verhältnismäßig weniger Wissenschaftlerinnen gegenüber den gelisteten Personen ausgewählt (vgl. die Tabelle 1, unten). Gleichwohl sind Frauen auch unter den Erstplatzierten stärker vertreten, als es ihrem Anteil an den Bewerbungen entspricht (21,0 gegenüber 16,7 Prozent). Dies gilt speziell in den Geisteswissenschaften und bei den statushöheren Professuren. Auf der Aggregatebene decken sich unsere Befunde also gut mit den bundesweiten BLK-Erhebungen. Umso mehr interessiert, was wir mit Blick auf die einzelnen Verfahren finden: Hat eine Wissenschaftlerin dann besonders gute Chancen, wenn sie sich als eine von wenigen oder gar als die einzige Frau auf eine Professur bewirbt? Oder sind die Chancen auf gelistete Frauen im Gegenteil besser, wenn von vornherein viele Wissenschaftlerinnen antreten?

Eine geschlechtsspezifische Analyse der Berufungsverfahren an der Universität Konstanz.

Die Antwort ist Abbildung 2a (unten) zu entnehmen. Die Bewerberinnenanteile (horizontale Achse) sind dort gegen die Frauenanteile bei den Listenplätzen (vertikale Achse) abgetragen. Bei über der Winkelhalbierenden liegenden Verfahren haben sich die Frauenanteile bei Listenplätzen gegenüber denen bei Bewerbungen erhöht (Frauen weisen bessere Auswahlchancen auf als ihre männlichen Mitbewerber), bei darunter liegenden Verfahren wurden dagegen weniger Frauen gelistet, als es ihrem Anteil an Bewerbungen entspricht (Frauen haben geringere Chancen). Ein Zusammenhang mit den Bewerberinnenanteilen ist nicht festzustellen: Wissenschaftlerinnen weisen unabhängig vom Frauenanteil unter den Bewerbungen mal höhere, mal geringere Auswahlchancen auf als ihre männlichen Mitbewerber. Dies gilt gleichfalls für die einzelnen Verfahrensstufen (geprüft wurden die Erstauswahl aus den Bewerbungen, die Einladung zum Vortrag, die Listenplazierungen und schließlich die Verabschiedung der Listen durch den Senat).

Eine geschlechtsspezifische Analyse der Berufungsverfahren an der Universität Konstanz.


Einfluss der Berufungskommissionen

Wenden wir uns nun dem Einfluss der Berufungskommissionen zu. Die Quotierung der Kommissionen nach Geschlecht ist wie erwähnt eine häufig empfohlene Maßnahme der Frauenförderung. Im Hinblick auf mögliche Überlastungen ist es aber eher kritisch zu sehen, wenn wenige Wissenschaftlerinnen mit übermäßig viel Gremienarbeiten behelligt werden. Unsere Daten erlauben lediglich eine erste Einschätzung dazu, ob eine nach Geschlecht ausgewogenere Zusammensetzung der Kommissionen den geschlechtsspezifischen Verfahrensausgang beeinflusst. Dies scheint nicht der Fall zu sein, denn die Erfolgschancen von Bewerberinnen auf Listenplätze liegen unabhängig vom Frauenanteil in den Berufungskommissionen mal über, mal unter denen ihrer männlichen Mitbewerber (siehe Abbildung 2b, unten: Bei den über der Nulllinie liegenden Verfahren haben Wissenschaftlerinnen bessere Chancen als Wissenschaftler, bei den darunter liegenden Verfahren dagegen schlechtere). Dies gilt selbst dann, wenn wir die Analyse auf die stimmberechtigten Kommissionsmitglieder eingrenzen. Verlässliche Urteile bedürften allerdings noch umfassenderen Daten. Womöglich zeigen sich erst Effekte, wenn der Frauenanteil einen bestimmten Schwellenwert überschritten hat - in den von uns betrachteten Kommissionen betrug er maximal 45,5 und im Mittel 20,5 Prozent.

Eine geschlechtsspezifische Analyse der Berufungsverfahren an der Universität Konstanz.


Auf der Grundlage der vorhandenen Daten können wir also keine systematische Benachteiligung von Wissenschaftlerinnen in den Berufungsverfahren feststellen. Inwieweit sich dieses erfreuliche Ergebnis gleichstellungspolitischer Arbeit verdankt, muss offen bleiben. Es finden sich zudem keine Anhaltspunkte dafür, dass es Wissenschaftlerinnen dann besonders schwer haben, wenn sie sich gegen verhältnismäßig viele Mitbewerberinnen durchsetzen müssen oder mit stark männlich besetzten Berufungskommissionen konfrontiert sind. Damit legen die Ergebnisse als Maßnahme zur Frauenförderung primär eine verstärkte Aufforderung von Wissenschaftlerinnen zur Bewerbung nahe, etwa in Form einer gezielten Rekrutierung. Anreize zu gezielten Anwerbungen könnten beispielsweise durch die derzeit diskutierten Belohnungsmodelle geschaffen werden, bei denen Hochschulen mit einer - gemessen an fachspezifischen Referenzwerten - verhältnismäßig hohen Repräsentanz von Wissenschaftlerinnen zusätzliche Fördermittel erhalten sollen.

Gleichwohl wäre es vorschnell, eine enge Spezialisierung von Wissenschaftlerinnen nicht als hinderlich für ihre Karrieren zu betrachten. Unter den Ablehnungsgründen von Bewerberinnen rangiert schließlich ihre "mangelnde Passfähigkeit" an erster Stelle, gefolgt von unzureichenden Publikationslisten und fehlender einschlägiger Forschung. Unklar ist, ob dies spezielle Ausschlusskriterien für Bewerberinnen sind - in unserer Datenbank wurden (wie andernorts) allein die Ablehnungsgründe für Frauen, nicht aber für Männer erfasst. Das Datenmaterial lässt zudem offen, ob Bewerberinnen für einen Listenplatz vergleichsweise höhere Leistungen vorweisen müssen, sich ihre guten Platzierungschancen also primär einer Positivselektion besonders qualifizierter Wissenschaftlerinnen verdanken. Die größere Zurückhaltung von Frauen bei Bewerbungen lässt derartige Vermutungen plausibel erscheinen. Auch einschlägige Untersuchungen zur Begutachtung wissenschaftlicher Leistung weisen in diese Richtung. Ob sie nicht nur plausibel, sondern auch richtig sind, lässt sich erst mit weiteren Studien beantworten. Gerüchte über "Gemauschel", "old boy networks" oder auch Plazierungen reiner "Quotenfrauen" kennen wir vermutlich alle zur Genüge - was wir dagegen brauchen, sind verlässliche Beobachtungen der Verfahren als Beitrag zur Hochschul- und Geschlechterforschung.



Autoren: Katrin Auspurg, Thomas Hinz
Mehr Akademiker für Deutschland? Eine geschlechtsspezifische Analyse der Berufungsverfahren
Katrin Auspurg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Empirische Sozialforschung an der Universität Konstanz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Methoden der Empirischen Sozialforschung, Arbeitsmarkt- und Familiensoziologie.


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Thomas Hinz ist Professor für Empirische Sozialforschung mit Schwerpunkt Demoskopie an der Universität Konstanz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Methoden der Empirischen Sozialforschung, Arbeitsmarkt- und Organisationssoziologie.




Aus Forschung und Lehre :: Juni 2008

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