Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

"Position beziehen" - Physikochemiker Reinhard Zellner im Interview

VON CHRISTIAN REMENYI UND FRAUKE ZBIKOWSKI

Physik und Chemie der Atmosphäre ist das Forschungsgebiet des Physikochemikers Reinhard Zellner. Warum er sich nie scheute, diese Themen auch in politischen Gremien zu vertreten, berichtet er den Nachrichten aus der Chemie.

"Position beziehen"© Universität Duisburg-EssenDer Physikochemiker Reinhard Zellner engagiert sich für den Schutz von Klima und Atmosphäre
Nachrichten aus der Chemie: Herr Zellner, in einem Leserbrief an die Nachrichten aus der Chemie haben Sie einmal geschrieben, es sei dringend erforderlich, dass "die Polarisierung der Diskussion um globale Umweltprobleme beseitigt wird."

Reinhard Zellner: Wie alt ist denn diese Aussage?

Nachrichten: Sie stammt von Anfang der 1990er Jahre. Es ging um das Ozonloch, aber sie könnte genauso gut für die Klimadebatte heute gelten.

Zellner: Die Bereitschaft, wissenschaftliche Erkenntnis anzuerkennen, war damals unterschiedlich. Es gab viele Personen, die lange nicht daran geglaubt haben, dass FCKW die Ozonschicht zerstören. In der Klimadebatte ist es heute ähnlich.

Nachrichten: Die Ozongeschichte haben wir hinter uns.

Zellner: Ja, aber es war eine Erfolgsgeschichte. Am Ende war allgemein akzeptiert, dass gehandelt werden muss. Die Industrie hatte keine anderen Möglichkeiten mehr, als auf Produktion und Emission von FCKW gänzlich zu verzichten. Aber mit dem Auftreten des Ozonlochs hatten wir einen nachweisbaren Befund.

Die Klimasituation ist kompliziert

Nachrichten: In der Klimadebatte sieht es ja nicht so aus, als würden alle die Notwendigkeit des Handelns einsehen.

Zellner: Die Klimasituation ist erheblich komplizierter. Für das Ozonloch gab es eine kleine, übersichtliche Zahl von Verursachern. Beim Klimawandel ist die Situation völlig anders: Zunächst ist jeder Einzelne Mitverursacher der Emissionen und der CO2-Ausstoß verknüpft mit dem wirtschaftlichem Wohlstand eines Landes. Wenn wir hier internationale Gerechtigkeit schaffen wollten, würden wir das System überfordern. Dies gilt insbesondere, wenn der Aufholbedarf der Entwicklungsländer allein auf Basis fossiler Energieressourcen erfolgte, wofür derzeit noch vieles spricht.

Nachrichten: Wir beobachten bei Diskussionen über CO2-Ausstoß und Klimawandel, dass sich diese manchmal wie Diskussionen über Glaubensfragen entwickeln. Woher kommen die Emotionalität und manchmal auch Aggressivität?

Zur Person

  • Der Physikochemiker Reinhard Zellner, Jahrgang 1944, war Lehrstuhlinhaber in Göttingen, Hannover und an der Universität Duisburg-Essen.
  • Zellner engagiert sich stark für den Schutz von Klima und Atmosphäre, unter anderem war er in verschiedenen Enquetekommissionen des Bundestags tätig, im Stratospheric Science Panel der EU sowie im Klimabeirat der Bundesregierung.
  • In Zusammenarbeit mit der GDCh gab er zum Jahr der Chemie 2011 das Buch "Chemie über den Wolken" heraus.
Zellner: Das kommt daher, dass einige den Klimawissenschaftlern vorwerfen, sie seien Ideologen der Ökologie, die öffentlich Panikszenarien schürten, nur wegen der weiteren Forschungsgelder. Daneben gibt es außerhalb der Klimawissenschaft kluge Leute, die meinen, das System Atmosphäre zu verstehen. Darunter sind auch viele Chemiker. Und sie reagieren sehr impulsiv, wenn das, was die Klimawissenschaft sagt, nicht mit dem konsistent ist, was sie aus ihrer chemischen Ausbildung kennen.

Nachrichten: Typisch ist der Einwand, dass der Treibhauseffekt nicht nachzuweisen sei.

Zellner: Das stimmt, es gibt kein Laborexperiment, das die Erwärmung durch Infrarotabsorption des CO2 direkt nachweist. Das System Atmosphäre kann aufgrund seines Temperatur- und Druckgradienten in einem stationären Experiment gar nicht reproduziert werden. Wir sind also auf ein klimawissenschaftliches Modell angewiesen, das nachrechnet, wie stark die Energie in den Infrarotbanden von einer Atmosphärenschicht zur anderen wandert. Und das Modell sagt voraus, dass der Strahlungsantrieb, also die Gesamtstrahlungsleistung pro Fläche erhöht wird, wenn ein Klimagas zugegen ist.

Nachrichten: Hartnäckig behaupten aber weiterhin einige, CO2 sei kein klimawirksames Spurengas.

Zellner: Das ist einfach falsch, der Treibhauseffekt durch CO2 ist Realität. Es ist nur eine Frage der Quantität; das Vorzeichen ist völlig unumstritten. Mehr CO2 heißt: mehr Wärme in der unteren Atmosphärenschicht. Wie groß das nun tatsächlich ist, ob es am Ende um 1,5 oder 4,5 C wärmer wird, ist noch offen. Das hängt auch damit zusammen, was wir in den nächsten Jahrzehnten emittieren werden, und wie die einzelnen Rückkopplungsfaktoren wie Wolken und Aerosole tatsächlich wirken. Aber wenn man nicht anerkennt, dass CO2 ein Klimagas ist, gibt es auch keinen Handlungsbedarf ...

Politik will Informationen aus der Wissenschaft

Nachrichten: Gerät die Klimawissenschaft aber nicht in Gefahr, selbst politischer Akteur zu werden, indem sie Handlungsempfehlungen gibt?

Zellner: Die Situation war eigentlich umgekehrt: Die Klimawissenschaft hat geforscht und erste Aussagen zum CO2-Temperatur-Problem gemacht, die verständlicherweise noch vage waren. Die Politik ist dann auf die Wissenschaftler zugegangen mit der Forderung, verlässlichere und handlungsbegründende Informationen zu bekommen. Dazu gehörten auch Kennzahlen wie die GWP-Werte.

Nachrichten: GWP, das Global Warming Potential.

Zellner: Genau. Das GWP von CO2 lässt sich beziffern und in Relation zu anderen - meist sehr viel stärker klimawirksamen Spurengasen - setzen. Solche Kennzahlen braucht die Politik, um den Handlungsbedarf zu quantifizieren. Das war damals beim Ozonloch mit den ODP-Werten der ozonzerstörenden Substanzen genauso.

Nachrichten: Heute hört man auch den Vorwurf - beispielsweise anlässlich der Präsentation der IPCC-Berichte -, dass sich die Wissenschaft verselbstständigt hat und anfängt, in die Politik einzuwirken.

Zellner: Ein falscher Eindruck. Er entsteht einzig dadurch, dass die Nachfrage nach Informationen und Ergebnissen der Klimamodelle immer weiter gewachsen ist. Wissenschaftler entwerfen Szenarien. Aber es bleibt Aufgabe der Politik und letztlich der gesamten Gesellschaft, sich für eine Handlungsoption zu entscheiden.

Nachrichten: Sie haben die Rolle als Politikberater gerne angenommen, unter anderem als Mitglied der Enquetekommission des Bundestags "Schutz der Erdatmosphäre". Wie kam es dazu?

"Position beziehen" © WILEY-VCH Reinhard Zellner bekommt den Fonds-Literaturpreis 2012 verliehen
Zellner: Ich hatte bei der Dechema etwa um 1980 einen Arbeitsausschuss mitgegründet, der später "Schutz der Atmosphäre" hieß. In dem habe ich damals angeregt, wir sollten uns mit dem FCKW-Ozonproblem befassen, lange bevor das Ozonloch entdeckt war. Der damalige Geschäftsführer der Dechema, Dieter Behrens, machte den klugen Vorschlag, jemanden aus der Leitungsetage von Hoechst in den Ausschuss einzubinden. Hoechst war neben der Kali-Chemie in Hannover einer der größten deutschen FCKW-Produzenten. Es versprach, spannend zu werden.

Nachrichten: Dass Hoechst Ende der 90er Jahre zerschlagen wurde, lag aber nicht an den FCKW.

Zellner: Oh nein, Hoechst hätte auf die FCKW gut verzichten können. Aber als die FCKW praktisch schon nicht mehr zu rechtfertigen waren, gab es immer noch Vertreter von Hoechst, die in den Anhörungen der Enquetekommission behaupteten, es gäbe keine Alternativen.

Nachrichten: Das Ende kam dann, als sich FCKW-freie Kältemittel durchsetzten.

Zellner: Ja. Ein kleines Unternehmen aus Thüringen, Foron, brachte einen Kühlschrank auf den Markt, der mit Kohlenwasserstoffen betrieben wurde. Es war nicht mehr zu begründen, für den Kältesektor FCKW einzusetzen. Die anderen Einsatzbereiche von FCKW - in Polymerschäumen als Isolierungsmittel und als Aerosoltreibmittel - zogen schnell nach.

Zwischen den Fronten

Nachrichten: Die Diskussionen um das Montrealer Protokoll zum Schutz der Ozonschicht und das Ende der FCKW waren - wie heute die Klimadebatte - teilweise sehr rau. Wie geht man als Wissenschaftler damit um?

Zellner: Wenn man als Wissenschaftler zwischen die Fronten gerät, zwischen Politik und Industrie, gibt es nur eins: eine eindeutige, sachlich begründbare Position beziehen. Sie haben sich nur durch die wissenschaftliche Erkenntnis leiten zu lassen und diese zu verteidigen, auch wenn es weh tut.

Nachrichten: Sie haben in den Enquetekommissionen - "Schutz der Erdatmosphäre" und "Schutz des Menschen in der Umwelt" mitgearbeitet. Was wollten Sie bewegen?

Zellner: Als Wissenschaftler sehe ich gelegentlich auch gesellschaftlichen Handlungsbedarf. Diesen möchte ich Politikern vermitteln, in der Hoffnung, dass sie ein umsetzbares Regelsystem auf den Weg bringen.

Nachrichten: Aber im Grunde findet doch jeder Politiker einen Experten, der seine Politikermeinung untermauert und als alternativlos hinstellt. Ist das nicht ein generelles Problem der Politikberatung?

Zellner: Das liegt aber daran, dass sich die Wissenschaft über manche Punkte einfach nicht einig ist. Oft ist ein Problem noch nicht so weit untersucht, dass eine Konvergenz bei den Meinungen eingetreten ist. Und es ist manchmal leider auch so, dass Wissenschaftler aus politischen oder anders motivierten Gründen eben keine sachlich begründete Position vertreten. Auch Wissenschaftler sind gelegentlich getrieben oder werden geleitet von Ideologen und unterstützt von zweifelhaften Förderern.

Nachrichten: Kam Ihr Engagement in Gremien und in der Politikberatung über Ihr Fachgebiet?

Zellner: Als ich Anfang der 70er Jahre Postdoktorand in England war, in Cambridge, begann ich, über die Atmosphäre zu lernen. Das war damals in der physikalischen Chemie eine Novität. Ich kam aus der Verbrennungsforschung, und Flammen sind in ihrer Komplexität der Atmosphäre nicht ganz unähnlich. Über diese Forschung kam ich früh in Kontakt mit der Dechema und ihren Gremien. Von dort aus führte mich der Weg auch in den Bundestag.

Nachrichten: Es gibt durchaus Wissenschaftler, die sagen "Was geht mich die Gesellschaft an? Ich arbeite wissenschaftlich und mein Sprachrohr ist die Publikation."

Zellner: Ich wurde von Kollegen häufig kritisiert, die sagten, der Zellner ist ja nur in der Öffentlichkeit tätig. Ich habe das aber immer für eine notwendige Tätigkeit gehalten. Die Wissenschaft muss etwas zurückgeben an die Gesellschaft, die ihr die Forschung durch öffentliche Mittel ermöglicht hat.

Nachrichten: Also nicht nur Verantwortung des Wissenschaftlers, sondern Verpflichtung?

Zellner: Es gibt die Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, Erkenntnisse der Forschung zu vermitteln und transparent zu machen, insbesondere dann, wenn die Gesellschaft diese Informationen braucht. Das war in der Ozonforschung so, das ist in der Klimaforschung so, und das gilt auch für viele andere Bereiche der Grundlagenforschung. Verpflichtungen der Wissenschaftler und der Industrie.

Nachrichten: Transparenz schaffen, die Verantwortung und Verpflichtung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen - denken Sie, dass die Chemiker, dass die GDCh genug dafür tut?

Zellner: Es gab eine Phase, da hat die GDCh das für meine Wahrnehmung nicht ausreichend getan. Erst so seit Mitte der 90er Jahre fing man in der GDCh an, zu fragen, welche Themen auch für die Gesellschaft interessant sind. Heute ist das eher selbstverständlich - siehe die Diskussionen über Energiewende und Ressourcenschonung. Endlich hat die Chemie eingesehen, dass sie nicht nur Chemie für Chemiker betreiben kann, sondern auch eine Aufgabe als Wissenschaft für die Gesellschaft hat.

Nachrichten: Sind Sie mit der Sichtbarkeit der Atmosphärenchemie in der GDCh zufrieden?

Zellner: Nein. Ich will Ihnen auch sagen, warum das so ist. Wir haben ja zwei verschiedene Aktivitäten. Bei der GDCh gibt es innerhalb der Fachgruppe Umweltchemie einen Arbeitskreis Atmosphärenchemie. Und es gibt den Gemeinschaftsausschuss von GDCh, Bunsen-Gesellschaft und Dechema/Processnet "Chemie, Luftqualität und Klima". Es wäre an der Zeit, darüber nachzudenken, ob dieses Nebeneinander sinnvoll ist. Die Parallelität schafft eine Doppelarbeit und mindert die Schlagkraft innerhalb der tragenden Gesellschaften und nach außen.

Nachrichten: Der reine GDCh-Arbeitskreis ist stärker akademisch geprägt, während der Gemeinschaftsausschuss die Industrie an Bord hat.

Zellner: Das ist richtig. Allerdings macht mir gerade der letzte Punkt große Sorgen. Im Ausschuss "Chemie, Luftqualität und Klima" hat sich nach vielen Jahren intensiver Mitarbeit die chemische Industrie zurückgezogen. Es gibt aber vieles, das sie interessieren sollte: die Rolle extrem langlebiger Industriechemikalien wie SF6 oder NF3, die Bedeutung des N2O, das bei Düngemitteln und der energetischen Nutzung von Biomasse akut wird, die Verwundbarkeit der chemischen Produktion durch Folgen des Klimawandels wie Hoch- und Niedrigwässer, Stürme und Starkniederschläge. Mein Plädoyer: Wir wollen und müssen die chemische Industrie wieder für unsere Ausschussarbeit gewinnen.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Mai 2014