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Es geht nicht um Privatisierung

von Frank Ziegele

Fragen an den Geschäftsführer des CHE. Warum progagiert Frank Ziegele die unternehmerische Universität?

Es geht nicht um Privatisierung© David Ausserhofer, WandlitzCHE-Geschäftsführer Frank Ziegele spricht sich für die unternehmerische Universität aus
Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) sieht sich als "Reformwerkstatt für das deutsche und europäische Hochschulwesen" und propagiert die "unternehmerische Universität". Kritiker bemängeln, das CHE unterwerfe die Universität damit marktkonformen Gesetzen. Nicht mehr die Bildung stehe im Vordergrund, sondern marktgerechte "Bildungsdienstleistungen", mit denen sich Geld verdienen lässt.

Forschung & Lehre: Wie definieren Sie das Verhältnis von Geld und Geist?

Frank Ziegele: Ich halte mich in diesem Zusammenhang an John F. Kennedy: Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung - keine Bildung.

F&L: Ist es nicht eine großartige Leistung des Kulturstaates, jungen Menschen eine von der Allgemeinheit bezahlte Ausbildung zur Verfügung zu stellen?

Frank Ziegele: Es ist großartig, wenn eine vielfältige und hochwertige Hochschulwelt jungen Menschen Chancen eröffnet und differenzierte Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Es ist eine tolle Leistung, wenn allen gesellschaftlichen Gruppen bestmögliche Zugangschancen zur akademischen Bildung geboten werden. Allerdings sind gerade in Deutschland diese Chancen trotz weitgehender Gebührenfreiheit schlecht. Nichts spricht dagegen, sondern viel dafür, diejenigen, die von einem Studium profitieren, auch an den Kosten für ihre Bildung zu beteiligen. Ich trete nach wie vor für moderate, nachgelagerte Studienbeiträge ein, die erst nach dem Berufseinstieg bei entsprechendem Einkommen greifen, denn diese beeinträchtigen den Zugang nicht.

F&L: In Ländern wie den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Australien wird mit Bildungsangeboten sehr viel Geld verdient. Muss Deutschland hier aufholen?

Frank Ziegele: Amerikanische Spitzen-Unis fangen gerade an, frei und unentgeltlich Online-Angebote ins Internet zu stellen und die Teilnahme zu zertifizieren, vielleicht liegt auch da die Zukunft? Deutschland muss sich darum kümmern, dass gesellschaftliche Bedürfnisse durch die Hochschulen erfüllt werden. Privat finanzierte Angebote sind willkommen, wenn sie solche Bedürfnisse aufgreifen und Lücken schließen, die staatliche Hochschulen nicht bedienen. Sie dürfen aber keinesfalls die Begründung für weniger staatliche Mittel für Hochschulen sein.

F&L: Ist eine Universität nur dann international wettbewerbsfähig, wenn sie unternehmerisch geführt wird?

Frank Ziegele: Hochschulen sind keine Unternehmen und sollen es auch nicht werden. Hochschulen sollten aber sehr wohl unternehmerisch handeln. In Anlehnung an Burton Clark steht "unternehmerisch" dabei nicht für Profitstreben, sondern für Hochschulen, die "etwas unternehmen", also Innovationen umsetzen, beweglich sind, sich dem Wettbewerb wissenschaftlicher Leistungen stellen, sich wissenschaftliche (nicht ökonomische) Ziele suchen und diese effizient erreichen. Die Führungspersonen einer Hochschule können auch nur Rahmenbedingungen setzen, die Wettbewerbsfähigkeit bestimmen am Ende die Lehrenden und Forscher(innen). Managementansätze aus der Privatwirtschaft können dabei gute Anregungen geben, lassen sich aber niemals 1:1 umsetzen. Hochschulmanagement muss durch die Kultur der Wissenschaftseinrichtung geprägt sein. Ein vernünftiges Controlling nützt z.B. einer Hochschule enorm, aber nur, wenn es wissenschaftsadäquate Messgrößen findet und nicht der naive Glaube entsteht, Zahlen könnten fundierte Entscheidungen ersetzen (sie können sie vielmehr nur unterstützen).

F&L: Kritiker bemängeln, das CHE fördere nicht die Autonomie einer Universität, sondern unterwerfe sie marktkonformen Gesetzen. Es gehe nicht mehr um Bildung, sondern um marktgerechte "Bildungsdienstleistungen", mit denen sich Geld verdienen lässt. Was entgegnen Sie?

Frank Ziegele: Hochschulen können heute wie nie zuvor ihre innere Organisation, ihre Personalangelegenheiten und den Umgang mit Finanzen frei bestimmen. Dazu hat das CHE beigetragen, dafür setzt sich das CHE nach wie vor ein. Autonomie ist ein enormer Fortschritt. Viele haben vermutlich schon vergessen, welches enges Korsett die Kameralistik oder die gesetzliche Detailregulierung innerer Organisation gesetzt hat. Das heißt aber nicht, dass wir staatliche Hochschulen völlig aus der gesellschaftlichen Verantwortung entlassen dürfen. Daher muss es weiter staatlich determinierte Steuerungsansätze geben, nur bessere und weniger detailliertere als früher. Deshalb sind wir z.B. für staatliche Finanzierungsmodelle nach Studierendenzahlen, denn dadurch entstehen Anreize und Möglichkeiten, Studienangebote nach den Bedürfnissen der Studierenden auszurichten. Oder wir sind dafür, dass Hochschulen in der Forschung vorankommen, indem sie in einem internen Dialog Strategien entwickeln. Dass man sich als Wissenschaftler(in) im Wettbewerb bewähren muss und eine verabredete Rolle in den Zukunftsplänen von Universitäten spielt, sehe ich nicht als Autonomiebeschränkung. Bei all dem geht es um bessere Steuerungsmodelle in einem staatlichen System, nicht ums Geldverdienen oder um Privatisierung. Übrigens: In der Debatte wird ja gerne mit düstere Assoziationen weckenden Begriffen wie "marktkonform" hantiert. Wenn das heißen würde, dass durch Auflösung der Grundfinanzierung für Forschung nur noch das geforscht wird, was von einem Auftraggeber bezahlt wird, wäre in der Tat der Kern der Hochschule gefährdet. Wenn "marktgerecht" aber z.B. bedeutet, dass man sich in einem partnerschaftlichen Verhältnis um die Bedürfnisse von Studierenden kümmert, Studiengänge von den intendierten Kompetenzen her denkt und dass man die besondere Lage einer vielfältiger werdenden Studierendenschaft einbezieht (z.B. durch Teilzeitstudium für Studierende mit Familie), dann könnte ich mich sogar mit diesem Begriff anfreunden.

F&L: Wenn Sie ein Unternehmen um Rat bitten würde, wo im Bildungsbereich in Deutschland die Wachstumsmärkte liegen, was wäre Ihre Antwort?

Frank Ziegele: Investitionsempfehlungen für Unternehmen fallen weder in meinen Zuständigkeits- noch in meinen Kompetenzbereich. Grundsätzlich gebe ich zu bedenken: Mir ist keine Hochschule bekannt, die sich hierzulande eine goldene Nase verdient - im Gegenteil: stehen doch gerade hinter erfolgreichen privaten Hochschulen meist großherzige Sponsoren oder finanzkräftige Stiftungen.

F&L: Die BA-MA-Struktur wurden in Deutschland stark von CHE und HRK vorangetrieben, und ohne sie wäre ein internationaler Bildungsmarkt nicht denkbar. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Kritik des HRK-Präsidenten Hippler?

Frank Ziegele: Es ehrt mich ja, dass dem CHE alle Reformen zugeschrieben werden, faktisch haben wir jedoch kaum Projekte zur Einführung von Bachelor und Master gemacht, sondern vor allem Wirkungen evaluiert. Dabei haben wir z.B. festgestellt, dass es Fächer gibt, in denen Bachelor-Studierende zufriedener sind als Diplom-Studierende. Bachelor und Master sind weder Heilsbringer noch der Untergang des Abendlandes. Wenn die Hochschulen restriktiv bei der Anerkennung im Ausland erbrachter Leistungen sind, hilft Bologna der Internationalisierung wenig. Wenn aber die Modularisierung eingesetzt wird, um ein flexibles Teilzeitstudium zu ermöglichen und damit neue Studierendengruppen zu erschließen, ist Bologna eine tolle Sache. Insofern hat Hippler Recht, wenn er auf aktuelle Stärken und Schwächen in der Umsetzung hinweist. Die Hochschulen und ihre Lehrenden haben es selbst in der Hand, Bologna zum Erfolg zu bringen. Um zum Schluss noch an einem weit verbreiteten Mythos im Zusammenhang mit dem internationalen Markt zu kratzen: Natürlich ist der deutsche Ingenieur auf dem Weltmarkt ein Markenzeichen, aber wegen "made in Germany" und nicht wegen eines "Diploms" - ein "diploma" wird nämlich im Ausland regelmäßig als ein minderwertiger Abschluss betrachtet, und man musste in der deutschen Vor-Bologna- Zeit oft ausführlich rechtfertigen, dass er dem Master gleichgestellt ist.

Aus Forschung & Lehre :: Oktober 2012

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