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Von Beruf Physiker: Intellektuelle Allrounder


VON BÄRBEL BROER

Sie können den Regenbogen erklären, verstehen die Technik des iPhones und wissen viel über "Schwarze Löcher": Physiker sind absolute Allrounder. Rund 93.000 Physiker arbeiten in Deutschland. Wer Physik studiert, hat beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Denn die Absolventen dieses Fachbereichs sind transdisziplinär in den unterschiedlichsten Berufsfeldern einsetzbar. Nach dem Abschluss gibt es vor allem zwei Wege: Die einen zieht es in die Wirtschaft, die anderen verbleiben in der Wissenschaft an Hochschulen oder Forschungseinrichtungen.

Von Beruf Physiker: Intellektuelle Allrounder© alphaspirit - fotolia.comAufgrund der vielseitigen Einsetzbarkeit von Physikern steht die Wissenschaft mit der Wirtschaft in Konkurrenz
Dr. Achim Hofmann zog es in die Wirtschaft. "Nur Wissen zu generieren und zu veröffentlichen - das allein war mir nicht genug." Heute ist er Entwicklungschef bei dem Hanauer Unternehmen Heraeus Quarzglas GmbH und zufrieden: "Ich möchte am Ende des Tages ein Produkt in der Hand haben, das ich anpacken und sehen kann." Er liefert ein Beispiel aus seinem Alltag. Bei Heraeus ist er für die Entwicklung von Quarzglas, einem Spezialglas, das unter anderem für die Glasfaser-Kommunikation benötigt wird, verantwortlich. Über 20 Prozent des Glases für solche Telefonleitungen weltweit wird bei seinem Arbeitgeber hergestellt. "Wenn ich beispielsweise mit den USA telefoniere, läuft dieses Gespräch über ungefähr zehn verschiedene Glasfaserleitungen", erklärt der Industriephysiker. "Da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich auch durch unser Glas telefoniere. Das ist nicht nur für mich, sondern für alle Mitarbeiter eine tolle Motivation", erläutert das Vorstandsmitglied für Industrie, Wirtschaft und Berufsfragen in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) begeistert.

Eine ganz andere Motivation treibt dagegen Dr. René Matzdorf an. "Mich interessiert vor allem die Grundlagenforschung und der Erkenntnisgewinn", so der Professor, der in der DPG für den Bereich Bildung und wissenschaftlicher Nachwuchs zuständig ist. "Zudem habe ich große Freude daran, Physik zu erklären, Studenten zu unterrichten und mit ihnen zu arbeiten", sagt der Lehrstuhlinhaber für Experimentalphysik an der Universität Kassel.

"Physik hat keine eigene Branche"

Im Schnitt verlassen 3.000 Physiker pro Jahr die Hochschulen - etwa die Hälfte von ihnen mit Promotion. Nur ein geringer Teil arbeitet später in Festanstellung an einer Universität. Ihre außeruniversitäre Karriere beginnen die meisten Physiker in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Viele wechseln aber später in andere Funktionen der Unternehmen. "Dies bedeutet, dass nur etwa 50 Prozent der Physiker in Forschung und Entwicklung arbeiten und sich dann vielleicht auch nicht mehr als Physiker bewerben", so Hofmann, der den Arbeitsmarkt für Physiker 2012 untersucht und entsprechende Ergebnisse im Physik Journal veröffentlicht hat. "Physik hat keine eigene Branche", erläutert Matzdorf. "Es gibt aber viele Jobs, die nur von Physikern besetzt werden können."

Mittlerweile scheinen sich immer mehr junge Leute für Physik zu interessieren. "Wir haben im WS 2012/2013 die meisten Studienanfänger aller Zeiten gehabt", freut sich Matzdorf. Erstmals hatten sich über 10.000 Studenten für Physik eingeschrieben. Circa 20 Prozent von ihnen seien zwar sogenannte Parkstudenten. Aber das sieht der Wissenschaftler nicht so tragisch: "Die meisten der Parkstudenten warten auf die Zulassung in Medizin oder einem anderen Fach. All jenen kommen Grundkenntnisse in der Physik zugute."

Von Beruf Physiker: Intellektuelle Allrounder Dr. Achim Hofmann

Physik-Studium: "Deutsche Universitäten sind top"

Einen Numerus Clausus (NC) für Physik gibt es nur an ganz wenigen Hochschulen. Matzdorf: "Wir brauchen auch keinen NC. Denn Physik ist kein Fach, das man mal eben so studiert." Das Studium sei nur zu schaffen, wenn man eine gewisse Begabung dafür habe und mathematische Fähigkeiten mitbringe, so der Universitätsprofessor. Weitere wichtige Eigenschaften: Ehrgeiz und Hartnäckigkeit.

Exakte Daten darüber, wo wieviele Physiker nach ihrem Examen arbeiten, sind kaum verfügbar. Dies beklagen auch Oliver Koppel, Senior Economist Humankapital und Innovationsökonomie beim Institut der Deutschen Wirtschaft Köln, und Dr. Lutz Schröter, Diplom-Physiker der Volkwagen AG und DPG-Mitglied im Ausschuss Industrie und Wirtschaft. Die beiden haben im Physik Journal eine Studie zur Arbeitsmarktentwicklung und zu den Berufsfeldern von Physikern im Jahr 2010 veröffentlicht. Die Daten für Physiker seien oft ungenau, so die beiden Autoren. "Die Ursachen liegen im Wesentlichen darin, dass Personalabteilungen von Unternehmen zwar gezielt nach Physikern suchen, aber dann oft keine Statistik darüber führen, wer von den Beschäftigten Physiker ist", so Koppel und Schröter. Beispiel: Wer Physik studiert hat, später aber als Informatiker arbeitet, wird meistens von den Personalabteilungen auch als Informatiker geführt und nicht als Physiker. Ähnlich verfährt auch die Arbeitsagentur: Erfasst sie die Arbeitslosenzahlen, zählt die Qualifikation des Berufsabschlusses - also Physiker -, veröffentlicht sie Statistiken des Arbeitsmarktes, ist die Berufsbezeichnung wie beispielsweise Geschäftsführer, Projektleiter, Patentanwalt ausschlaggebend. Dass Physiker in so unterschiedlichen Berufen arbeiten können, liegt vor allem an der Art des Studiums. "Deutsche Universitäten sind top", sagt Hofmann aus Sicht der Industrie. "Sie bieten eine große Breite unterschiedlichster Fachrichtungen an." Entsprechend gefragt seien die in Deutschland ausgebildeten Physiker auf dem Arbeitsmarkt. "Wir brauchen keine Absolventen aus den USA oder anderen Ländern", so Hofmann. Erst wenn der Arbeitsmarkt noch knapper werden sollte, müsse man sich überlegen, Absolventen aus anderen Ländern zu suchen.

Von Beruf Physiker: Intellektuelle Allrounder Prof. Dr. Rene Matzdorf

Gefragte Physiker: Die Wirtschaft wird zur Konkurrenz für die Hochschulen

Eine gewisse Konkurrenz scheint sich zwischen den beiden großen Einsatzfeldern für Physiker in der Wirtschaft einerseits und der Wissenschaft andererseits abzuzeichnen: "Mit Geld wird kein Physiker in die Wissenschaft gezogen", sagt Hofmann entschieden. "Das muss Leidenschaft sein." Lehrstuhlinhaber Matzdorf dazu: "Es gibt nach wie vor viele Physiker, die sich für die Hochschule interessieren." Er warnt aber auch: "Wenn die Bedingungen an den Universitäten immer schlechter werden wie beispielsweise durch Zeitverträge oder die W-Besoldung, kann ich verstehen, dass es einige eher in die Wirtschaft zieht." Der 48-jährige selbst hat noch das Glück einer recht geradlinigen Wissenschaftskarriere gehabt: Nach der Promotion und Habilitation ging er für zwei Jahre in die USA. Bereits dort erhielt er einen Ruf auf eine C3-Professur. In Deutschland wechselte er dann noch einmal auf eine C4-Professur an die Uni Kassel. Mittlerweile ergeht es jedoch nur noch wenigen Wissenschaftlern so. Insbesondere durch das Modell der Juniorprofessur werde den jungen Wissenschaftlern sehr viel abverlangt, so Matzdorf und erläutert: "Sie müssen viel in der Lehre leisten, sollen Drittmittel einwerben und möglichst binnen drei Jahren Projekte abschließen." Zudem haben sie befristete Verträge und eine Bezahlung auf dem Niveau eines Grundschullehrers. "Extrem hohe Erwartungen bei einem extrem niedrigen Gehalt", so Matzdorf und fordert: "Da gibt es dringenden Verbesserungsbedarf." Andernfalls könnten zu viele Wissenschaftler in die Wirtschaft abwandern.

Über die Deutsche-Physikalische Gesellschaft

Weltweit ist sie die größte und älteste physikalische Fachgesellschaft: Über 62.000 Mitglieder gehören der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e.V. (DPG) an. Im Jahre 1845 wurde sie gegründet. Die DPG versteht sich als Forum und Sprachrohr der Physik. Professoren, Studenten, Lehrer, in der Industrie Beschäftigte sind ebenso vertreten wie Patentanwälte und Wissenschaftsjournalisten. Die DPG finanziert sich größtenteils aus Mitgliedsbeiträgen. Sitz der DPG ist im Physikzentrum Bad Honnef nahe Bonn. Derzeit hat die DPG neun Nobelpreisträger in ihren Reihen. Klangvolle Namen waren schon immer darunter: Albert Einstein, Hermann von Helmholtz und Max Planck waren früher Präsidenten der DPG.

Faszination der Physik erleben

So unterschiedlich die Berufswege von Physikern auch verlaufen, gemeinsam ist ihnen die Faszination für dieses Fach. "Die meisten Physiker reizt es, die Welt verstehen zu wollen", erläutert Matzdorf. "Das kann den Kosmos und die Sterne betreffen oder Alltagsgegenstände wie ein Smartphone." Diese Begeisterung für die Erforschung der Welt versucht die DPG bereits Schulkindern zu vermitteln. Viele der Mitglieder sind als MINT-Botschafter unterwegs. Ihre Mission: Bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik wecken. Seit 2001 gibt es beispielsweise einmal im Jahr die "Highlights der Physik" - ein Wissenschaftsfestival für alle Neugierigen mit Prominenten wie dem TV-Moderator Ranga Yogeshwar oder dem früheren Moderator der Kindersendung "Löwenzahn", Peter Lustig. Dieses Jahr kommen die "Highlights" nach Wuppertal. Physik nachvollziehbar zu machen - das ist das Anliegen. "Denn wir leben in einer viel zu abstrakten Welt", so Hofmann, "zahlreiche Kinder sitzen zu lange vor den Mattscheiben und verlieren den Alltagsbezug." Für seine Kritik liefert er ein handfestes Beispiel aus dem Sport: Egal ob der Spin, der Flug oder die Reibung des Balles auf dem Tennisplatz - "alles ist Physik pur", erklärt er, fügt aber auch hinzu: "Wenn man jedoch nur noch mit der Wii spielt, ist das alles weg."


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