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Der PhD in Deutschland und den USA - ein Vergleich

Von Eva Bosbach

Wie sieht das deutsche Promotionssystem im Unterschied zum US-amerikanischen aus? Was sind die jeweiligen Stärken und Schwächen? Können wir für die Promotion in Deutschland von den USA etwas lernen? Über den PhD in Deutschland und den USA - ausgewählte Ergebnisse einer aktuellen Studie*.

Vom Dr. zum Ph.D.? Doktorandenausbildung in Deutschland und den USA im Vergleich© Hans Klamm - iStockphoto.comWer sich für einen PhD in den USA entscheidet, sollte die Unterschiede zum deutschen Promotionssystem kennen
Nach einer Reform der Hochschulausbildung mit Bachelor- und Masterstudiengängen gerät nun die Promotionsphase zunehmend in den Fokus der Reformen in Deutschland. Neue, stärker strukturierte Promotionsformen wie Graduiertenschulen und Promotionsprogramme sprießen nur so aus dem Boden, die Exzellenzinitiative verstärkt seit 2007 den Trend. Außerdem wird das Promovieren immer populärer: 23.843 Doktorgrade wurden im Jahr 2007 in Deutschland verliehen - doppelt so viele wie noch vor 30 Jahren. Bei den bereits bestehenden "strukturierten" Promotionsformen in Deutschland wird zum Teil auf das US-amerikanische System der Doktorandenausbildung verwiesen, in dem alle Doktoranden in graduate schools "strukturiert" promovieren. In Deutschland hingegen promovieren trotz der scheinbaren Omnipräsenz der neuen Modelle nach wie vor noch ca. 80 Prozent der Doktoranden in Individualpromotion. Der Reformbedarf der Individualpromotion ist zwar offensichtlich, sie bietet jedoch für bestimmte Forschungsvorhaben auch klare Vorteile.

Internationale Attraktivität

Neben dem unterschiedlichen Anteil der Doktoranden in strukturierten Promotionsformen ist zum Beispiel der Zeitpunkt des Promotionsbeginns anders: Während in den USA die Promotion in der Regel nach dem Bachelorabschluss anfängt, ist dies in Deutschland bis auf Ausnahmen erst nach dem Master oder einem vergleichbaren Abschluss möglich. Der gesamte Ablauf ist dadurch anders gegliedert und für den Forschungsstandort Deutschland entsteht ein Wettbewerbsnachteil, da es für hochqualifizierte Bachelorabsolventen aus dem In- und Ausland kaum Angebote gibt. Zudem ist das US-amerikanische Promotionssystem international attraktiv. Davon zeugt nicht nur das Vorhaben, der Abwanderung hochqualifizierter deutscher Doktoranden ins Ausland vorzubeugen, als eines der Ziele der Internationalisierungsstrategie der Bundesregierung.

Auch ein sehr hoher Ausländeranteil in der Promotionsphase ist ein Beleg dafür: 37 Prozent der Doktorgrade gehen in den USA an Nicht-US-Bürger. Die Attraktivität des Systems zeigt sich auch daran, dass mehr als zwei Drittel der promovierten Ausländer in den produktiven Folgejahren nach der Promotion in den USA bleiben. In Deutschland beträgt der Ausländeranteil zum Vergleich 13 Prozent, und es ist nicht bekannt, wie viele der promovierten Ausländer anschließend weiter in Deutschland leben. Es gibt aber nicht nur Unterschiede. So liegt z.B. das durchschnittliche Alter bei Promotionsabschluss in beiden Ländern fächerübergreifend bei etwa 33 Jahren. Auch gewinnen einige Merkmale des US-Hochschulsystems in Deutschland aktuell an Bedeutung, etwa die starke Dezentralisierung und Differenzierung, die sich in einer begrenzten staatlichen Regulation und großer Varianz der Hochschulen und Promotionsmodelle äußern.

Hohe Abbruchquoten

Die Qualifizierungsphase Promotion ist nur dann effektiv, wenn sie von den Doktoranden erfolgreich abgeschlossen wird. Deshalb sollte ein wichtiges Kriterium der Wettbewerbsfähigkeit eines Promotionsmodells die Abbruchquote sein. Für die USA gibt es hier genaue Erhebungen, wonach fächerübergreifend 40 Prozent der Doktoranden ihre Promotion abbrechen. Dieser recht hohe Wert wird dort sehr kritisch gesehen, und es gibt zahlreiche Initiativen und Maßnahmen, um die Gründe für die niedrige Abschlussrate zu erforschen und zu beheben. Im Vergleich zu Deutschland steht Amerika jedoch noch relativ gut da. Denn basierend auf den Berechnungsansätzen des Instituts für Hochschulforschung (HoF) Wittenberg kann geschätzt werden, dass (die Medizin ausgenommen) in Deutschland zwei von drei Nachwuchswissenschaftlern ihre Promotion abbrechen. Allein diese Tatsache ist Grund genug, das bestehende System näher unter die Lupe zu nehmen und über Optimierungsmöglichkeiten nachzudenken. Was sind also die Kernstärken des US-Systems, die unabhängig von den Strukturunterschieden und in der Breite, also für alle Doktoranden in Deutschland, genutzt werden könnten?

Doktorandenzentren

Einer der Eckpfeiler des US-amerikanischen Promotionssystems ist die graduate school. Die graduate school ist eine eigenständige Institution, eine feste Verwaltungseinheit innerhalb der Hochschule, deren ausschließliche Funktion es ist, sich um die Doktoranden zu kümmern. Eine solche themenunabhängige Dachstruktur für alle Doktoranden einer Hochschule wäre auch in Deutschland denkbar. Der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz haben ähnliche Strukturen bereits vor Jahren empfohlen und manche Hochschulen haben mit ihrem Aufbau begonnen. Neben der allgemeinen Koordination könnten die Doktorandenzentren zusätzliche Ansprechpartner für die Doktoranden vermitteln und ihre Vernetzung untereinander fördern. Darüber hinaus bietet es sich an, die Zentren wie in den USA zur Erhebung von statistischen Daten über die Promotionsphase zu nutzen.

Auswahl und Betreuung

In den USA erfolgt die Bewerbung zur Promotion stets bei der graduate school, also nicht direkt bei einem individuellen Betreuer. Die Bewerber durchlaufen ein formalisiertes Auswahlverfahren mit transparenten Kriterien, zu denen neben der Durchschnittsnote des Bachelorstudiums meist das Ergebnis eines flächendeckend von den Hochschulen genutzten Aufnahmetests (GRE) gehört, zum Teil ergänzt durch einen für acht Disziplinen existierenden fachspezifischen Test. Weitere übliche Kriterien sind Gutachten von Professoren aus dem Bachelorstudium, Motivationsschreiben der Bewerber, Auswahlgespräche und bei ausländischen Kandidaten das Ergebnis des Tests of English as a Foreign Language (TOEFL). In Deutschland beruht die Entscheidung über die Zulassung im Moment oft noch ausschließlich auf einer subjektiven Beurteilung durch einen einzelnen Professor. Eine Pflicht zur Festlegung der inhaltlichen Aufnahmekriterien könnte ein guter erster Schritt hin zu transparenteren Auswahlverfahren sein. Sobald es an der Universität ein übergreifendes Doktorandenzentrum gibt, könnte eine Auswahl in Kooperation zwischen Betreuern und dem Zentrum angestrebt werden. Die USA sind am Übergang zur Promotion deutlich selektiver als Deutschland. Nur etwa jeder vierte Bewerber bekommt einen Platz im Doktorandenprogramm und die Promotionsintensität ist signifikant niedriger: Während in den USA ca. fünf Prozent der Bachelorabsolventen promovieren, sind es in Deutschland ca. 15 Prozent der Absolventen eines grundständigen Universitätsstudiums (mit Medizin sogar 20 Prozent). Auch beträgt die Promotionsquote, der Anteil der Promovierten an der Bevölkerung, in den USA nur 1,3 Prozent, in Deutschland 2,4 Prozent. Die im Vergleich zu Deutschland geringere Abbruchquote kann teilweise auf die höhere Selektivität am Übergang zur Promotion zurückgeführt werden, teilweise aber sicherlich auch auf die Struktur und Verbindlichkeit der Promotionsphase. Als gute Praxis in der Doktorandenbetreuung hat sich in den USA eine systematische und multiple Betreuung bewährt. Die Doktoranden haben dabei stets mehrere Mentoren, und es gibt eine Reihe von im Vorfeld festgelegten Teilleistungen. So können z. B. die Vorlage eines Exposés der Dissertation spätestens nach einem Jahr verlangt und regelmäßige, dokumentierte Besprechungen der Promotionsfortschritte realisiert werden.

Institutionalisierung der Individualpromotion

Viele der neuen strukturierten Promotionsangebote in Deutschland beheben die früheren Defizite und bieten erstklassige Promotionsbedingungen. Sie fungieren jedoch in der Regel in den Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht als Dachstrukturen, die allen Doktoranden zur Verfügung stehen, und beziehen bundesweit gesehen nur eine Minderheit der Promovierenden ein. Zur Verbesserung der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Breite bietet sich in Deutschland deshalb eine Institutionalisierung der Individualpromotion an. Der überwiegenden Mehrheit der Doktoranden, die nach wie vor individuell promoviert, sollte eine Institution zur Verfügung stehen, die sie bei ihrem Promotionsvorhaben unterstützt, aber die Freiheiten und Vorteile der Individualpromotion erhält. Eine Institutionalisierung der Individualpromotion umfasst alle angesprochenen Reformansätze: Neben einer flächendeckenden Einrichtung der Doktorandenzentren sollten transparente Auswahlverfahren und eine multiple Betreuung angestrebt werden, die regelmäßige Besprechungen der Promotionsfortschritte und die Vorlage des Exposés nach einem Jahr einschließt.

Mehr Statistik und Austausch

Es gibt in Deutschland - gerade im Vergleich mit der empirisch sehr gut erforschten Hochschullandschaft der USA - nach wie vor wenig statistische Daten und Untersuchungen über die Promotionsphase. Die 2008 vom Institut für Hochschulforschung (HoF) Wittenberg koordinierte Erstellung des ersten Bundesberichts zur Förderung des Wissenschaftlichen Nachwuchses (Bu- WiN), die Internetplattform "Kommunikations- und Informationssystem "Wissenschaftlicher Nachwuchs" (KISSWIN)", das Promovierendenpanel ProFile am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) sowie neue promotionsspezifische Recherchemöglichkeiten des HRK-Hochschulkompasses sind dabei wichtige Schritte in die richtige Richtung. Ebenfalls fehlt es bislang an einem nationalen wie internationalen Austausch der Promotionsverantwortlichen an den Universitäten. In den USA diskutieren im Rahmen des bereits 1961 gegründeten Council of Graduate Schools Dekane der graduate schools regelmäßig aktuelle Themen und Strategien in der Doktorandenausbildung. Darüber hinaus bietet das Council verschiedene Informationsangebote, pflegt internationale Beziehungen, führt selbst Befragungen zur Promotionsphase durch und koordiniert zahlreiche Förderprogramme in diesem Bereich. Es bleibt abzuwarten, inwiefern der im Mai 2009 gegründete "Universitätsverband zur Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland (UNIWIND) sowie das 2008 auf europäischer Ebene ins Leben gerufene Council for Doctoral Education der European University Association (EUA-CDE) die wünschenswerte nationale und internationale Zusammenarbeit zur Verbesserung der Doktorandenausbildung unterstützen können.

*Eva Bosbach: "Von Bologna nach Boston? Perspektiven und Reformansätze in der Doktorandenausbildung anhand eines Vergleichs zwischen Deutschland und den USA", Akademische Verlagsanstalt Leipzig 2009, 182 Seiten, 22,- €.

Über die Autorin
Eva Bosbach ist Doktorandin der Universität zu Köln und forscht derzeit in New York zu den Themen Doktorandenausbildung und Geisteswissenschaften in Deutschland und den USA. Zuvor arbeitete sie als Projektreferentin bei der Hochschulrektorenkonferenz.

Aus Forschung und Lehre :: Juli 2009

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