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Weg vom Projekt

VON DIETER LENZEN

Wissenschaftler sind zu kleinen Rädchen einer Maschinerie mutiert, in der vor allem eines zählt: Nutzwert. Wo bleibt die zweckfreie Gründlichkeit?

Weg vom Projekt© Nordreisender - Photocase.comWie kann man mit der Entwicklung zu einer projektorientierten Universität künftig umgehen?
Als »projektorientierte Polis« beschrieben die beiden französischen Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello die Gesellschaft, wie sie sich nach 1968 entwickelte. In dieser Polis ist das Leben nicht mehr als eine Abfolge von Projekten: zeitlich begrenzt, netzerweiternd und darauf ausgelegt, die Umwelt ununterbrochen nach Innovationsmöglichkeiten abzusuchen. Dieser Existenzmodus dominiert inzwischen auch das Universitätssystem - mit erheblichen Folgen für das Konzept von Universität, für den Beruf des Wissenschaftlers und für die Art und Weise, Wissen zu generieren, zu verbreiten und zu tradieren. In der projektorientierten Polis der Universität fehlt, was für die academia konstitutiv war: ausreichend Zeit.

Forschung findet in Projekten statt, sie ist kaum mehr ein kontinuierlicher Prozess des »Bei einer Sache Bleibens«. Es gibt zweckgebundene »Projektmittel«, aber praktisch keine zweckfreien Forschungsmittel mehr. Studiert und unterrichtet wird im Rahmen einer eng bemessenen »Regelstudienzeit«, beides will verwaltet sein - mit einem hohen Termindruck auf die Wissenschaft: Wenn ein Projekt beginnt, ist das nächste zu beantragen, die Vorlesung des 6. Semesters steht drei Jahre zuvor fest, neue Theorien und Erkenntnisse in der Zwischenzeit sind nicht vorgesehen. Die projektorientierte Universität verändert die Lebensbedingungen der Menschen, die Wissenschaft machen, und damit diese selbst: Zeitlich begrenzte Projekte sind ihrer Natur nach Aufgaben für ganze Gruppen von Wissenschaftlern, die interdisziplinär, also arbeitsteilig verfahren - dies kulminiert in der Idee des »Clusters«. Der größte Teil des Personals arbeitet inzwischen ohne Status und befristet, bis das Projekt beendet ist - und erfüllt damit unfreiwillig die 68er Forderung nach Gerechtigkeit, die nicht durch zementierte Hierarchien behindert wird. Mehr Menschen im Universitätsbetrieb haben eine Chance - aber eine befristete.

Die Folgen sind besorgniserregend: Das Personal, die gesamte Institution weist Spuren eines »organizational burnouts« auf, höchste Leistungsmotivation und Leistungsfähigkeit kippen und führen in einen totalen Selbstverlust. Dies ist buchstäblich tödlich für das Konzept des Gelehrten und damit für beträchtliche Teile der Geisteswissenschaften. Zeitknappheit und Unsicherheit schlagen sich auch in den Methoden nieder: In der projektorientierten Universität ist wenig Zeit für zweckfreie Forschung, die nicht auf technologische Innovation schielen muss, es ist keine Zeit für Methodenreflexion und Kritik. Soweit Letztere geübt wird, dient sie selbst dem Zweck der Optimierung. »Einsamkeit und Freiheit« passen nicht zu einer projektorientierten Universität, die auf Kooperation und Zweckbindung fußt, für »Bildung« durch Reflexion von Methode und Zweck der Forschung, für den klassischen Schlüssel der Rückbindung der Lehre an die Forschung, ist schwerlich Raum.

Wie wollen wir mit dieser Entwicklung zu einer projektorientierten Universität künftig umgehen? Ich schlage vor, den französischen Begriff der souplesse, zu Deutsch: Biegsamkeit, zur Leitlinie des Handelns der Universität zu machen - nicht im Sinn der Anpassung, sondern in dem Sinne, dass Wissenschaft sich an die Logik der projektorientierten Universität »anschmiegt«, um diese in ihrer Logik zu unterlaufen. Dazu gehört die Verlangsamung des Tempos, mit dem immer neue Projekte beantragt werden; dazu gehören Gründlichkeit in der Analyse und Veröffentlichung von Forschungsergebnissen, beides darf Zeit beanspruchen. Dazu gehören Verfahren, mit denen mehr Stabilität in den wissenschaftlichen Lebensverhältnissen erzeugt wird, wie längere Beschäftigungszeiten und Konstanz einer Gruppe; Vertrauen in die Leistungsbereitschaft der Wissensproduzenten statt immer neuer Prüfungen und Bewährungsverfahren. Und zu alldem gehört die Kritik als Methode.

Aber diese Form der souplesse wird nicht genügen. Die projektorientierte Universität ist Bestandteil und Produkt einer projektorientierten Politik, die sich mit ähnlichen Phänomenen konfrontiert sieht: Zeitmangel, Burn-out, Zustimmungsverlust und Zerstörung des Politischen als Ort des Ausbildens von guten Lösungen in differenzierten Interessenlagen. Daraus könnte eine Gemeinschaft von Wissenschaft und Politik entstehen. Man müsste sich einigen: Etwa darauf, dass in der Forschung die Zeit der großen Wettbewerbe langsam in eine Zeit der Kontinuität für jene Strukturen überführt wird, die in den letzten Jahren projektorientiert entstanden sind. Man könnte sich auf die Förderung auch des Inkommensurablen verständigen: »Blue sky research«. Man könnte gemeinsam zur Auffassung gelangen, dass Innovationen nicht nur technischer, sondern auch kultureller Natur sein können und darüber diskutieren, ob jedes denkbare Experiment auch wünschenswert und somit förderungswürdig ist.

Und: wenn man sich darüber einig ist, dass es das Ziel von Wissenschaft ist, Gewissheiten, evidence, zu generieren, aber ebenso und gleichwertig auch Wahrheiten, einen gesellschaftlichen Konsensus darüber, wie wir künftig miteinander leben wollen, dann wäre eine Gemeinschaft von Wissenschaft und Politik erreicht. Schließlich die akademische Selbstverwaltung. Kein Zweifel, ebenso wie die wettbewerbsorientierte Forschung und wie der Bolognaprozess hat das New Public Management einen einzigartigen Aktivierungsschub für den tertiären Sektor des deutschen Bildungswesens mit sich gebracht. Man kann von Leistungsreserven sprechen, die »gehoben « wurden, und davon, dass Bereiche identifiziert wurden, deren Inaktivität die Frage aufwarf, ob die Verwendung von öffentlichen Mitteln dort angemessen war. Die diesem Management zugrunde liegende Output-Orientierung allerdings ist mittelfristig mit einem erheblichen Verlust an Zustimmung derjenigen verbunden, die den Output liefern sollen.

Deren Zustimmung wird man nicht erlangen können, indem man die repräsentativen Entscheidungsstrukturen der siebziger Jahre wiederherstellt, die ebenfalls mit dem Problem des Legitimationsverlustes konfrontiert waren. Deren Zustimmung erreicht man durch die Entwicklung und Erprobung neuer Formen der Partizipation, die möglichst viele Beteiligte erfassen. Denn die Grenzen der repräsentativen Demokratie zeigen sich in den letzten Jahren allenthalben, auch im Bildungsbereich, wenn beispielsweise durch Volksabstimmungen Schulreformen verhindert werden können, die wie in Hamburg auf einem einstimmigen Beschluss eines ganzen Parlaments beruhen. In anderen Ländern wie Dänemark hat man das Problem früher erkannt und mit einem »new circle of legitimation« darauf reagiert. Die Entwicklung solcher Konzepte wird selbst eine Aufgabe der Wissenschaft sein - auch hier also gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem politischen System und dem Bildungssystem. Die Universität muss die Politik im Sinne der souplesse für sich nutzen, denn Bildungspolitiker sind in derselben Lage wie die »Insassen« der Universität: Sie müssen ihren finanzpolitischen »Wärtern« klarmachen, was passiert, wenn die projektorientierte Bildungsrepublik in sich zusammensinkt.


Über den Autor
Dieter Lenzen ist Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg.


Aus DIE ZEIT :: 04.11.2010

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