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Forschungserfahrung als Berufungskriterium - Anforderungen an zukünftige Professorinnen und Professoren

von BERND KLEIMANN, SUSANNE IN DER SMITTEN und MAREN KLAWITTER

Sehen sich Bewerberinnen und Bewerber für Professorenstellen aktuell ähnlichen Anforderungen gegenüber wie 1995 oder 2003? Ergebnisse einer Auswertung von Ausschreibungen für Professuren deuten auf einen Wandel beim Tätigkeitsfeld Forschung hin.

Forschungserfahrung als Berufungskriterium - Anforderungen an zukünftige Professorinnen und Professoren© Zerbor - fotolia.comWie haben sich die Anforderungen an Professoren in den vergangenen Jahren verändert?
Der Hochschulsektor unterliegt seit zwei Jahrzehnten einem tiefgreifenden Wandel. So geht das im Zuge von New Public Management und Bologna-Prozess umgebaute Governance-Regime unter anderem mit mehr Hochschulautonomie und -wettbewerb, einer erhöhten Internationalität und Drittmittelabhängigkeit der Forschung sowie mit veränderten gesellschaftlichen Erwartungen (z.B. bezüglich Geschlechtergerechtigkeit, Familienfreundlichkeit oder Nachhaltigkeit) einher.

Vor diesem Hintergrund stellt sich mit Blick auf die Auswahl von Professor(inn)en die Frage, wie sich die angedeuteten Veränderungen in den Anforderungen an professorales Personal niederschlagen. Eine erste Antwort bieten Ergebnisse einer quantitativen Inhaltsanalyse ausgewählter Ausschreibungstexte für Professuren aus der "ZEIT". Der Schwerpunkt der folgenden Darstellung liegt dabei auf Anforderungen, die das Tätigkeitsfeld Forschung betreffen.

Die bereinigte Stichprobe der Untersuchung umfasst 872 Stellenanzeigen, die der jeweils ersten Ausgabe jedes zweiten Monats der "ZEIT-"Jahrgänge 1995 (vor Beginn des Bologna-Prozesses), 2003 (nach Einführung der W-Besoldung) und 2012 (als gegenwartsnaher, für die Analyse vollständig vorliegender Jahrgang) entnommen wurden. Berücksichtigung fanden nur Professuren mit C2-, C3-, C4-, W2- und W3-Besoldung an deutschen Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften und künstlerischen Hochschulen in staatlicher Trägerschaft - und zwar ohne Vertretungs- und an Funktionsstellen gebundene Professuren.

Projekthintergrund

Die vorgestellten Ergebnisse sind aus dem Forschungsprojekt "LiBerTas: Leistungsbewertung in Berufungsverfahren - Traditionswandel in der akademischen Personalselektion" hervorgegangen. Das Projekt wird seit November 2013 für drei Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Förderlinie "Leistungsbewertung in der Wissenschaft" unterstützt. Im weiteren Verlauf werden noch quantitative Befragungen von Hochschulleitungen, Dekanen, Mitgliedern von Berufungskommissionen sowie Gleichstellungsbeauftragten an allen staatlichen deutschen Hochschulen sowie vertiefende Fallstudien mit qualitativen Interviews zu vier Fächern (Medizin, Maschinenbau, Physik, Sozialwissenschaften) an ausgewählten Universitäten und Fachhochschulen realisiert. So sollen die Rahmenbedingungen, Erscheinungsformen und ein möglicher Wandel von Berufungsverfahren untersucht werden. Ziel ist es, Erkenntnisse über die Bewertung von Leistung und Passfähigkeit in Berufungsverfahren ebenso zu generieren wie über Entwicklungen des Verhältnisses zwischen Hochschulorganisation, akademischem Kollegium und wissenschaftlicher Gemeinschaft im Kontext der Verfahren.
Im untersuchten Zeitraum stieg die Zahl der Ausschreibungen an - insbesondere durch ein Plus an Stellenanzeigen bei den Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Dabei entfallen insgesamt gleich viele Annoncen auf Universitäten und Fachhochschulen. Erwartungsgemäß relativ wenige Ausschreibungen stammen von Gesamthochschulen (nur 1995) und künstlerischen Hochschulen (vgl. Abb. 1). Die meisten Ausschreibungen im Gesamtzeitraum sind der Fächergruppe "Mathematik und Naturwissenschaften" zuzuordnen (209), dicht gefolgt von den Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (202) sowie den Ingenieurwissenschaften (193). Erst mit Abstand folgen die Sprach- und Kulturwissenschaften (122), die Musik- und Kunstwissenschaften (63), die Human- und Veterinärmedizin (58) und weitere Fächergruppen (23).

Detailliertere Anforderungen

Betrachtet man die in den Ausschreibungstexten genannten Anforderungen im Bereich der Forschung für alle Hochschultypen im Zeitverlauf, fällt zunächst die Zunahme der Detailliertheit auf. So werden 2012 in mehr Ausschreibungstexten spezifische Forderungen an das Bewerberprofil gestellt als in den vorausgehenden Jahrgängen. Insgesamt belegen aber die allgemein gehaltenen, nicht näher spezifizierten Anforderungen hinsichtlich der Aufgaben und Erfahrungen in der Forschung die vorderen Plätze. Allerdings sinkt die Anzahl der Nennungen von allgemeinen, nicht näher konkretisierten Forschungserfahrungen an Universitäten im Zeitverlauf.

Forschungserfahrung als Berufungskriterium © Forschung & Lehre Abbildung 1: Die untersuchten Stellenausschreibungen nach Hochschulart und Jahr (Angaben in absoluten Zahlen)
Demgegenüber werden konkrete inhaltliche Forschungserfahrungen, Drittmitteleinwerbungen, Publikationen, Nachwuchsförderung sowie Forschungskooperationen (innerhochschulisch, mit Forschungsinstituten, anderen Hochschulen, Unternehmen oder sonstigen Einrichtungen), auch auf internationaler Ebene, häufiger eingefordert. An Fachhochschulen zeigen sich steigende Erwartungen bei der Anwendungsorientierung in der Forschung, speziellen fachlichen Forschungserfahrungen, Drittmitteleinwerbung sowie der Kooperation mit Unternehmen, Forschungsinstituten und anderen Hochschulen. Die wachsende Relevanz der Forschung wirkt sich so im Verbund mit dem anwendungsnahen Forschungsprofil der Fachhochschulen auch auf deren Rekrutierungspraxis aus.

Die Anforderungen an zukünftige Professorinnen und Professoren korrelieren zum Teil mit der Hochschulgröße (in Studierendenzahlen). So fordern eher kleine Universitäten nicht näher spezifizierte Forschungserfahrungen und Kooperationen mit Unternehmen, wohingegen größere Universitäten eher Wert auf die Drittmitteleinwerbung und Nachwuchsausbildung legen. Bei Fachhochschulen korreliert die Hochschulgröße mit den Forderungen nach Erfahrungen in der Nachwuchsausbildung und herausragenden Forschungserfahrungen: erstere werden eher von kleineren Fachhochschulen erwartet, letztere vermehrt von großen.

Forschungserfahrung als Berufungskriterium © Forschung & Lehre Abbildung 2: Nennungen forschungsbezogener Anforderungen in den untersuchten Stellenausschreibungen im Zeitverlauf
Auch im Hinblick auf die Fächergruppen werden Unterschiede deutlich. In der Human- und Veterinärmedizin legen besonders viele Hochschulen Wert auf herausragende und fachlich spezielle Forschungserfahrungen sowie auf Drittmitteleinwerbungen. Zudem erreichen hier die Forderungen nach Kooperationen jeglicher Art Spitzenwerte. Dagegen verzeichnen die Anforderungen im Bereich Forschung in der Fächergruppe "Musik und Kunst/Kunstwissenschaft" insgesamt die geringsten Anteile. Bei den Sprach- und Kulturwissenschaften schlägt sich die starke Beteiligung der Fächer an der Lehramtsausbildung nieder: Lehramts- und Prüfungserfahrungen werden hier unter den Fächern am häufigsten eingefordert. Zudem erreicht die Nennung allgemeiner, nicht näher spezifizierter Forschungserfahrungen und -aufgaben den Spitzenwert über alle Fächergruppen hinweg. Die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften liegen bei Publikationen, Nachwuchsausbildung, pädagogischer Eignung der Lehrenden und fremdsprachiger Lehre vorne. In den Ingenieurwissenschaften werden die Anwendungsorientierung der Forschung, außerhochschulische Kooperationen in der Lehre und die Studienberatung besonders akzentuiert, während Mathematik und Naturwissenschaften im Fächergruppenvergleich bei den Forschungskriterien besonders häufig an zweiter oder dritter Stelle liegen, was auf ein breites Anforderungsprofil in der Forschung hindeutet.

Trend zur Ausdifferenzierung

Generell zeigt sich bei den Ausschreibungen von Professuren ein Trend zur stärkeren Verbreitung und Ausdifferenzierung von Anforderungen im Forschungsbereich. Außerdem hängen die Anforderungen an professorales Personal erwartungsgemäß stark von den unterschiedlichen Wissensgebieten, Ausbildungsprofilen und strukturellen Rahmenbedingungen der Fächergruppen ab.


Über die Autoren
PD Dr. Bernd Kleimann, Dr. Susanne In der Smitten und Maren Klawitter sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in Hannover. Dort befassen sie sich schwerpunktmäßig mit soziologischen Untersuchungen zu Hochschulen als Organisationen und zu Leitungshandeln an Hochschulen.

Aus Forschung & Lehre :: August 2015

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