Berufseinstieg als Geisteswissenschaftler:in
Geisteswissenschaften: Arbeitsmarkt, Berufsfelder und Bewerbungstipps

Wie gelingt der Berufseinstieg als Geisteswissenschaftler? © LightFieldStudios / iStock.com
Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen brauchen meist etwas länger, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wie und wo der Berufseinstieg gelingen kann, lesen Sie hier.
Aktualisiert: 14.07.2025
Der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler:innen
Nach dem Masterabschluss suchen Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler häufig länger nach einem Job als Masterabsolvent:innen anderer Fächer, heißt es im Blickpunkt Arbeitsmarkt (5/25), einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit. Grund dafür ist unter anderem, dass ein Abschluss in geisteswissenschaftlichen Fächern selten direkt berufsqualifizierend sei – explizit für Geisteswissenschaftler:innen ausgeschriebene Stellen seien eher eine Ausnahme. „Eine frühzeitige berufliche Orientierung, Flexibilität und regionale Mobilität sind daher wichtig für eine erfolgreiche Etablierung am Arbeitsmarkt“, heißt es in dem Bericht weiter.
Dennoch stehen die Berufschancen für Absolvent:innen besser als oftmals angenommen, auch wenn laut dem Bundesbericht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer frühen Karrierephase (BuWiK) Geisteswissenschaftler:innen bei einem Wechsel von Hochschulen oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen in den privaten Sektor nur zu 47 Prozent einen unbefristeten Job bekommen, während dieser Wert in anderen Fächergruppen zwischen 67 (Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften) und 86 Prozent liegt (Ingenieurwissenschaften).
Brotlose Kunst? Arbeitslosenquoten auf niedrigem Niveau
Ihr Ruf als arbeitslose Akademiker eilt den Geisteswissenschaftler:innen oft voraus. Zwar fällt die Arbeitslosenquote nach dem Studium bei Geisteswissenschaftler:innen etwas höher aus als in anderen Fachrichtungen, bleibt aber insgesamt auf einem niedrigen Niveau: So lag die Arbeitslosenquote im Jahr 2023 laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit für studierte Sprach- und Literaturwissenschaftler bei 3,1 Prozent und für Geschichtswissenschaftler:innen bei 3,7 Prozent. Dagegen belief sich die Quote derjenigen, die ausschließlich eine Tätigkeit als Geisteswissenschaftler:in suchen, auf „exorbitante“ 24,9 Prozent.
Welcher Abschluss ist ratsam: Bachelor, Master oder eine Promotion?
Welcher Abschluss die Chancen auf einen sicheren Berufseinstieg erhöht, ist nicht eindeutig. „Diese Frage betrifft höchst individuelle Entscheidungen hinsichtlich der eigenen Ansprüche und der Berufswahl. Es wäre hier also vorerst abzuklären was die eigenen Interessen sind“, rät Christoph Fittschen. Für viele Tätigkeiten, die Studierende der Geisteswissenschaften ergreifen können, genüge ein Bachelor. Unumgänglich sei ein Master in der Wissenschaft – und auch wer Karriere machen und Führungspositionen erlangen möchte, sollte eher über einen Master nachdenken.
Ob ein Bachelor, Master oder Doktortitel bei der Jobsuche von Absolvent:innen der Geisteswissenschaften sinnvoll ist, lässt sich demnach nicht pauschal beantworten. Allerdings verdeutlicht der IW-Report 32/19 des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln), dass die Beschäftigungsbilanz für promovierte Geisteswissenschaftler:innen durchweg positiv sei. Die mit der Promotion unter Beweis gestellten Fähigkeiten und die offensichtlich hohe Leistungsbereitschaft seien Eigenschaften, die einen Karriereverlauf grundsätzlich positiv beeinflussen.
Dem Report zufolge sind eine Promotion sowie zunehmende Berufserfahrungen Faktoren, die die Gehaltsposition von Geisteswissenschaftler:innen deutlich verbessern. So erreichen Geisteswissenschaftler:innen in Vollzeit am häufigsten leitende Aufgaben, wenn sie über eine Promotion verfügen. Nahezu jede:r zweite Geisteswissenschaftler:in mit Doktortitel (49,8 Prozent) ist entweder Führungs- oder Aufsichtskraft und erreicht damit häufiger höhere Positionen als der Durchschnitt der Akademiker:in. Im Vergleich dazu schneiden Masterabsolvent:innen mit 27,3 Prozent und Bachelorabsolventen mit 23,4 Prozent in ähnlichen Positionen deutlich schlechter ab.
Fachfremde und inadäquate Beschäftigung
Eine auf dem Mikrozensus 2023 basierende Statistik der Bundesagentur für Arbeit unterstreicht, dass ein höherer Abschluss sinnvoll sein kann: „In Befragungen geben zwei von drei Absolventinnen und Absolventen von geisteswissenschaftlichen Fächern an, einer Tätigkeit nachzugehen, deren Inhalte, Anforderungen und Position ihrem Studium entsprechen. (...) Jeder Vierte beschreibt seine Arbeit zwar als fachfremd, die berufliche Position aber als durchaus einem Hochschulabschluss angemessen. Lediglich 11 Prozent der geisteswissenschaftlichen Diplom-Absolventinnen und -absolventen gaben in einer Befragung zehn Jahre nach ihrem Studium an, dass sie tatsächlich sowohl fachlich als auch positionsbezogen unter Niveau beschäftigt seien. Eine weitere Untersuchung stellte fest, dass Master-Absolventinnen und -Absolventen ein Jahr nach dem Examen zu 13 Prozent inadäquat beschäftigt waren, von Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen sogar fast ein Drittel.“
Tipps für die Jobsuche: Orientierung schaffen und Netzwerke nutzen
„Studierenden der Geisteswissenschaften stehen sehr viele Tätigkeiten offen. Diese Vielfalt verunsichert“, weiß Christoph Fittschen, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Studium und Beruf der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg sowie Mitautor des oben genannten Buches. „Für Externe sieht es vielleicht so aus, dass Studierende der Geisteswissenschaften lediglich einen bunten Strauß an schöngeistigen Veranstaltungen belegt haben. Tatsächlich erwerben sie in ihrem Studium durchaus umfassende Methodenkenntnisse und Schlüsselqualifikationen. Sie sind sozusagen Generalistinnen und Generalisten."
- Profil erarbeiten und schärfen
Es empfehle sich, bereits während des Studiums ein Profil zu erarbeiten und sich darüber klar zu werden, in welche Richtung es gehen soll. Neben einer gezielten Auswahl der Veranstaltungen sind aber auch Länge des Studiums, Abschlussnote, Ruf der Universität, Zertifikate und vor allem auch Berufserfahrungen sowie Praktika entscheidende Faktoren.
Wer zum Beispiel weiß, dass er dank seines Geschichtsstudiums eine hohe Analysefähigkeit mitbringt, kann Stellenanzeigen auf das eigene Profil hin durchsuchen. Für gezieltere Bewerbungen ist es hilfreich, herauszuarbeiten, welche fachlichen Schwerpunkte die eigene Universität im Vergleich zu anderen Hochschulen hat, was die eigene Fächerkombination für Vorteile birgt und welche Zusatzqualifikationen man besitzt, wie beispielsweise Fremdsprachen- oder IT-Kenntnisse oder bereits vorhandene etwaige Berufserfahrungen.
- Netzwerken
Wer frühzeitig weiß, in welche Richtung es gehen soll, kann bereits während des Studiums gezielt ein Netzwerk aufbauen. In den Medien – laut der Agentur für Arbeit eine der typischen Branchen für Geisteswissenschaftler:innen – werden zum Beispiel viele Stellen über den verdeckten Arbeitsmarkt (Stellenbesetzung ohne Ausschreibung), speziell über persönliche Kontakte, vergeben. „Wenn durch Jobben, Praktika oder auch Ehrenämter während des Studiums bereits Kontakte geknüpft werden, das Profil also in eine Richtung ausgebildet wird, erleichtert das den Berufseinstieg“, bestätigt auch Herr Fittschen von der Universität Hamburg.
Um das eigene Netzwerk systematisch bei der Jobsuche einzubeziehen, sollten die Kontakte über den geplanten Berufseinstieg unterrichtet und eventuell um Unterstützung gebeten werden. Mit Fragen danach, wie dem Gegenüber der Jobeinstieg gelungen ist, was eigentlich die konkreten Aufgabenfelder und welche Fähigkeiten besonders gefragt sind, betreibt man Marktforschung in eigener Sache. Daneben halten auch Jobportale wie der ZEIT Stellenmarkt oder academics.de attraktive Stellenangebote für Geisteswissenschaftler:innen bereit.
Anzeige
Was sind Geisteswissenschaften?
Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, die sich auf empirische Erfahrungen stützen, untersuchen Geisteswissenschaftler:innen vor allem kulturelle und historische Phänomene, die analysiert und interpretiert werden. Duden definiert die Geisteswissenschaften als Lehre, die sich mit den verschiedenen Gebieten der Kultur und des geistigen Lebens auseinandersetzt. Das Buch „Praktikum!: Chancen nutzen – ein Ratgeber für Studierende der Geisteswissenschaften“ der Autoren Ulrike Job, Nadia Blüthmann und Christoph Fittschen erläutert es noch etwas genauer:
„Unter dem Begriff Geisteswissenschaften werden Fächer wie Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, europäische bzw. außereuropäische Einzelphilologien und deren Kulturraum, Klassische Philologie, Indogermanistik, Philosophie und Theologie/Religionswissenschaft, Geschichte, Kunst- und Musikgeschichte, Kulturkunde, Ethnologie, Völkerkunde und Medienwissenschaft zusammengefasst. Auch Anteile anderer Fächer – wie etwa Pädagogik oder eine nicht naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychologie – können zu den Geisteswissenschaften gerechnet werden.“
Außerdem zählen viele sogenannte Orchideenfächer zu den Geisteswissenschaften, wie beispielsweise Finno-Ugristik, Keltologie oder Onomastik (Namensforschung). Eine eindeutige Zuordnung der einzelnen Fächer ist allerdings nicht immer möglich.
Direkt- oder Quereinstieg: Bewerbungstipps
Wer als Geisteswissenschaftler:in auf der Suche nach seinem ersten Job ist, muss in den Stellenanzeigen zwischen den Zeilen lesen, denn Berufe für Geisteswissenschaftler werden fast nie als solche ausgeschrieben. Bei der Stellensichtung lohnt es sich deshalb, den Blick zu weiten. Manchmal verstecken sich hinter Berufsbezeichnungen, die einem spontan gar nichts sagen, passende Stellen oder zumindest Anknüpfungspunkte für einen Quereinstieg.
▶ Tipp: In unserem Downloadbereich finden Sie die Aufzeichnung des Seminars „Stellenanzeigen richtig lesen“!
Denn Geisteswissenschaftler:innen erwerben während ihres Studiums einige überfachliche Kompetenzen, die sie für ein breites Aufgabenfeld qualifizieren. Dem Fachbereich Sprache, Literatur und Medien der Universität Hamburg zufolge sind das unter anderem:
- kultursensibles Verstehen und Handeln
- Teamfähigkeit
- eine fundierte kritische Recherche- und Informationskompetenz
- kreative Projektmanagementkompetenz
- eine ausgeprägte Verstehens- und Vermittlungskompetenz
„Wenn Firmen Studierende der Geisteswissenschaften einmal eingestellt haben, haben sie zumeist in der Zukunft auch gerne auf diese Leute zurückgegriffen, da sie sich von den Fähigkeiten und Kompetenzen überzeugen konnten“, berichtet Christoph Fittschen.
Mit diesen Fähigkeiten finden Geisteswissenschaftler:innen beispielsweise Tätigkeiten im öffentlichen Dienst, zum Beispiel an Hochschulen, in Bibliotheken oder Behörden, aber auch in der freien Wirtschaft. Darunter fallen Aufgabenfelder aus den Bereichen
- Werbung
- Marketing
- Journalismus
- Erwachsenenbildung
- Coaching
- Personalberatung
- Projektmanagement
Weitere mögliche Arbeitgeber können Stiftungen, Vereine, Theater, Hörfunk, die Film- und Musikbranche, Verlage, Übersetzungsdienste oder der Tourismussektor sein. Auch der Bereich der Digital Humanities gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die digitalen Geisteswissenschaften stellen eine Schnittstelle zwischen Informatik und Geisteswissenschaften dar und ermöglichen beispielsweise Jobs als Data Scientists.
Eine Option für Geisteswissenschaftler kann auch der Quereinstieg als Lehrer:in sein. Wer merkt, dass er gerne mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten möchte, kann unter bestimmten Voraussetzungen und bei entsprechendem Bedarf auch ohne ein Lehramtsstudium an einer Schule tätig werden – oder unter bestimmten Voraussetzungen sogar noch eine Beamtenlaufbahn einschlagen.
Weiterbildungsmaßnahmen: So können sich Geisteswissenschaftler :innen spezialisieren
Jobcoachs empfehlen Geisteswissenschaftler:innen, eine Mappe anzulegen, in der Stellenausschreibungen von Traumjobs gesammelt werden. Damit lässt sich ein Überblick darüber gewinnen, welche Anforderungen die gewünschten Stellen haben und welche Qualifikationen einem vielleicht noch fehlen. So können beispielsweise für Theaterwissenschaftler:innen Weiterbildungen in Projektmanagement, BWL oder Social Media für eine Stelle in den Bereichen PR oder Eventmanagement an einem Theater bessere Argumente sein als ein Masterabschluss mit Auszeichnung. Wer sich allgemein für Öffentlichkeitsarbeit interessiert, punktet vielleicht mit erfolgreich absolvierten Photoshop- oder InDesign-Kursen; betriebswirtschaftliche Kenntnisse öffnen Möglichkeiten im Projektmanagement.
Die längere Phase der Jobsuche können Geisteswissenschaftler:innen dafür nutzen, sich im Rahmen von Weiterbildungsmaßnahmen zu spezialisieren. Wer bei der Agentur für Arbeit oder beim Jobcenter arbeitssuchend oder arbeitslos gemeldet ist, hat Anspruch auf einen Bildungsgutschein, mit dem die Finanzierung von Weiterbildungen sowie Jobcoachings möglich ist. Wer noch an einer Hochschule eingeschrieben ist, kann außerdem von Bewerbungs- und Präsentationstrainings profitieren. So bietet das Career Center der Universität Hamburg beispielsweise Absolvent:innen noch bis zu zwei Jahren nach Abschluss einen Bewerbungsunterlagencheck sowie Workshops zu diesem Thema an.
Darüber hinaus bieten viele Unternehmen auch spezielle und individuelle Traineeprogramme, die sich direkt an Geisteswissenschaftler:innen wenden. Als Trainee finden die Absolvent:innen so einen fundierten und gezielten Start in den verschiedensten Bereichen.
Berufseinstieg in die akademische Laufbahn als Geisteswissenschaftler:in
Wer auch nach dem Studium an der Universität bleiben möchte, sollte frühzeitig die Weichen für eine akademische Laufbahn stellen. Als wissenschaftliche Hilfskraft bereits persönlich mit Dozent:innen und Professor:innen in Kontakt gestanden zu haben ist von Vorteil, wenn es nach dem Masterabschluss darum geht zu promovieren und eine Stelle als wissenschaftliche:r Mitarbeiter:in oder später Nachwuchsgruppenleiter:in bzw. Juniorprofessor:in bekommen. Die Wege zur Professur können in den Geisteswissenschaften zwar unterschiedlich aussehen. Wer aber einen Ruf auf einen Lehrstuhl erhalten möchte, kommt um die Promotion und in der Regel auch um eine Habilitation oder vergleichbare Qualifikationen nicht herum.
Germanistik: Wissenschaftliches Personal an Hochschulen
Position | Anzahl | Anteil (%) |
---|---|---|
Professor:innen |
4.758 |
23,13 |
Dozent:innen sowie Assistent:innen |
392 |
1,91 |
Wiss./und künstlerische Mitarbeiter:innen |
13.141 |
63,89 |
Lehrkräfte für besondere Aufgaben |
2.271 |
11,04 |
Insgesamt |
20.562 |
100,00 |
Das Einstiegsgehalt von Geisteswissenschaftler:innen
Laut „Absolventa“ liegt das Einstiegsgehalt von Geisteswissenschaftler:innen bei 38.190 Euro brutto pro Jahr und damit deutlich unter dem fächerübergreifenden Durchschnitt von 43.021 Euro, wie kununu ermittelt hat.
Auch die Durchschnittsgehälter im weiteren Berufsleben sind laut der Statistik der Bundesagentur für Arbeit „unterdurchschnittlich“, auch wenn eine eindeutige Aussage aufgrund der großen Varianz der ausgeübten Berufe nicht möglich sei. Abhängig Beschäftigte, die einen Studienabschluss in der Fächergruppe Sprach- und Kulturwissenschaften, Sport aufweisen, erzielten demnach ein durchschnittliches jährliches Nettoeinkommen von rund 33.900 Euro. Diese Gehaltsangabe werde allerdings dadurch positiv beeinflusst, weil auch Lehramtsabsolventen zu dieser Fächergruppe gehören mit einem durchschnittlichen Nettoentgelt von etwa 36.300 Euro. Historiker:innen und Historiker kamen laut der Statistik auf knapp 35.000 Euro, ehemalige Theologie-Studierende auf knapp 39.000 Euro.
▶ Mehr lesen: Gehalt – Das verdienen Geisteswissenschaftler:innen