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Universität - Zentrum der Forschung?

Von Bernhard Kempen

Die Behauptung der zentralen Rolle der Universität für die Forschung ist nicht isoliert zu betrachten. Sie ist verbunden mit den Fragen der Qualitätsmessung, des Leistungsvergleichs im Wettbewerb (Rankings) und der Frage nach der Einheit von Forschung und Lehre.

Universität - Zentrum der Forschung?© AVAVA - Fotolia.com
Das Fragezeichen in der Überschrift "Universität - Zentrum der Forschung?" provoziert einen Effekt, der genauso eintreten würde, wenn der Deutsche Fußballbund eine Veranstaltung zur Frage "Deutschland nie mehr Weltmeister?" oder der Vatikan eine Veranstaltung zur Frage "Abschaffung der 10 Gebote?" machen würde. Selbstverständlich ist die Universität Zentrum der Forschung. Sie ist es in historischer Perspektive: Wo, wenn nicht an den Universitäten, hat in den letzten 800 Jahren die wissenschaftliche Forschung Triumphe gefeiert? Und sie ist es in personell-funktionaler Perspektive: Wo, wenn nicht an den Universitäten, lernen junge Leute, was es heißt zu forschen? Aber auch, wenn sich dies alles von selbst versteht, gibt es doch Anlass, die Situation der Forschung in Deutschland näher in Augenschein zu nehmen. Nicht ob die Universität Zentrum der Forschung ist, sondern wie sie ihre zentrale Rolle ausfüllt und in Zukunft noch besser ausfüllen kann, ist unser Thema.

Qualität der Forschung

Was haben Prag, Belfast, Madrid, Houston und Bologna gemeinsam? Die Universitäten dieser Städte sind schlechter als die Universität zu Köln, meine Heimatuniversität. Jedenfalls vermittelt das vielzitierte Shanghai-Ranking diesen Eindruck. Daran rankt sich Köln hoch. Mehr als 320 Universitäten sind schlechter, darunter Düsseldorf! Da tut es den Kölnern schon gar nicht mehr so weh, dass rund 180 Universitäten weltweit besser sind und dass Düsseldorf in anderen Rankings besser abschneidet. Andere Rankings bescheinigen Köln einen guten Tabellenplatz in der Forschung, beispielsweise das CHE-Ranking, das anders als die chinesische Tabelle immerhin zwischen verschiedenen Fächern differenziert. Die juristische Fakultät steht im nationalen Vergleich recht gut da. Das CHE-Ranking bescheinigt den Kölnern eine gute Forschungsreputation und Forschungsleistung, deckt aber auch schonungslos auf, dass die Betreuungsrelation, die Bibliotheks- und die IT-Ausstattung in Köln miserabel sind, schlechter als in Düsseldorf. Schlechter als in Düsseldorf fällt nach dem CHE-Juristen-Ranking - auch dies allen Ernstes ein Wertungsindikator - das Urteil der Kölner Jurastudenten über ihren Hochschulsport aus. Immerhin, die Forschungsreputation und die Forschungsleistung der Kölner Juristenfakultät gelten als überdurchschnittlich.

Die Freude über diesen Rankingerfolg hält sich in Köln in Grenzen. Zu deutlich sind die Zweifel, ob im Ranking das Wesen juristischer Forschung überhaupt erfasst ist. Die Zahl der Promotionen, die Zahl der Publikationen und die Höhe der Drittmittel sagen zweifellos einiges zur Situation der Forschung aus, aber beschreiben diese Indikatoren auch die Qualität? Ein bisschen kommt mir der Rückgriff auf quantifizierbare Parameter immer so vor, als wolle man die Qualität eines Konzerts anhand der Zahl der verkauften Eintrittskarten oder die Qualität eines Gemäldes anhand der Zeit beurteilen, die der Künstler brauchte, um das Werk fertig zu stellen. Nicht dass ich gegen Rankings wäre, und schon gar nicht gegen solche, die meine Universität und meine Fakultät in rosigem Licht erscheinen lassen. Aber wenn wir über Qualität der Forschung reden, müssen wir uns immer der Unvollkommenheit unserer Messwerkzeuge bewusst sein. Wir brauchen eine Relativitätstheorie der Evaluation.

Nur wer im Umgang mit der Forschungsbewertung die richtige Sensibilität besitzt, ist gegen folgenschwere Irrtümer gefeit, beispielsweise gegen den Irrtum, Forschung ohne DFG-Mittel sei keine Forschung, oder gegen den Irrtum, unterhalb der sog. Exzellenz-Forschung sei alle Forschung nutz-, fruchtund wertlos. Angesichts der verbreiteten exzellenzseligen Forschungsökonomisierung ist in Erinnerung zu rufen: Auch die drittmittelfreie Suche nach Wahrheit auf den Nebenstrecken des wissenschaftlichen Mainstreams, auch die Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die schnellen volkswirtschaftlichen Ertrag nicht verspricht, und auch die Grundlagenforschung, die praktische Anwendung und technische Innovation zu unseren Lebzeiten nicht erwarten lässt, ist unverzichtbare universitäre Forschung. Die Exzellenzinitiative ist gewiss ein Meilenstein in der Forschungsförderung. Sie verdient, unbedingt, wenn auch vielleicht nicht unverändert, fortgesetzt zu werden, doch darf sie nicht dazu führen, dass wir eine verengte und verzerrte Vorstellung von der universitären Forschung und damit von der Universität bekommen. Die Gefahr besteht durchaus.

Die Einheit von Forschung und Lehre

Die Universität des 21. Jahrhunderts geriete in Schieflage, wenn die Stimulation des Forschungswettbewerbs im Ergebnis zu einer überspitzten, wissenschaftsfeindlichen Ausdifferenzierung führt, etwa dergestalt, dass es Forschungs- und Lehruniversitäten beziehungsweise Forschungs- und Lehrprofessoren geben soll. Gegen solche politischen Versuchungen, hinter denen weniger die planende Hand des Wissenschaftsministers als der Rotstift des Finanzministers zu erkennen ist, hilft nur der zur Überzeugung verdichtete Glaube an den wissenschaftsimmanenten Zusammenhang von Forschung und Lehre, den man in quasi-theologischer Semantik getrost auch als Einheit von Forschung und Lehre beschreiben kann. Gemeint ist damit, dass Forschung ohne Lehre genauso wenig vorstellbar ist wie wissenschaftliche Lehre ohne Forschung. Der Zusammenhang erklärt sich vor dem Hintergrund des steten Flusses der Generationen ganz von selbst. Forschung, die sich der nachfolgenden Generation nicht im Wege der Lehre mitteilt, fällt dem Vergessen anheim, und Lehre, die meint, ohne Forschung auskommen zu können, verfehlt ihren eigentlichen Sinn, forschendes Nachdenken zu erzeugen.

Ich will nicht darüber streiten, welche politischen Handlungskorridore eröffnet sind, um die Einheit von Forschung und Lehre in Balance zu halten, aber ich weiß, dass sie schmaler sind, als einige glauben. Wer Lehrprofessoren will, die in der Forschung abgemeldet sind, muss dies vor den Studierenden verantworten. Wie werden die reagieren, wenn sie an den Universitäten auf Professoren treffen, die langweilige Lehrroutinen herunterleiern und die Forschung nur noch vom Hörensagen kennen? Haben sie nicht einen Anspruch auf Professoren, die als aktiv Forschende die Faszination von Forschung erlebbar machen und auf diese Weise im doppelten Wortsinne begeistern können?

Auf einem anderen Feld, auf dem traditionell eine Gleichgewichtsstörung vorhanden ist, gibt es Erfreuliches zu vermelden. In der jüngeren Zeit ist ein politisches Bemühen wahrnehmbar, bei der Strukturierung der geteilten deutschen Forschungslandschaft eine bessere Balance zu finden. Wenn sich in Karlsruhe die Universität und das Forschungszentrum Karlsruhe, eine Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft, zum "Karlsruher Institut für Technologie" (KIT) zusammenschließen, darf dies als Signal verstanden werden, die unselige Versäulung der Forschung in Deutschland zu überwinden und die aus den Universitäten ausgelagerte Forschung wieder an die Universität heran zu führen. Es wird Zeit, und wir sind gerne dabei behilflich.

Attraktive Karrierewege anbieten!

Am Ende meiner kleinen Begrüßungsansprache wird Ihnen aufgefallen sein, dass noch kein Wort zur globalen Wirtschafts- und Finanzkrise gefallen ist. Möglicherweise erwarten Sie das aber, und so will ich sie nicht enttäuschen, es gleichwohl mit einem Satz ganz kurz machen. Wichtig ist es jetzt, Forschung als Investitionsgut zu begreifen, wichtiger noch, sich auf die geistige Orientierung durch Wissenschaft zu besinnen, am wichtigsten aber, gerade jetzt jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusätzliche und attraktive Karrierewege in der Universität als dem Zentrum der Forschung anzubieten. Ohne Köpfe, die Wissen schaffen, ist die Krise nicht zu meistern.

Der hier leicht gekürzte Vortrag wurde zur Eröffnung des 59. DHV-Tages am 30. März 2009 in Düsseldorf gehalten.

Über den Autor
Bernhard Kempen lehrt Ausländisches Öffentliches Recht und Völkerrecht an der Universität zu Köln und ist Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Völkerrecht, Europarecht, Öffentlichen Recht und Wissenschaftsrecht.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2009

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